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Hinterland Waffen, Bitcoins und „KaterCarlo“ im Darknet
Landkreis Hinterland Waffen, Bitcoins und „KaterCarlo“ im Darknet
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16:57 25.01.2018
Wie auf diesem gestellten Bild nutzte der Verurteilte die Darknet-­Plattform Alpha Bay für seinen geplanten Kauf von Schusswaffen. Quelle: Tobias Hirsch
Biedenkopf

Die Anklageschrift, die im Gerichtssaal verlesen wird, lässt Alarmglocken läuten. Insbesondere vor dem Hintergrund des Prozesses gegen einen Marburger Waffenhändler, der kürzlich in erster Instanz zu sieben Jahren Haft verurteilt wurde. Das Landgericht München I sah es als erwiesen an, dass er dem Münchener Amokläufer David S. im Jahr 2016 im Darknet Pistolen verkauft haben soll.

Dem in Biedenkopf Vorsitzenden Richter, Amtsgerichtsdirektor Mirko Schulte, ist dies bewusst. Deshalb sagt er am Ende des Prozesses deutlich: „Es gilt in jedem Prozess, einen kühlen Kopf zu bewahren. Nicht alles, was zuletzt in München ­eine Rolle gespielt hat, spielt auch in diesem Fall eine Rolle. Jeder Fall ist anders!“

Angeklagt vor dem Amtsgericht Biedenkopf ist ein 35-jähriger Informatiker, der in Bad Endbach gemeldet ist aber in Marburg lebt. Der hat die ihm zur Last gelegte Tat vollumfänglich eingeräumt. Er hat versucht, im Sommer 2016 illegalerweise an sechs halbautomatische Pistolen zu kommen. Die Waffen vom Typ Kel-Tec PMR-30 will er im Darknet erwerben; jenem Teil des Internets, in dem die Nutzer weitestgehend anonym unterwegs sind.

An verdeckte Ermittler geraten

Auf der Darknet-Plattform Alpha Bay, die im Juli von internationalen Fahndern geschlossen wurde, nimmt er Kontakt zu einem vermeintlichen Händler namens „Alex­Andrea“ auf. Er möchte die sechs Pistolen, Kaliber .22, kaufen. Bezahlt werden soll die Transaktion mittels Bitcoin, ­einer digitalen Kryptowährung. 9,0679 Bitcoin möchte der Angeklagte ausgeben. Das sind umgerechnet damals etwa 5260 Euro. „AlexAndrea“ verweist ihn dann an einen weiteren Verkäufer, „KaterCarlo“.

Für Richter Mirko Schulte stehe fest, dass es sich bei „KaterCarlo“ um einen verdeckten Ermittler des Bundeskriminalamts (BKA) handelt. Auch „Alex­Andrea“ sei mit großer Wahrscheinlichkeit ein Fahnder.

Warum er überhaupt soviel Lebenszeit darauf verwendet habe, im Darknet Waffen zu kaufen, fragt der Richter. Ihn habe interessiert, ob es möglich ist, sich diese über das Deep Web zu beschaffen, erzählt der 35-Jährige. „Als Analyst interessiert mich die Logistik dahinter“, sagt er. Warum Waffen?, fragt Schulte. „Waffen“, wiederholt der Angeklagte und zuckt mit den Schultern. „Man soll sie nicht haben, das macht sie wertvoll“, sagt er dann nach einer kurzen Pause. „Kel-Tec, die machen so Spezialitäten, abseits der Palette.“

Angeklagter: „Ich bin Informationsjunkie“

Durch die Kaufverhandlungen mit „AlexAndrea“ und „KaterCarlo“ will der 35-Jährige misstrauisch geworden sein: „Wegen der Komplexität des Geschäfts habe ich gedacht, da ist ein verdeckter Ermittler dabei“, sagt er. Dennoch macht er weiter.

Schulte verliest eine der Nachrichten. Diese endet mit dem Satz des Angeklagten: „Ihr seid die Besten!“ Weiterer Grund – neben der „Analyse“ – für sein Vorhaben, sagt der Mann, sei gewesen, dass er sich einen „Fullback, einen Vorrat“ habe anlegen wollen. Nebulös und nachdenklich wird der Angeklagte als Schulte den Familienvater nach seinen persönlichen Verhältnissen befragt. Wie es ihm gesundheitlich gehe, will der Richter wissen. „Ich bin jetzt 35 – wahrscheinlich werde ich sehr alt“, antwortet der Mann. Schulte fragt weiter: „Und seelisch?“

Der Angeklagte sagt: „Ich fühle mich ganz gut – vor allem, wenn ich Zeit für mich habe.“ In Gesellschaft „kommt es drauf an“. Er habe öfter Kummer, „Weltschmerz“, nennt es der Bad Endbacher. Ob er depressiv ist, weiß er nicht. Über eine Behandlung habe er jedoch schon einmal nachgedacht. Schulte rät ihm, diese Gedanken – sich ärztliche Hilfe zu holen – weiter zu verfolgen.

Tabletten, Alkohol, aufputschende Mittel nehme er nicht, sagt der Angeklagte auf Nachfrage. Auch Computer- oder Internetspielen sei er nicht zugetan. Aber: „Ich bin Informationsjunkie.“ Sein Verteidiger ergänzt: „Mein Mandant verbringt viel Zeit im Internet.“ Auf die Frage „Warum gibt ein intelligenter Mensch über 5000 Euro im Darknet für Waffen aus?“ bekommt der Amtsgerichtsdirektor keine Antwort.

Richter sieht kriminelle Energie

Staatsanwältin Jana Marx sagt in ihrem Plädoyer: „Der Anklagevorwurf hat sich vollumfänglich bestätigt.“ Positiv wertet sie das Geständnis und die Kooperation mit Polizei und Gericht. Strafverschärfend sieht sie die „kriminelle Energie“, die die Handlung des Angeklagten erfordert habe. Sie fordert eine achtmonatige Freiheitsstrafe, die zur Bewährung ausgesetzt wird, sowie die Zahlung von 1500 Euro an einen gemeinnützigen Verein. Verteidiger Frank Richtberg ist wichtig: „Jemand, der sich im Darknet bewegt, ist nicht automatisch ein Krimineller“. Er fordert ein „mildes Urteil“.

Der Amtsgerichtsdirektor verurteilt den Bad Endbacher wegen des versuchten Kaufs der Schusswaffen zu einer Freiheitsstrafe von sechs Monaten, ausgesetzt zur Bewährung. Zudem muss er 1500 Euro an die Elterninitiative Winnenden zahlen.

„Er wollte die Waffen besitzen“, erläutert der Richter über die Hintergrunde. Nur weil es sich letztlich um einen „untauglichen Versuch“ gehandelt habe und der Angeklagte auf verdeckte Ermittler und nicht auf echte Waffendealer stieß, wurde das Geschäft nicht vollständig abgewickelt. Doch: „Die Initiative ging vom Angeklagten aus.“

Strafverschärfend wertet Schulte die kriminelle Energie, die zur Beschaffung nötig war. „Die Rechtsgemeinschaft muss nicht tatenlos zuschauen, wenn das Internet zum Supermarkt für Waffen wird“, sagte der Richter. Das Urteil ist noch nicht rechtskräftig.

von Christian Röder