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Hinterland Beim Winterfutter für Tiere wird es eng
Landkreis Hinterland Beim Winterfutter für Tiere wird es eng
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00:18 08.08.2018
Die Gastgeber Konrad (von links), Günter, Elisabeth und Anke Kraft mit den Erntegesprächsteilnehmern Heinz-Hermann Nau-Bingel, Volker Lein, Jens Eidam, Kirsten Fründt, Erwin Boland, Karin Lölkes, Frank Staubitz, Paul Neubauer und Herbert Becker. Quelle: Götz Schaub
Reimershausen

Ja, es gibt auch im Landkreis Ernteeinbußen beim Getreide, sagt Karin Lölkes, Vorsitzende des Kreisbauernverbandes Marburg-Biedenkopf. Doch liegen diese im Gegensatz zu anderen Regionen in Hessen und Deutschland meist noch im Maße des Erträglichen.

Die Viehhalter sind hingegen in ernsthafter Sorge, sagt Kreislandwirt Frank Staubitz. Denn das trockene und heiße Wetter hat die Heuernte wesentlich geschmälert. „Der erste Schnitt war eigentlich sehr gut, doch danach gab es eigentlich nicht mehr viel“, so Staubitz. Will heißen, der zweite Schnitt fiel schon sehr bescheiden bis schlecht oder gar komplett aus und über einen dritten müsse man bei dieser Wetterlage nicht mehr nachdenken.

Das bedeutet, dass es beim Winterfutter für das Vieh eng, ja sehr eng werden kann. Vor allem, weil anderswo in Deutschland aufgrund des Wetters die Situation auch nicht besser sein kann, und sich Viehfutter kaum über längere Strecken transportieren lasse.

Rübenblätter oder schnell wachsendes Gras könnte helfen

Das Heu für die Tiere könne noch mit Stroh gestreckt werden, aber auch das sei nicht die Lösung für ruhige Nächte. Deshalb ergriff Staubitz die Gelegenheit und sprach gestern Landrätin Kirsten Fründt beim Erntegespräch auf dem Hof der Landwirtsfamilie Günter und Anke Kraft in Lohra-Reimershausen direkt an und verlangte baldmöglichst ein Gespräch mit dem Landkreis und dem Veterinäramt, was jetzt noch auf anderen Feldern möglich gemacht werden könne.

Rübenblätter, die sonst zerhäckselt werden, können etwas weiterhelfen, oder die Einsaat von schnell wachsendem Gras, das noch im Spätherbst geschnitten werden könnte. Landrätin Fründt zeigte generelle Gesprächsbereitschaft, weil ihr das Auskommen der Landwirte im Landkreis ein wichtiges Anliegen ist. Lob erhielt sie dafür sofort von Volker Lein, dem Vizepräsidenten des Hessischen Bauernverbandes, der herausstellte, dass es immer wichtig sei, dass auf den unteren Ebenen die Kontakte zwischen Politik und Landwirtschaft gut sein müssen.

Landrätin Fründt hat sich schon früh in ihrer ersten Amtszeit dafür eingesetzt, dass Landwirte ihre Produkte regional anpreisen sollen und ihnen jegliche Unterstützung auch in der entsprechenden Öffentlichkeitsarbeit zugesagt. Auch wenn Staubitz proklamierte, dass bei der jetzigen Situation das Tierwohl Vorrang haben müsse, machte die Landrätin auch darauf aufmerksam, dass der Kreis nicht autark von eingegangenen Verträgen handeln könne. Aber sie signalisierte, dass das eingeforderte Gespräch von Staubitz zielgerichtet geführt wird.

Extremwetter gab es schon im Frühling

Das Extremwetter macht den Landwirten nicht erst seit der Hitzewelle zu schaffen. Es lief schon bei der Einsaat im vergangen Jahr mitunter holprig und dann wartete ein Frühjahr mit Extremen auf, meinte Volker Lein. Auf einen März mit zwei Kältewellen folgte ein sehr warmer April. Von Februar bis Juni fehlte schon ein Drittel der üblichen Niederschlagsmenge. Das hatte durchaus unterschiedliche Auswirkungen auf die hiesigen Landwirte, die auch sehr unterschiedlichen Ackerboden bewirtschaften.

Das können Anke und Günter Kraft, die den einzigen Milchkuh-Vollerwerbshof in der Gemeinde Lohra führen, aus eigener Erfahrung nur bestätigen. Bei ihnen braucht es gar nicht Extremwetter, um gewisse Ernteerfolge zu gefährden. Aufgrund der Bodenbeschaffenheit brauchen sie in der Wachstumsphase in einem recht kleinen Zeitfenster den richtigen Regen. Bleibt er aus, können sie schon von vornherein mit Verlusten rechnen.

Bei der Wintergerste fielen zwischen 10 und 30 Prozent aus, bei der Sommergerste, die für das Bierbrauen wichtig ist, lief es gut, beim Winterweizen waren es dann schon wieder zwischen 15 und 30 Prozent weniger Ertrag als üblich. Und beim Raps gingen die Ausfälle bis zu 60 Prozent hoch.

Die unfreiwillig herausgeholte Zeit wird wohl schon bald zur Maisernte genutzt, wenn nicht bald Regen kommt. So oder so wird es spürbar weniger Kolben geben. Man dürfe noch gespannt sein, wie die Rüben- und Kartoffelernte ausfällt. „Ein Landwirt hat mit der Natur zu arbeiten. Die Wasserversorgung und das persönliche Management des Landwirts sind die Grundlage für gute Erträge“, sagt Herbert Becker, Pflanzenbauberater für den Landkreis Marburg-Biedenkopf. Doch helfe kein noch so gutes Management, wenn das Wasser ausbleibt.

Kaum zu ertragen seien nun Meinungen, dass die Bauern als Klimakiller ja selbst schuld seien und jetzt auch Schadensersatz fordern würden. „Der Anteil der Landwirtschaft an den Treibhausgasen sind sieben Prozent“, sagt Lein. Er könne nicht verstehen, wie sich die öffentliche Meinung so auf die Landwirte einschießen könne, ohne mal über die Hauptverursacher nachzudenken, er nannte in diesem Zusammenhang Schiffe und Flugzeuge.

Bauern fühlen sich als Störfaktor wahrgenommen

Jens Eidam ist auch Mitglied des Kreisbauernvorstandes. Er ist Bio-Bauer. Er zeigte auf, dass konventionelle und ökologische Landwirtschaft sich keineswegs ausschließen, sondern dass man sich auch gegenseitig helfe.

Beim Getreide mussten viele der hiesigen Bio-Landwirte nicht so hohe Ernteausfälle verkraften. Eidam vermutet, dass dies am eingebrachten Humus liegen könnte, der vielleicht das Wasser länger gehalten hat. „Eine Top-Ernte hatten wir aber auch nicht“, so Eidam. Er regte an, dass sich Landwirte mitunter wieder etwas breiter aufstellen sollten, weil eine extreme Spezialisierung doch auch große Risiken beinhalte.

Auch sollte man bei der Sortenwahl vielfältiger werden. Das sei aber nicht so zu verstehen, dass es hier im Kreis Monokulturen gäbe, wie von einigen Menschen immer wieder behauptet. Staubitz versichert: 99 Prozent der genutzten landwirtschaftlichen Flächen werden nach dem Prinzip der Fruchtfolge betrieben.

Bei all der Sorge um das eigene Auskommen klingt bei den Landwirten auch Frust durch, bei Mitmenschen immer mehr nur noch als Störfaktor wahrgenommen zu werden. Als Stinker im Dorf, als Klimawandel-Verursacher und als Krachmacher in der Nacht. „Man muss sich fragen, für wen wir das alles machen“, sagt Staubitz.

Zuletzt musste er schwer an sich halten, als Mondfinsternis-Gucker mit ihren Autos den Feldweg versperrten und nur genervt waren, für den Landwirt das Auto umparken zu müssen. Hingegen habe der kürzlich veranstaltete Tag der Landwirtschaft aber auch gezeigt, dass große Teile der Bevölkerung an Landwirtschaft interessiert sind.

von Götz Schaub