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Bau war Knochenarbeit

Kirchenjubiläum Bau war Knochenarbeit

Als in Weidenhausen Anfang der 1960er Jahre eine neue Kirche entstand, gab’s im Dorf nicht nur Lob. "Baut ihr eine Kirche oder eine Reithalle?", fragten Kritiker.

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Friedel Jakob (links) und Peter Schiller präsentieren die von ihnen zusammengestellte CD mit historischen Fotos über die Baugeschichte der Jubiläumskirche (kleines Bild). Zu den Aufnahmen zählt auch dieses Bild von der frühen Phase der Arbeiten.Fotos: Hel

Quelle: privat

Weidenhausen. Anlässlich des 50-jährigen Bestehens der evangelischen Kirche Weidenhausen verfolgten etwa 100 Besucher in Wort und Bild das Geschehen rund um den Bau des Gotteshauses vor gut 50 Jahren. Die Besucher hatten nun Gelegenheit, interessante Details aus der Baugeschichte zu erfahren.

Lebendig und interessant war dieser Vortrag, für den Friedel Jakob und Peter Schiller in den beiden vergangenen Jahren viele historische Dokumente zusammengetragen hatten.

Zunächst berichtete der 83-jährige Walter Müller, der zu der Zeit des Kirchenbaus dem Kirchenvorstand angehörte, über die Vorgeschichte zu diesem Bauwerk. Müller erinnerte sich, dass der damalige Pfarrer Martin Lenz (1957-1969) und Karl Michel vom Kirchenvorstand Gespräche mit der Kirchenleitung in Darmstadt geführt und dabei auch Ausschau nach Geldgebern gehalten hätten. Wichtig sei es gewesen, was die politische Gemeinde zu diesem Bauwerk und letztendlich die Gemeindeglieder an Spenden beisteuern konnten. Dazu seien Gemeindeabende veranstaltet und Spendenlisten ausgelegt worden. „Baut ihr eine Kirche oder eine Reithalle“, sei auch manche Kritik zu diesem modernen Bauwerk geäußert worden.

Diese habe sich mit dem Fortschreiten der Bauarbeiten gelegt und sei noch einmal entflammt bei dem Einbau der Kirchenfenster, die aufgrund ihrer Gestaltung wenig Lichteinfall in das Gebäude ermöglichen. Von einem Schildbürgerstreich sei die Rede gewesen, da Gottesdienste ohne künstliches Licht nicht stattfinden könnten, bis letztendlich ein Vergleich mit der Marburger Elisabethkirche und den dortigen Lichtverhältnissen für ein Einsehen und die gute Annahme des Gotteshauses gesorgt habe.

Aus der Baugeschichte hatten Friedel Jakob und Peter Schiller viele Fotos zusammengetragen, die zum Teil aus dem Fundus der Ehefrau von Pfarrer Lenz, Ingrid Lenz, stammten. Sie wurden auf eine Leinwand projiziert. Friedel Jakob berichtete, dass das morsche Gebälk und auch die Platzverhältnisse der alten Weidenhäuser Kirche einen Neubau unumgänglich gemacht hätten.

Die Bauarbeiten führte der Bad Endbacher Bauunternehmer Hans Biek aus. Das Baumaterial entstammte aus einem Steinbruch bei Selters. Als Architekt wirkte Berthold Himmelmann aus Marburg.

Auf der Baustelle gab‘s weder Gerüst noch Kran

„Eine Knochenarbeit“ seien die Bauarbeiten gewesen, so Friedel Jakob, denn es hätten nahezu alle technischen Möglichkeiten gefehlt, die auf heutigen Baustellen selbstverständlich vorhanden sind, vom Gerüst bis zum Kran.

Atemberaubend und geradezu abenteuerlich gestaltete sich damals das Richten der Dach­konstruktion, die eine Stahlbaufirma aus Frankenberg vornahm. Mit A-Mästen aus Fichtenstämmen gestützt, mit Drahtseilen gesichert und an einem Flaschenzug in der Spitze wurde diese Konstruktion errichtet, deren Säulen später eingemauert wurden. Lediglich der Turm erhielt eine Einrüstung. Die Zimmererarbeiten führte die Firma Wagner (Erdhausen) aus. Die Firma Müller (Runzhausen) nahm die Eindeckung des Kupferdaches vor.

Das Richtfest und die Grundsteinlegung erfolgten am 19. August 1961. Mit vier neuen Glocken, die die Sinner Glocken­gießerei Rincker lieferte, wurde der Kirchturm ausgestattet. Die Kirchenfenster mit biblischen Darstellungen gestaltete Eugen Keller aus Höhr-Grenzhausen.

Die Einweihung der neuen Kirche nach rund zweijähriger Bauzeit erfolgte am 28. Oktober 1962. Friedel Jakob erinnerte daran, dass gerade zu dem Tag der Einweihung vor 50 Jahren die Kubakrise ihren Höhepunkt erlebte und auch in der heimischen Region für eine gewisse Unruhe unter der Bevölkerung sorgte. Wenige Stunden vor der Einweihung der Kirche verbreitete sich die Meldung, dass Russland seine Schiffsflotte zurückziehe. Dies sorgte für eine doch entspannte Einweihungsfeier, bei der der damalige Kirchenpräsident Martin Niemöller die Predigt hielt.

Etwa drei Jahre nach der Einweihung erhielt die Weidenhäuser Kirche eine Orgel.

Die Zuhörer zollten den Referenten viel Beifall für ihre Vorträge.

Friedel Jakob und Peter Schiller haben eine CD zu der Baugeschichte mit historischen Fotos gestaltet, die bei der evangelischen Kirchengemeinde bestellt werden kann.

von Helga Peter

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