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"Betrieb kommt hier bald zum Erliegen"

Uniklinikum "Betrieb kommt hier bald zum Erliegen"

Am Tag nach dem Übernahmeangebot des Medizinkonzerns Fresenius für die Rhön-AG sank die Stimmung am Universitätsklinikum Gießen und Marburg weiter.

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Die Marburger Uniklinik soll einen neuen Besitzer erhalten.

Quelle: Nadine Weigel

Marburg. Die Betriebsratsvorsitzende am Standort Marburg, Bettina Böttcher, ist der Verzweiflung nahe: „Der Unmut bei den Beschäftigten wächst von Stunde zu Stunde, die Stimmung ist im Keller“. Nach der Übernahmeankündigung von Fresenius sei nochmal eine qualitative Verschlechterung eingetreten.

Böttcher wiederholte am Freitag ihre Warnung davor, dass das Klinikum „an die Wand gefahren“ werde: Nicht irgendwann in Monaten, sondern ganz konkret, wenn nicht schnell etwas passiert. „Bei der Frage der Verlängerung von befristeten Verträgen tut sich momentan überhaupt nichts“, sagt Böttcher. Will heißen: Gespräche zwischen Betriebsrat und der neuen Geschäftsführung stocken mit der Folge, dass auslaufende Fristverträge - aktuell wieder zum Monatsanfang - nicht verlängert werden. „Ohne ein Moratorium kommen wir keinen Schritt weiter“, sagt Böttcher. Derzeit würden einzelne Abteilungen schlicht und einfach langsam ausgeblutet - durch Nichthandeln. „Wenn sich nicht schnell irgendjemand verantwortlich fühlt, kommt der Betrieb hier oben ganz bald zum Erliegen.“

Auch Friedrich Bohl, von der Landesregierung als Mediator eingesetzt, spürt die niedergeschlagene Stimmung am Klinikum. Der CDU-Politiker, der jüngst in der OP eine „zweite Chance“ für das Klinikum gefordert hatte, hält seinen Mediationsauftrag für „nicht erledigt“. „Es besteht weiter die Notwendigkeit, die Zustände am Universitätsklinikum zu verbessern“, sagte Bohl am Freitag der OP. Das Übernahmeangebot von Fresenius an die Rhön-Aktionäre belaste die Mitarbeiter zusätzlich.

Die privatisierungs-kritische Initiative „Notruf 113“ forderte am Freitag die Rücknahme des Uniklinikums durch das Land - „in Übereinstimmung mit den Kliniksdirektoren von Gießen und Marburg, den Leitungen der Universitäten, dem Marburger Oberbürgermeister und dem Stadtparlament sowie der Landtagsfraktion der SPD“, betonte die Initiative.

Die Privatisierung der Uniklinika sei gescheitert. Die geplante Übernahme der Rhön-AG durch Fresenius ändere an der beklagenswerten Situation nichts. Notruf 113 wies darauf hin, dass sich nach der Kalkulation von Fresenius die Transaktion positiv auf den Gewinn pro Aktie auswirke. „Diese Mittel werden nicht für die Patientenbetreuung zur Verfügung stehen“, schrieb die Ärzteinitiative in einer Erklärung.

Der Chef der Fresenius-Tochter Helios, Francesco De Meo, bezifferte den Marktanteil beider Klinik-Gruppen in Deutschland nach der geplanten Übernahme von Rhön durch Fresenius auf acht Prozent. Es würde ein Krankenhauskonzern mit einem Umsatz von rund sechs Milliarden Euro und etwa 80.000 Beschäftigten entstehen.

Das Kartellamt muss dem Geschäft noch zustimmen. Der Sitz des gemeinsamen Unternehmens soll der bisherige Firmensitz von Helios in Berlin sein.

Die Dienstleistungsgewerkschaft verdi warnte am Freitag vor der neuen Marktmacht des entstehenden Großkonzerns. Bundesvorstandsmitglied Ellen Parschke forderte ein Ende der Privatisierungen und von den Ländern eine ausreichende Finanzierung der Krankenhausinvestitionen.

Der Wert der Rhön-Aktie, der vor dem Übernahmeangebot bei unter 15 Euro gelegen hatte, stieg am Freitag noch einmal leicht an und lag bei Börsenschluss bei 21,35 Euro.

von Till Conrad

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