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Verwirrspiel um Firmenkonto

Aus dem Gericht Verwirrspiel um Firmenkonto

Saunabesuche, Einkäufe, Partnervermittlung – großzügig soll sich ein 
Ex-Angestellter zu unrecht aus der Portokasse des Chefs bedient haben.

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Immer wieder soll ein ehemaliger Geschäftsführer vom Firmenkonto private Ausgaben bezahlt haben.

Quelle: Angelika Warmuth

Marburg. Der ehemalige Geschäftsführer einer Marburger Firma muss sich wegen Untreue vor dem Strafgericht verantworten. Ex-Chef und Ex-Angestellter bezichtigen sich gegenseitig der Lüge.

Der Angeklagte wurde Mitte 2014 inoffiziell zum Geschäftsführer des Unternehmens ernannt, erhielt damit Zugriff auf ein Firmenkonto. Mit dieser Vollmacht in der Tasche ging er shoppen. Gut ein Jahr lang beglich er private Rechnungen mit Firmengeldern, bezahlte unter anderem den Unterhalt für seinen Sohn, einen Auftrag bei einer Partnervermittlung, Einkäufe in Supermärkten, eine Mitgliedschaft im Fitnessstudio, Friseur- und Saunabesuche.

Nur 1000 Euro Gehalt laut Vertrag

Alles mit dem Wissen des Chefs, wie der angeklagte Mann aus Nordrhein-Westfalen mehrfach beteuerte. Der 52-Jährige gab sich entsetzt von den Vorwürfen und der Anzeige des ehemaligen Vorgesetzten. „Ich kann mit reinem Gewissen sagen, dass alle Ausgaben abgesprochen waren, zumindest zu 90 Prozent“, betonte der Mann. Nur einige wenige Kleinigkeiten seien nur für ihn selber gewesen. Laut Anklage entstand ein Schaden von mindestens 2700 Euro. Ein Teil der Summe sei für Nahrungsmittel draufgegangen, da er den Firmeninhaber nebst dessen Sekretärin fast jeden Mittag bekocht haben will. Darüber hinaus habe der Chef ihm von Anfang an zugestanden, dass er das Konto auch für private Belange nutzen könne, so der Angeklagte.

Der ehemalige Vorgesetzte habe ihn selber, damals noch selbstständiger Vertriebler, in die Geschäftsleitung geholt, wofür der Handwerksmeister angeblich einen lukrativen Verdienst und seinen Wohnort aufgab. Gelockt habe ihn der Chef mit einer vergleichbaren Verdienstmöglichkeit von 5000 Euro Brutto. Angeblich nur per mündlicher Vereinbarung. Im Vertrag wurde ein Gehalt von 1000 Euro Brutto festgehalten, was der Angeklagte mit seiner Unterschrift auch akzeptiert hatte.

Das irritierte das Gericht. Strafrichterin Annika Woltmann fragte genauer nach, warum er sich auf die Stelle überhaupt eingelassen habe, noch dazu mit einem Fünftel seines ursprünglichen Einkommens. Er war ja schon hergezogen, der Chef habe ihn unter Druck gesetzt, ihm stetig weitere Vorteile und Einnahmen versprochen, nebst Firmenwagen und eigenem Haus. „Ich habe ihm vertraut und alles geglaubt“, berichtete der Beschuldigte wütend von seiner vermeintlichen Blauäugigkeit.

„Er lügt jedes Mal“

Das sah der Ex-Chef vollkommen anders, dessen Angaben völlig von der Version des Beschuldigten abwichen. Weder habe er seinem ehemaligen Angestellten erlaubt, private Belange mit Firmengeldern zu bezahlen, noch habe dieser ihn überhaupt darauf angesprochen, „nicht ein einziges Mal“, zeigte sich der Zeuge sehr überrascht von den Ausführungen.

Vereinbart sei lediglich gewesen, dass der Mitarbeiter Aufwendungen, welche die Firma betreffen, schriftlich einreicht. Etwa Spesen oder die Teilnahme an Tagungen. Weder habe er ihm ein Auto oder gar ein ganzes Haus versprochen, noch ließ er sich von seinem Geschäftsführer bekochen, so der Zeuge. Das erzeugte Kopfschütteln und abfällige Laute von der Anklagebank. „Er lügt jedes Mal“, warf der Beschuldigte dem Zeugen aufgebracht vor.

Dieser spielte daraufhin auf die Vergangenheit des Angeklagten an: Angeblich habe der nicht zum ersten Mal in gehobener Position Firmengelder abgegriffen. Bekannt ist darüber bislang nichts. Weitere Zeugen sollen am kommenden Verhandlungstag Licht in die bisher undurchsichtige Sachlage bringen.

  • Der Prozess wird am 28. Juli fortgesetzt.

von Ina Tannert

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