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Hinterland „Es wird weitere Bankfusionen geben“
Landkreis Hinterland „Es wird weitere Bankfusionen geben“
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11:23 06.02.2018
Dr. Peter Hanker, Vorstandsvorsitzender der Volksbank Mittelhessen, ist überzeugt, dass der Immobilienmarkt in Marburg nicht überhitzt ist. Quelle: privat
Marburg

Vergangene Woche blickte die gesamte Bankenbranche gespannt nach Tübingen: Dort entschied das Landgericht, dass die Volksbank Reutlingen ihren Kunden bei schon bestehenden Verträgen nicht einfach nachträglich Negativzinsen aufbürden darf. Zugleich deuteten die Richter in ihrem Urteil aber auch an: Für grundsätzlich unzulässig halten sie Negativzinsen für Privatanleger nicht.

Für Dr. Peter Hanker, Vorstandsvorsitzenden der Volksbank Mittelhessen, ist klar: „Wir schließen Negativzinsen für unsere Privatkunden und kleine Gewerbetreibenden absolut aus. Das ist kein Thema für uns und wird es auch nicht sein.“ Große Kapitalmarkt-Adressen oder Institutionen, die „50 Millionen oder mehr bringen, müssen ganz normal bezahlen wie andere auch“, sagt er. Die Gerichtsentscheidung in Tübingen habe dennoch „mehr als nur einen Signalcharakter“.

In den USA sei mittlerweile eine sanfte Zinswende eingeläutet worden. Doch Mario Draghi, Chef der Europäischen Zentralbank, „ist unbelehrbar. Der volkswirtschaftliche Schaden für die Sparer in Deutschland, die keine Zinsen bekommen, ist mittlerweile höher als der Nutzen für die Südländer durch die Nullzinspolitik“, sagt Hanker. Das Zinstal sei tief, „aber es wird künstlich zu lange gehalten“, meint er. Es müsse wieder „ein erkennbares Zinsniveau“ geben, sonst zwinge man die Menschen, auszuweichen – „so entstehen dann auch Blasen wie Bitcoin“.

Wachstumstreiber bei der Volksbank sei das Kreditgeschäft gewesen (die OP berichtete). „Die Region ist gesund, wir haben faktisch keine größeren Insolvenzen. Vor allem der Altkreis Marburg ist wirtschaftlich sehr potent“, sagt Hanker.

Dennoch mangele es vor allem in der Universitätsstadt ganz markant an einem Gut: Wohnraum, „bezahlbarer Wohnraum ebenso, wie der für Menschen, die gerne etwas exklusiver wohnen“, sagt Hanker. Die Stadt könne in jeder Hinsicht noch etwas vertragen, „wir spüren eine riesige Nachfrage – sowohl nach studentischem Wohnen, bezahlbarem Wohnraum insgesamt als auch von Menschen, die es gerne etwas exklusiver hätten“.

Hedgefonds kaufen bereits kleine Firmen der Region

Dabei hält Hanker aber nicht viel vom Bauen in die Höhe oder der Wohnraumverdichtung, denn: „Der Charakter der Stadt muss erhalten bleiben.“ Das Problem: Der Markt fokussiere sich stark auf die Kernstadt. Und das führe dazu, „dass sich Marburg im hochpreisigen Segment auf 4 000 Euro je Quadratmeter Wohnraum zubewegt“, erläutert Hanker. Das sei zwar keine schöne, „aber eine ganz normale, konsequente Entwicklung“, es gebe keine Überhitzung oder Immobilienblase. „Die Nachfrage ist breit gestreut, aber wir können keine Spekulanten feststellen, die mehrere Wohnungen en bloc kaufen, um sie in zehn Jahren mit Gewinn zu veräußern.“

Was die Firmenkundenberater der Volksbank Mittelhessen erleben ist, „dass mittlerweile auch einige Hedgefonds sich für einige kleine Unternehmen in der Region interessieren“, sagt der Vorstandsvorsitzende. Es sei „sehr viel Geld im Markt, das Rendite sucht – daher kommen die Fonds auch in kleine Städte und halten Ausschau nach kleinen und mittelständischen Unternehmen“. Das führe dann mitunter dazu, dass Unternehmen, „die drei oder vier Millionen Euro wert“ seien, für nahezu das Doppelte den Besitzer wechselten. Eine Herausforderung für die Banken sei es, schlankere Strukturen zu realisieren, ohne sich aus der Fläche zurückzuziehen.

„Wir schließen für dieses Jahr jegliche Art der Filialschließung aus“, sagt Dr. Peter Hanker. Auch die Digitalisierung sei extrem wichtig. „Das Thema Bezahlen und Bargeld wird eine extreme Änderung erfahren“, ist er sicher. Während vor allem die älteren Deutschen ihr Bargeld liebten, „wird für die Generation, die jetzt ins Erwachsenenleben kommt, das Handy die Geldbörse sein“. Zugleich werde durch neue Terminals „durch den Einzelhandel eine neue Bargeldversorgung entstehen, die auch den Vorteil hat, dass der Händler das Geld los ist und es nicht teuer einzahlen muss“. Hanker versteht aber auch, „dass das Bargeld gerade in Zeiten des Datenschutzes für die Menschen eine andere Wertung bekommt – denn sie wollen nicht bei jedem ihre Daten hinterlassen“.

Immer wieder wird die Volksbank Mittelhessen auch mit Fusionen ins Spiel gebracht – beispielsweise mit der VR Bank Hessenland mit Stammsitz in Alsfeld oder der Raiffeisenbank Ebsdorfergrund. „Generell glaube ich, dass wir weitere Fusionen sehen werden“, sagt Hanker. Die Bank sei weiterhin „in höchstem Maße daran interessiert, mit Hessenland zusammenzukommen – da gibt es auch einen großen Konsens. Die Frage ist nur, wann der Zeitpunkt richtig ist“, sagt Hanker. Momentan sei er dies jedenfalls noch nicht. Fusionen seien auch richtig, „denn das, was der Markt heute verlangt, bedarf einer gewissen Risikotragfähigkeit und Größe“. Einer „Volksbank Hessen“ erteilt der Vorstandsvorsitzende jedoch eine Absage – „dadurch verlieren wir, was uns ausmacht: unsere Nähe“.

von Andreas Schmidt