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Hinterland Bande verprügelt Zeugen mit Holzlatten
Landkreis Hinterland Bande verprügelt Zeugen mit Holzlatten
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20:23 08.03.2012

Biedenkopf. Wohin Alkohol- und Drogenkonsum unter Jugendlichen sowie der Umgang mit „schlechten Freunden“ führen kann, war am Donnerstag im Biedenkopfer Amtsgericht zu erleben. Dabei mutet die Tat  an wie ein Kriminal- oder Wildwestfilm der Kategorie B, nur dass sie Anfang Oktober im Hinterland stattfand.

Nach Überzeugung des Vorsitzenden Richters Mirko Schulte spielte sich folgendes ab: Am Abend des Tags der deutschen Einheit wird das spätere Opfer telefonisch zu einer Feier mit den sechs Angeklagten  gerufen. Der 16-Jährige macht sich mit einer Kiste Bier auf den Weg dorthin. Am Treffpunkt angekommen, laufen zwei 20-jährige Angeklagte auf ihn zu. Sie erwischen den 16-Jährigen auf der Straße und dreschen mit einem Plastikrohr sowie einer Zaunlatte auf ihn ein, selbst als dieser schon am Boden liegt.

Trio war auf Nachschlag aus
In einer nahgelegenen Kneipe hören die Wirtsleute und ein Gast die Hilferufe.  Erst sieht die Frau nach und alarmiert die Polizei, während die Männer dem 16-Jährigen zur Hilfe eilen. Die Täter ziehen sich zurück und die Helfer bringen den Verwundeten ins Gasthaus. Während das Eintreffen der Polizisten erwartet wird, will die Gruppe den 16-Jährigen aus der Gaststätte holen.

Dazu will die 17-Jährige die Kneipe betreten, um sich zu erkundigen „wie es ihm geht“. Die Wirtin lässt dies jedoch nicht zu und drängt die Jugendliche hinaus, wo sie die 17-Jährige schlägt und tritt. Drei der jungen Männer kommen hinzu, was den Wirt einschreiten lässt, der dabei auch geschlagen wird. Schließlich zeigt der Gast erneut Zivilcourage und mischt sich ein. Kurz darauf trifft die Polizei ein und die Angreifer flüchten. Diese Version wird von den Zeugenaussagen gedeckt.

Das Opfer trägt eine Platzwunde am Kopf und Prellungen davon. Die Wirtin erleidet ebenfalls Prellungen und den Verlust ihrer Brille, der Wirt klagt über eine gebrochene Zehe.

Drei Verfahren eingestellt
Im Laufe der rund dreistündigen Verhandlung kristallisierte sich heraus, dass drei Angeklagte, darunter der jüngere Bruder des später Verurteilten, an der Tat nicht bis minder beteiligt waren. Schulte stellte die Verfahren gegen einen 20-Jährigen und einen 18-Jährigen ein, ein weiterer 18-Jähriger akzeptierte dazu eine Geldbuße von 150 Euro, die er an den Verein zur Bewährungshilfe zu zahlen hat.

So konzentrierte sich die Befragung auf den einen 20-jährigen Hinterländer, der schon mehrere Einträge in seiner Akte vorweist sowie den zweiten 20-Jährigen, der bisher kaum bescholten war und mit der 17-Jährigen mittlerweile außerhalb des Kreisgebietes lebt.

Während die 17-Jährige kaum etwas zu Protokoll gab – sie wusste nicht einmal, wo sie jetzt wohnt –, gaben die beiden 20-Jährigen zu Beginn der Verhandlung die Tat zu. Allerdings behauptete der kräftigere 20-Jährige,  den 16-Jährigen nur mit den Fäusten traktiert zu haben. Dies habe er getan, weil das Opfer über ihn behauptete, er würde nicht duschen.

Der 20-jährige Hinterländer gab gleich zu, dem Opfer mit einem Plastikrohr auf den Kopf geschlagen zu haben, gegen den am Boden Liegenden habe er aber nicht getreten. Beide hätten viel Alkohol getrunken, aber keine Drogen genommen, zumal einer gerade eine Entgiftung bewältigt hatte. 

Geständnis schützt Bruder
Schulte fragte nach, ob er mit diesem Geständnis seinen jüngeren Bruder schützen wolle. Der Angeklagte verneinte, er würde sich bei seinen Vorstrafen doch nur noch mehr reinreißen. Zuletzt trat er einen Kurzarrest nicht an. Zur Begründung gab er an, dass er seine kürzlich aufgenommene Arbeit nicht verlieren wolle, zumal er in dem Betrieb Aussicht auf eine Ausbildung habe. Den 16-Jährigen fragte Schulte, ob die Tat etwas mit dem Konsum einer Kräutermischung zu tun habe, die er vom 20-Jährigen erhalten habe und deren Konsum ihn ins Krankenhaus brachte. Dies verneinte das Opfer. 

Hormel forderte für den Hinterländer einen 4-wöchigen Jugendarrest unter Einbeziehung des Vorurteils und für den wenig vorbelasteten 20-Jährigen, der sich aber auch für den Besitz von zwei umgebauten Schreckschussrevolvern sowie des Diebstahls der EC-Karte seines Vaters sowie der damit unerlaubten Geldentnahme am Automaten verantworten musste.

Richter: Racheaktion
Für dessen Lebensgefährtin sah Hormel einen viermonatigen sozialen Trainingskurs vor. Die Lebenssituation der beiden bezeichnete eine Vertreterin der Jugendgerichtshilfe als „gar nicht gut“. Einzelheiten zur 17-Jährigen wurden unter Ausschluss der Öffentlichkeit besprochen.
Schulte fällte für die „gemeinsame Racheaktion“, die er auch als „Tat mit erheblichem Be­unruhigungspotenzial“ bezeichnete, ein Urteil nach Jugendstrafrecht mit strikten Auflagen, weil die von Drogenabhängigkeit geprägte Lebensphase der jungen Menschen einer „dringenden Korrektur bedarf“.

Der 17-Jährigen bescheinigte Schulte eine „ganz üble Phase und schlechte Freunde“ zu haben. „Sie können viel aus ihrem Leben machen und sollten es tun.“ Den 20-jährigen Hinterländer mit einer „derart ausgeprägten Marschrichtung“ bewahrte nur das sofortige Zugeben des Schlags mit dem Plastikrohr vor einer härteren Strafe, allerdings die Letzte dieser Art, verdeutlichte Schulte. 

Spontane Drogentests
Wegen gemeinschaftlicher gefährlicher Körperverletzung und Hausfriedensbruchs muss der 20-jährige Hinterländer zwei Wochen in Dauerarrest, der andere 20-Jährige, der den Waffenbesitz, den EC-Kartendiebstahl und den Computerbetrug zugegeben hatte, muss eine Woche in Dauerarrest und an einem sozialen Trainingskurs teilnehmen sowie mehrere Gespräche mit der ambulanten Drogenberatung absolvieren, die 17-Jährige muss 30 Stunden gemeinnützige Arbeit leisten und einen 4-monatigen sozialen Trainingskurs vorweisen. Alle haben eine strikte Dogen- und ­Alkoholabstinenz einzuhalten und müssen mit spontanen Tests rechnen.

von Gianfranco Fain