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Urteil stellt niemanden zufrieden

Aus dem Amtsgericht Urteil stellt niemanden zufrieden

Wegen zweifachen­ Raubes hat das Marburger Amtsgericht eine 61-jährige Gladenbacherin zu einer Geldstrafe verurteilt.

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Die Bewohnerin eines Pflegeheim wurde beim Diebstahl erwischt und verletzte dabei Angestellte.

Quelle: BRuM309 / Pixabay

Marburg. „Wir haben hier eine Situation, für die das Strafrecht leider keine Lösung vorsieht“, stellte der Vorsitzende des Schöffengerichts, Richter­ Dominik Best, am Ende der ­Verhandlung fest. Schnell geklärt waren die Taten, die die Staatsanwaltschaft der Angeklagten vorwarf, die sie gestand und die die Zeugen bestätigten.

Demnach war die 61-Jährige in einem Gladenbacher Lebensmittelmarkt zweimal bei dem Diebstahl von ­Tabak beobachtet worden. „Ich bin halt eine starke Raucherin“, sagte die Frau. 128 Euro 
­Taschengeld stehen ihr als ­Bewohnerin eines Pflegeheimes monatlich zur Verfügung.

Nachdem sie erwischt worden war, versuchte die 61-Jährige in beiden Fällen gewaltsam das Diebesgut zu behalten, einmal drehte sie einer Kassiererin den Finger um, einmal versuchte sie, deren Kollegin zu beißen. Bei einem einfachen Diebstahl hätte die Sache auch wegen Geringfügigkeit eingestellt werden können, wie der Richter erläuterte. Durch die Gewaltanwendung handele es sich aber um versuchten Raub, ein Verbrechen – Einstellung unmöglich.

Ein psychiatrischer Sachverständiger bescheinigte der Angeklagten eine sehr schwierig zu behandelnde Schizophrenie. Derartige Taten könnten immer wieder vorkommen. Gleichwohl die Frau sich des Unrechts bewusst sei, hielt der Gutachter sie für vermindert schuldfähig, aber nicht für schuldunfähig.

Seniorin wird das Taschengeld gekürzt

Ihre Betreuerin berichtete, ihr Schützling sei in den vergangenen Jahren schwieriger geworden. Wenn sie etwas haben wolle, dann wolle sie sich auch durchsetzen. Andere Häuser hätten die Frau bereits abgelehnt. Ein Mitarbeiter des Pflegeheims berichtete von Schwierigkeiten, auch mit den Mitbewohnern. Der Angeklagten sei ihr Heimplatz gekündigt worden, rausschmeißen könne man sie aber natürlich nicht.

Verteidiger Joachim Löscher verwies darauf, dass es für seine Mandantin im Grunde keine geeignete Einrichtung gebe. Für eine Zwangsunterbringung in der geschlossenen Psychiatrie zum Schutz der Allgemeinheit, für die sowieso das Landgericht zuständig ist, reiche aber die Schwere der Taten nicht aus, waren sich die Beteiligten einig.

Letztlich verurteilte das Gericht die 61-Jährige zu 150 Tagessätzen zu je fünf Euro, die sie in monatlichen Raten von 15 Euro abzahlen soll. Eine kurze Haftstrafe, wie sie angemessen gewesen wäre, hätte nicht zur Bewährung ausgesetzt werden können, sagte der Richter. Die Haft würde die Frau aber kaum abschrecken, wenn nicht sogar Haftunfähigkeit vorliege, wie Staatsanwalt Christian Laubach zu bedenken gegeben hatte.

Vielleicht, so Bests Hoffnung, merke die Frau durch die Taschengeldkürzung, dass es nicht gut ist, erneut zu stehlen. Anwalt Löscher verwies jedoch darauf, „wenn der Druck zu hoch ist, dann ist ihr alles egal“. Weil alle Beteiligten Rechtsmittelverzicht erklärten, ist das Urteil rechtskräftig.

von Heiko Krause

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