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„Ich freue mich darauf, Privatmann zu sein“

OP-Interview: Markus Schäfer „Ich freue mich darauf, Privatmann zu sein“

Markus Schäfer tritt diesen Dienstag seinen letzten Arbeitstag als Chef der Gemeindeverwaltung Bad Endbach an. Ab Mittwoch ist er nur noch als Privatmann in der Hinterlandkommune unterwegs.

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Bad Endbachs Bürgermeister Markus Schäfer zieht vor seinem Abschied aus dem Amt Bilanz.

Quelle: Thorsten Richter

Bad Endbach. Ab Mittwoch führt Julian Schweitzer (SPD) die Amtsgeschäfte im Rathaus. Vorher blickt das scheidende Gemeindeoberhaupt im OP-Interview zurück.

OP: Nach zwölf Jahren ist für Markus Schäfer als Rathauschef von Bad Endbach Schluss. Wenn Sie Bilanz ziehen, wie beurteilen Sie Ihre Amtszeit?
Markus Schäfer: Es war mit Sicherheit neben der Zeit, in der meine­ Kinder groß geworden sind, die spannendste. Ich hätte nie geglaubt, dass ich so viel mit ­beeinflussen kann. Gleichwohl muss ich sagen: Es gibt noch ­
jede Menge Arbeit für den ­Nachfolger.

OP: Welche Gefühle begleiten Sie jetzt?
Schäfer: Bad Endbach ist mir sehr ans Herz gewachsen. Als Bürgermeister hat man mit ganz vielen unterschiedlichen Dingen zu tun – das endet jetzt. Insofern wird sich mein Leben sehr verändern. Auf der anderen Seite: Ich freue mich auf die Zeit, in der ich einfach Privatmann bin.

OP: Wo sind Sie Privatmann?
Schäfer: Meinen Lebensmittelpunkt habe ich in den Lahn-Dill-Kreis verlegt.

OP: Welche Anfangsfehler haben Sie gemacht?
Schäfer: Wenn man von Fehlern sprechen kann, dann lagen sie in der Mitte meiner Amtszeit. In der Politik merkt man erst im Nachhinein, ob eine Entscheidung gut oder schlecht war. Es gibt manchmal neue Informationen und neue Entwicklungen, die dazu führen, dass sich eine Entscheidung als nicht gut herausstellt.

(Fotos: Thorsten Richter)

OP: … und das war welche?
Schäfer: Der Umgang mit dem Hilsberg. Hätte ich es nochmal damit zu tun, hätte ich viel früher den Kontakt zu den Bürgerinnen und Bürgern in Holzhausen gesucht. Wir hatten eine klare Auflage von der Hessischen Landesregierung, den Windpark nur in Gemeindehand zu realisieren. Eine Beteiligung Dritter war ausgeschlossen. Gespräche darüber hätten viel intensiver mit den Menschen in Holzhausen geführt werden müssen.

OP: Welche Schwerpunkte haben Sie gesetzt?
Schäfer: Einen ganz großen bei den Feuerwehren: Das Feuerwehrgerätehaus Hartenrod wurde umgebaut und erweitert, wir haben das Feuerwehrgerätehaus in Wommelshausen neu errichtet und sechs Fahrzeuge ersetzt. Auch bei der Kinderbetreuung hat sich viel getan: Als ich als Bürgermeister angefangen habe, hatten wir keine durchgängige Ganztagsbetreuung, keinen Mittagstisch und keine U3-Betreuung. Wir haben in der Gemeinde zwei neue Kindergärten gebaut und die Entscheidung für den Anbau gefällt, der sicherstellen wird, dass wir für die Zukunft ausreichend Plätze für Kinder vom ersten ­Lebensjahr bis zum Eintritt in die Schule zur Verfügung stellen können. Wir haben ein ganz herausragendes Engagement in der Flüchtlingspolitik gezeigt. Die Art und Weise, wie das mit ganz viel ­Ehrenamtlichen gelöst worden ist, ist herausragend. Die Gemeinde hat einen Flüchtlingsbetreuer eingestellt, die ehemalige Pension­ Diana­ ­gekauft und in eine Flüchtlingsunterkunft ­umgebaut. Da ­zeigen wir Musterengagement beim Thema Integration.
Wir haben außerdem drei Multifunktionssportfelder gebaut für die Jugendlichen in unserer Gemeinde, zwei Bolzplätze aktiviert und eine professionelle ­Jugendbetreuung aufgebaut.

OP: Stichwort Interkommu­nale Jugendarbeit …
Schäfer: … hätte ich beinah unterschlagen. Es gibt aber noch mehr Schwerpunkte während meiner Amtszeit: Die Initiative Miteinander – Füreinander, eine Ehrenamtsinitiative, die ursprünglich auf eine Idee von Heinrich Böth zurückgeht, und mit Birgit Koch nachhaltig eingeführt werden konnte: mit einer Betreuung für ältere Menschen, aber auch den Angeboten der Hausaufgaben- und Einkaufshilfe und dergleichen. Durch die Einrichtung des Bürgerbusses können ältere Menschen wieder am gesellschaftlichen Leben teilnehmen. Auch der Flowtrail ist ein gutes Projekt, das bundesweit Beachtung findet. Er ist zu den Top-Ten-Strecken in Deutschland gewählt worden und hat im Nachgang ausgelöst, dass in Günterod mit Bürgerbeteiligung der Pump-‘n‘-Jump-Track entstanden ist.

OP: Wie sieht denn die Zukunft des Flowtrails aus? Es war geplant, ihn zu vergrößern.
Schäfer: 2018 soll der Flowtrail vor allem erhalten werden. Und der Gemeindevorstand wird die Erweiterung konzeptionell planen und der Gemeindevertretung zur Entscheidung vorlegen.

OP: Thema Energie …

Schäfer: Das Thema hat ganz klein angefangen im heutigen Kindergarten Wunderland. Die Gemeindevertreter haben entschieden: Wir probieren Geothermie aus. Danach haben wir die energetische Ausstattung aller kommunalen Gebäude verbessert: Dämmung, Beleuchtung, Heizungsanlagen. Auch haben wir die Straßenbeleuchtung auf LED umgestellt, den Solarpark unterstützt, Photovoltaikanlagen auf kommunalen Gebäuden errichtet und ­eine Bürgersolaranlage unterstützt.

Sehr früh haben wir „Bad Endbach 20plus20 in 2020“ beschlossen – also 20 Prozent aus erneuerbaren Energien und 20 Prozent Energieeinsparung – und das bis 2020. 2011 habe ich zudem die 100-EE-Charta in Kassel unterzeichnet. Damals haben wir mit dem Bau des Hilsbergs begonnen. Seit 2016 produzieren wir 100 Prozent der hier verbrauchten stationären Energie in Bad Endbach.

OP: Welche Schwerpunkte rechnen Sie noch Ihrer Amtszeit zu?
Schäfer: Die Therme. Sie hat mich zwar 2005 wie eine­ eiskalte Dusche erwischt – ich wusste­ nichts von den Plänen der Gemeindevertretung. Die Verhandlungen mit dem Investor stellten sich als schwierig heraus und wir haben dann mit für eine Therme vergleichsweise wenig Geld gebaut. Die 300.000 Euro Kostenüberschreitung sind bei dieser Größenordnung für mich im Rahmen. Am Ende ist aber eine Saunalandschaft entstanden, die deutschlandweit als ­eine der besten gilt.
Wir hatten in Bad Endbach aber auch städtebauliche Probleme. In Hartenrod hatten wir eine der schlechtesten Sportanlagen Hessens. Es wurde in 30 Jahren immer versucht, eine Lösung zu finden, das ist aber immer gescheitert. Jetzt haben wir einen Kunstrasenplatz und eine Tartanbahn. Auch die Steinbruchausfahrt war ein Problem. Jahrzehnte lang sind die Lastwagen über die Ebeltstraße und Hartenroder Straße gefahren. Die Umgehungsstraße hat das Problem endlich gelöst. Wir haben einen deutlichen Rückgang bei den Übernachtungsbetrieben. Die Kur findet im Sozialgesetzbuch V nicht mehr statt und die Häuser sind als Touristenhäuser relativ klein. Die Gastgeber sind deshalb nicht in der Lage, mit Reiseveranstaltern zusammenzuarbeiten. Das ist ein Punkt, der uns zu schaffen macht. Es ist uns aber gelungen, den Titel Kneipp Heilbad für zehn Jahre zu sichern, und es ist uns gelungen, die Prädikatisierung Heilbad in diesem Jahr zu erlangen.

OP: Was war in Ihrer Amtszeit die schwierigste Entscheidung?
Schäfer: Ich kann ad hoc keine nennen.

OP: Es gab in den vergangenen Monaten viel Kritik. Warum?
Schäfer: Ich habe als Mensch den Fehler gemacht, dass ich mir nach der Eröffnung der Therme keine Auszeit genommen habe. Ich war jeden Tag auf der Baustelle, neben der normalen Arbeit. Mir war klar, dass wir knappe finanzielle Ressourcen hatten und dass wir es uns nicht leisten konnten, den Eröffnungstermin infrage zu stellen. Danach bin ich in das nächste Extrem gegangen: Windpark Hilsberg. Ich hatte insgesamt einfach unterschätzt, dass mit jedem Jahr im Amt weitere Aufgaben durch die zahlreichen Verbände, in denen die Gemeinde Mitglied ist, hinzukamen. Anfang 2012 ging dann nichts mehr, ich war körperlich und nervlich am Ende. Und ein gesundheitlich angeschlagener Bürgermeister steht natürlich schnell in der Kritik.

OP: Was werden Sie aus Ihrer Zeit als Bürgermeister am meisten vermissen?
Ins Büro zu kommen und von meiner Sekretärin freundlich begrüßt zu werden, die in aller Regel als Erstes fragt: Kaffee? Ich will aber noch was zum Personal sagen: Ich habe in der gesamten Zeit nicht eine Mitarbeiterin oder einen Mitarbeiter gehabt, bei dem ich sagen würde: Ich habe keine Sympathie für sie oder ihn. Das Umfeld hier ist ein echtes Geschenk, das werde ich sehr vermissen.

OP: Was ist ihr neues Lebensziel?
Schäfer: Vom 9. auf den 10. Januar ändert sich nichts, da mein Lebensziel nichts mit meiner Berufswahl zu tun hat.

OP: Gibt es etwas, das Sie beruflich machen wollen?
Schäfer: Früher habe ich ­gesagt, mein Berufswunsch ist entweder Müllfahrer oder Bundeskanzler. Das ist eine große Spannweite.

OP: Okay, aber was wollen Sie nun beruflichen machen?
Schäfer: Ich kann mir nicht vorstellen, dass ich mit 50 Jahren zu Hause bleibe. Ich habe aber keine wirklich konkreten Pläne. Ich kann nur sagen: Ich freue mich darauf, am 10. Januar auszuschlafen.

OP: Wo werden Sie Ihren Lebensmittelpunkt haben?
Schäfer: Ich bleibe im Lahn-Dill-Kreis. Das ist für die nächste Zeit gesetzt. Alles Weitere wird davon abhängen, wie sich das beruflich in der Zukunft entwickelt. Da bin ich offen.

OP: Wie sieht Ihr letzter Arbeitstag aus?
Schäfer: Da gibt es nur noch ein Abschiedsfrühstück mit den Mitarbeitern.

OP: Was geben Sie Ihrem Nachfolger, Hessens jüngstem Bürgermeister Julian Schweitzer, mit auf den Weg?
Schäfer: Wir haben tatsächlich über das Thema gesprochen. Ich habe ihm geraten: Bei allem was du tust, achte auf dich selbst, damit du nicht im Amt zerrieben wirst.

OP: Sie meinen, ein 24-Stunden-Bürgermeister zu sein, ist zu viel?
Schäfer: Stimmt.

OP: Es gibt im Parlament ja keine Mehrheit mehr. Was raten Sie ihm also politisch?
Schäfer: Es ist uns aufgrund der Mehrheitssituation nie gut gelungen, miteinander zu reden, also eine intensive Kommunikation unter den einzelnen Fraktionen zu haben. Die gab es immer dann, wenn es um gravierende Entscheidungen bei Großprojekten ging. Deshalb rate ich ihm, versuche in allen Fraktionen präsent zu sein, um Dinge zu erläutern. Das vereinfacht am Ende des Tages die Entscheidung. Aber genug von Ratschlägen. Mein wichtigster Rat ist, nicht zu sehr auf die Ratschläge anderer zu achten.

von Silke Pfeifer-Sternke

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