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Hinterland „KSF-Abriss birgt enormes Potenzial“
Landkreis Hinterland „KSF-Abriss birgt enormes Potenzial“
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08:11 20.04.2018
Julian Schweitzer (SPD) ist seit 100 Tagen im Amt, sein erster Arbeitstag war der 10. Januar. Quelle: Silke Pfeifer-Sternke
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Bad Endbach

Mit der Kommunalpolitik war Bad Endbachs Bürgermeister Julian Schweitzer zwar vertraut, aber die Amtsgeschäfte waren neu für den Sozialdemokraten. Nach 100 Tagen im Amt berichtet er über seine Erfahrungen.

OP: Herr Schweitzer, Sie waren­ Sozialarbeiter, jetzt sind die ­Bürgermeister. Was ist anders?
Julian Schweitzer: Der Tagesablauf ist komplett anders. Vorher hatte ich einen Schichtplan, habe an unterschiedlichen Wochentagen und nachts gearbeitet – auch an Wochenenden und Feiertagen – jetzt habe ich gefühlt einen geregelteren Tagesablauf. Ich gehe morgens ins Büro und habe abends Feierabend. An den Wochenenden gehe ich nicht zu allen Terminen, zu denen ich eingeladen werde, weil auch mein Privatleben nicht zu kurz kommen darf. Natürlich sind meine Tage lang, aber das war mir vorher bewusst. Es ist genau das, was ich wollte und es macht Spaß.

OP: Müssen Sie auf Hobbys ­verzichten?
Schweitzer: Zu den zweiwöchigen Übungen meiner Heimatfeuerwehr muss ich mich inzwischen regelmäßig abmelden. Oft habe ich gerade in den Abendstunden viele andere Termine. Ich versuche, weiterhin regelmäßig laufen zu gehen, ­lege momentan aber mehr Wert aufs Fahrradfahren. Hin und wieder versuche ich, mit dem Rad ins Büro zu fahren. Zurück, bergauf, kommt es aber immer auf meine Motivation an.

OP: Haben Sie schon Überraschungen erlebt?
Schweitzer: Jeder Tag birgt Überraschungen. Ich weiß morgens nicht, was mich den Tag über erwartet.

OP: Werden Sie jetzt öfters ­angesprochen als vorher?
Schweitzer: Das kommt inzwischen häufiger vor. Auch wenn ich privat unterwegs bin, werde ich auf gemeindliche Themen angesprochen. Darauf gebe ich freundlich eine kurze Antwort und wenn jemand ein längeres Gespräch möchte, verweise ich auf einen Termin unter der ­Woche.

OP: Sie werden auch medial ­beobachtet. Ihr Post auf Instagram mit den Schuhen auf dem Schreibtisch im Bürgermeisterbüro und dem Buch in der Hand sorgte für Verwunderung. Gehen­ Sie jetzt anders mit der Nutzung der sozialen Netzwerke um als noch im Bürgermeisterwahlkampf und davor?
Schweitzer: Ich habe sehr ­viele positive Rückmeldungen auf dieses Bild erhalten. Bei dem Bild, haben viele nicht gelesen, was drunter stand. Für sie war das ein Bild, das so aussieht, als würde ich mittags entspannen. Das Foto entstand aber spät abends zwischen zwei Terminen und ich las ein Buch über die Hessische Kommunalverfassung. Inzwischen bin ich aber vorsichtiger geworden, was ich veröffentliche. Ich versuche, weniger von mir privat preiszugeben und mehr dienstliche Informationen aus dem Rathaus zu teilen.

OP: Kommen Bürger auf Sie zu, um sie anzuspornen oder um Kritik zu üben?
Schweitzer: Jeden Tag, sowohl als auch. Es gibt auf Terminen immer diejenigen, die sagen: Das machst du super, mach weiter so. Und die anderen sagen: Was sind das für Überlegungen? Ich versuche dann zu erklären, wie der Sachstand ist und erläutere die Fakten. Dann sind die meisten wieder entspannter, weil sie vorher von anderen Tatsachen ausgegangen sind, die sie nur gerüchteweise gehört haben. Mit Gesprächen, Kontakt und mit Fakten kann man alles klären. Ich nehme aber ­jede Kritik sehr wohl ernst.

OP: Haben Sie das Gefühl, dass Sie noch an sich arbeiten müssen, um ein guter Bürgermeister zu sein?
Schweitzer: Ich lerne jeden Tag dazu. Selbstreflektion ist das A und O. Jeden Tag frage ich mich, ob ich alles richtig gemacht habe. Ich versuche, beim nächsten Mal immer etwas besser zu machen. Es ist ein ständiger Prozess, an dem ich weiterarbeiten werde.

OP: ...aber es ist immer Julian Schweitzer?
Schweitzer: Immer, aber immer etwas anders, weil ich mich ja stets ein Stück weit verbessern möchte.

OP: Das Thema Baugebiet Hartenrod haben Sie als Erstes angepackt. Warum gerade das Thema und warum so holprig?
Schweitzer: Die Holprigkeit liegt darin begründet, dass wir schnell etwas realisieren wollten, um vielen Familien den Wunsch eines Eigenheims zu ermöglichen. Teilweise warten diese Familien seit Jahren auf ­einen Bauplatz in unserer Großgemeinde. Jetzt ist eine Anzahl an Interessenten zusammengekommen, bei der es sich lohnt, das Baugebiet anzupacken und umzusetzen. Wer weiß, wie lange die Zinsen günstig sind und wie lange die Leute bauen wollen. Deshalb haben wir den Weg über die Außerplanmäßige Ausgabe gesucht. Die Finanzierung über den Nachtragshaushalt muss noch durch den Haupt- und Finanzausschuss und wieder in die Gemeindevertretung. Das führt zu Verzögerungen, die wir für die Bürgerinnen und Bürger vermeiden wollten.

OP: Abgesehen von der Einführung eines Kinder- und Jugendparlaments – was ist das nächste Projekt, das Sie in Bad Endbach voranbringen möchten?
Schweitzer: Auf jeden Fall die Bürgerbeteiligung. Das verzögert sich jedoch ein bisschen, weil erst einmal geprüft werden muss, was wir an Bürgerbeteiligung schon im ganz normalen Verwaltungsalltag haben. Aber wir werden im Laufe des Jahres etwas vorlegen.
OP: Die Erweiterung des Flowtrails könnte den Tourismus beleben. Wie schätzen Sie das Projekt ein?
Schweitzer: Für mich ist es wichtig, alle an einen Tisch zu holen und mit allen Beteiligten darüber zu reden. In meiner Amtszeit soll ein Neustart initiiert werden. Das möchte ich versuchen zu steuern und zu lenken. Ich fordere alle auf, die Gemüter etwas runter zu fahren, um rational und konstruktiv zusammenzuarbeiten. Ich hoffe, dass wir dann auch im Laufe des Jahres eine Lösung finden, die für die nächsten Jahre ein tragfähiges Konzept beinhaltet.

OP: Was halten Sie selbst von dem Flowtrail?
Schweitzer: Ich bin persönlich ein Befürworter des Flowtrails, kann aber auch die Kritik teilweise nachvollziehen. Es ist eine gute Institution für Bad Endbach aber es kann auch nur funktionieren, wenn alle aufeinander Rücksicht nehmen und sich an die Regeln und Absprachen halten. Bei einer Erweiterung müssen wir versuchen, auch die Gegner des Flowtrails abzuholen und mitzunehmen – gerade auch die Jagdgenossen und Waldbesitzer sollten gehört und ihre Befürchtungen ernst ­genommen werden.

OP: Der Ausbau könnte auch den Tourismus ankurbeln, oder?
Schweitzer: Wir kommen in den Genuss, einen sehr anerkannten und zertifizierten Flowtrail zu haben, der bundesweit Beachtung findet. Wir müssen uns jetzt Schritt für Schritt überlegen, wo es in den nächsten Jahren hingehen soll. Es entwickelt sich in Bad Endbach gerade sehr viel. Die Heckenmühle hat einen neuen Besitzer, das Kurparkrestaurant wird im ­Oktober wieder öffnen und die Tourismuskommission erarbeitet viele gute Ideen. Mit unseren Kliniken sind wir für die ­
Zukunft gut aufgestellt und es entstehen viele Gedankenspiele, wie es mit dem Kultur-, Sport- und Freizeitzentrum ­weitergehen kann.

OP: Das KSF soll ja abgerissen werden.
Schweitzer: Genau diese Gedankenspiele bieten neue Möglichkeiten. Die ganze Fläche könnte neu gestaltet werden, was für uns enormes Potenzial bergen würde. Dort ist der Kurpark, die Lahn-Dill-Bergland Therme, der Flow-Trail und es gibt Einkaufsmöglichkeiten direkt gegenüber. Das ganze Areal ist ein Filetstück für uns in Bad Endbach.

OP: Wie sehen Sie die Zukunft der Kurgemeinde Bad Endbach?
Schweitzer: Ich sehe, dass sich in Bad Endbach zurzeit sehr viel bewegt – in die positive Richtung. Wir investieren sehr viel in unsere Infrastruktur. In fast allen Ortsteilen sind Baustellen und das wird die nächsten Jahre so weitergehen. Wir wollen was gestalten und einiges umsetzen in der Dorfentwicklung, zum Beispiel die Dorfplätze in Günterod und Wommelshausen. Wir haben die wiederkehrenden Straßenbeiträge eingeführt und wollen ein Bauprogramm dazu auflegen. Auch die Tourismuskommission kommt so langsam zum Abschluss und wird der Gemeindevertretung konkrete Vorschläge vorlegen, wie zum Beispiel ein neues Wanderkonzept. Es passiert viel und ich bin zuversichtlich, dass wir in Bad Endbach in den nächsten Jahren einiges schaffen werden.

von Silke Pfeifer-Sternke

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