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Hinterland „Der Große“ war ein „kleines Licht“
Landkreis Hinterland „Der Große“ war ein „kleines Licht“
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19:41 03.05.2017
Mit nicht existierenden Aktien hatte die Betrügerbande ihre Kunden geködert – und sie so um Millionen erleichtert. Prozesse um die Bande beschäftigen die Marburger Gerichte schon seit Monaten. Quelle: Frank Rumpenhorst
Marburg

Der 49-Jährige hatte sich wegen Beihilfe zu verantworten, war Teil des undurchsichtigen Firmenkonstrukts der Düsseldorfer Betrügerbande und nahm ganz unterschiedliche dubiose Aufgaben wahr.

Der auf Mallorca lebende Bootsverleiher erfuhr im Jahr 2015 von dem Plan der Bande, eine erste Scheinfirma zu gründen und in den groß angelegten Handel mit Fake-Aktien einzusteigen. Dazu „bot er seine Hilfe an“, heißt es in der Anklageschrift.

Er stellte der Führungsetage seine eigene Wohnung in Düsseldorf als Firmensitz zur Verfügung, in der eines der drei Call Center eingerichtet wurde. In Bandenkreisen war er als „der Große“ bekannt, nutzte wie alle anderen einen Aliasnamen. Bei Firmenfeiern trat der muskulöse Mann zeitweise als Bodyguard von Bandenchef „El Presidente“ auf – das empfand der Angeklagte nach eigener Aussage als lächerlich, nahm sich in dieser Funktion selber nicht für voll. „Ich war zum Vorführen – man hätte mir auch eine Leine umlegen können“, teilte er schulterzuckend vor Gericht mit.

Ehefrau: Ich wusste nicht, was drin war

Wie ein Ermittler während des vergangenen Prozesses gegen die Bandenchefs mitteilte, sollte der Angeklagte als Pseudo-Sicherheitskraft vor allem durch prägnantes Auftreten beeindrucken und „böse gucken“.

Darüber hinaus war er vor ­allem dafür zuständig, weitere Mittäter ins Boot zu holen, stellte als Mittelsmann Kontakte nach oben her. Unter anderem heuerte er seine von ihm getrennt lebende Noch-Ehefrau an, die sich ebenfalls auf der Anklagebank zu verantworten hatte. Sie war in die Lieferantenkette des Goldhandels involviert, nahm unter ihrer Privatadresse Dutzende Pakete in Empfang und gab sie an weitere Mittelsmänner weiter.

Dass die darin enthaltenen Goldmünzen zur Geldwäsche mit illegal erworbenen Mitteln gekauft wurden, sei ihr angeblich nicht klar gewesen, „ich wusste nicht, was drin war“, gab die Frau an, die von den brisanten Hintergründen nichts geahnt haben will. Von einem Kontaktmann wurde ihr gesagt, dass alles legal ablaufe, sie ­keine Fragen stellen solle. „Das kam ihnen nicht merkwürdig vor?“, fragte Staatsanwalt Oliver Rust genauer nach. Sie sei eingeschüchtert gewesen, habe das Geld gebraucht, „Gedanken darüber habe ich mir keine ­
gemacht“, so die Antwort der Beschuldigten.

Die geringwertigen Vorwürfe gegen sie wurden fallen gelassen, ihr Verfahren vorläufig eingestellt. Als Auflage hat die Frau 500 Euro Geldbuße zu zahlen, in etwa die Summe, die sie bei den Geschäften verdiente.

Anders lag der Fall bei dem ersten Angeklagten. Der 49-Jährige wusste irgendwann, dass das Gold „nicht mit legalen Geldern bezahlt wurde“, gab der Mann zu. Dennoch bat er seine Frau, die Lieferungen anzunehmen, weihte sie dabei angeblich nicht in die Geschäftspraktiken der Hintermänner ein. „Es kommt ein Paket – das gibst du weiter“, lautete die ungenaue Anordnung.

Geständnis wirkt sich strafmildernd aus

Die dubiosen Hintergründe des Ganzen hätten ihm zwar Unbehagen bereitet, doch dass in den Päckchen „nichts Kriminelles“ enthalten war, machte­ die Sache einfacher, „das hat ­alles entschärft“, versuchte der Mann zu erklären. Generell habe er innerhalb der Bande „eine Randfigur“ dargestellt.

Das fand Zustimmung unter den Prozessbeteiligten. Das Schöffengericht hob das sofortige Geständnis und eine gewisse Aufklärungshilfe des Angeklagten hervor und verurteilte den Mann wegen zweifacher Beihilfe zu banden- und gewerbsmäßigen Betruges zu einer Freiheitsstrafe von neun Monaten auf Bewährung. Zusätzlich hat der Mann 2000 Euro an eine ­gemeinnützige Organisation zu zahlen. In der Bandenhierarchie war er „ein eher dunkles Lichtchen am Weihnachtsbaum“, das zudem „ziemlich weit unten hing“, lautete die bildhafte Begründung des Vorsitzenden Richters Dominik Best. Das Urteil ist bereits rechtskräftig.

Mit den beiden Beschuldigten konnten die nächsten Mittäter in dem millionenschweren Betrugsprozess abgeurteilt werden, der Land- wie Amtsgericht seit Monaten beschäftigt. Die Liste ist lang, derzeit ist die Marburger Justiz in etwa bei der „Halbzeit“ angekommen, berichtete der Staatsanwalt.

von Ina Tannert

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