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Hinterland Aus Problempferd wird Verlasspartner
Landkreis Hinterland Aus Problempferd wird Verlasspartner
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00:15 08.01.2014
Die braune Stute vertraut ihrer Besitzerin nicht. Peter Pfister erläutert, wie das Pferd lernt, den Menschen als Leittier zu akzeptieren. Der erste Schritt zu einer harmonischen Partnerschaft ist das Führtraining, bei dem die Stute lernen soll, gebührenden Abstand zu halten und aufmerksam zu sein.Foto: Michael Hoffsteter Quelle: Michael Hoffsteter
Elmshausen

Im Seminarraum des Ritterguts Elmshausen sitzt Pferdetrainer Peter Pfister entspannt auf einer Tischkante. Er wartet, obwohl Pünktlichkeit für ihn ein Muss ist. Der Mann mit der Baskenmütze lächelt entspannt und nickt den Teilnehmern freundlich zu. Der Tisch im ehemaligen Stallgebäude füllt sich langsam - auf den Stühlen nehmen allesamt Frauen Platz. „Männer sind seltene Gäste“, sagt er. Maximal zwei melden sich in der Regel zu seinen Kursen an, diesmal aber keiner. Es geht in die Vorstellungsrunde und zu den Problemen, die die Teilnehmerinnen mit ihren Pferden haben. Manche setzt große Hoffnung auf die Teilnahme am „Horsemanship I“-Kurs.

Die Übersetzung bedeutet „Pferdemensch“ und steht für die Kunst, mit dem Pferd natürlich umzugehen. Pfister gibt quasi Nachhilfe im pferdegerechten Umgang und das schon seit vielen Jahren. Nun hört er von einem Fjordpferd, das beim Führen und Reiten unerwartet einen schnellen Richtungswechsel anstrebt - teilweise wird es richtig brenzlig, und er begrüßt alte Bekannte, die den Kurs bereits vor Jahren schon einmal gemacht haben. Die Mutter bringt ihr Kutschpferd mit, die Tochter ihr Dressurpferd. Es kommen auch Verladeprobleme zur Sprache und Schwierigkeiten beim Umgang mit jungen Pferden. Der Trainer hört zu und macht sich Notizen.

Dann beginnt der praktische Teil. Die Teilnehmer holen ihre Pferde. Zehn Paare stehen in der Reitbahn, mittendrin steht Peter Pfister und macht noch einen Soundcheck mit dem Mikrofon. An Jeans und Jacke klebt frischer Straßenschmutz: das Ergebnis davon, den widerspenstigen Fjordwallach zur Reithalle zu führen. Der kleine Kraftprotz hat den Trainer beim Führen ignoriert und galoppierte davon. Von dieser schlechten Angewohnheit hatte die Besitzerin berichtet.

Deshalb steht der Wallach nun mit einem scharfen Kappzaum tänzelnd neben seiner Besitzerin, während die anderen Pferde nur mit einem Knotenhalfter und einem Führstrick in der Halle stehen. Eine 1,72 Meter große Scheckstute strahlt wenig Ruhe aus. Mit ihrer Nase stupst sie ihre Besitzerin ständig an. Peter Pfister entgeht das schlechte Benehmen nicht. Zum Führtraining nimmt er das Pferd und es dauert keine 20 Sekunden, bis sich die Stute zur Flucht entscheidet und losgaloppiert. Pfister stemmt sich mit seinem gesamten Gewicht dagegen und lässt das Pferd im Kreis um ihn herumlaufen. Nach einiger Zeit ist Schluss: Die Scheckstute steht in gebührendem Abstand hinter Peter Pfister und kaut genüsslich.

„Sie denkt nach“, erklärt er, lässt das Pferd grübeln und schreitet erst nach einer Entspannungsphase wieder los - das Pferd dahinter, den Blick auf ihn gerichtet und die Ohren zur Seite gedreht.

„So, jetzt du“, sagt er und drückt der Besitzerin den Führstrick in die Hand. Von dieser Minute an für die Dauer des zweitägigen Kurses macht die Stute keine Probleme mehr. Warum, erklärt Pfister anhand seines Trainingskonzepts. Er lüftet das Geheimnis seiner erfolgreichen Pferdeausbildung: Autorität. Vertrauen, System, Konsequenz sind der Schlüssel. „Ein Pferd ist ein Tier auf vier Beinen mit eigenen Ideen“, erklärt er. Da sei oft von Harmonie zwischen Pferd und Reiter wenig zu spüren. Der Mensch müsse lernen, die Leitungsverantwortung zu übernehmen. Pfister hält ein klares Miteinander gepaart mit Struktur, Respekt, Vertrauen und Zuneigung für unbedingt erforderlich in der Ausbildung von Pferden.

Über die Jahre hat er seinen ganz eigenen Stil geprägt und ein Ausbildungskonzept entwickelt: AVSK (Autorität, Vertrauen, System, Konsequenz). Pferde ohne eine solide Grundausbildung und Erziehung hätten eine sehr schlechte Lebensperspektive - weil sie unreitbar und gar gefährlich im Umgang sind. Die Persönlichkeit eines Pferdes - dominant, temperamentvoll oder sensibel - stehe laut Pfister nicht im Widerspruch, sich dem Menschen unterzuordnen und dessen Leitungsfunktion zu akzeptieren. Allerdings: „Ist die Leitungsfrage unklar, sind die Probleme vorprogrammiert.“

Auch muss das Pferd seinem Menschen vertrauen können und in der Ausbildung muss nach System gearbeitet werden. Bei Pfister heißt das: „Ich stelle eine Frage und das Pferd antwortet. Reagiert es richtig, muss der Druck sofort nachlassen“.

Den Pferdebesitzern zeigt er, wie dies umgesetzt wird. Dazu stehen Gymnastizierung durch Biegen und Beugen sowie die Vermeidung von Unfallgefahren - falls sich ein Pferd im Strick verheddert - auf dem Stundenplan. Pfister trägt den Teilnehmerinnen auf, zunächst den Arbeitsstrick um den Körper des Pferdes zu legen und dann leicht daran zu ziehen. Das Pferd dreht sich um die eigene Achse. Das „Kreiselspiel“ begeistert Mensch mehr als Tier. Schwieriger ist die Übung, den Strick unter das Fesselkopfgelenk eines Vorderbeins zu führen, um mit sanftem Druck das Pferd zu einem Vorwärtsschritt zu bewegen. Aber auch dies ist nach ein paar Probeversuchen ein Leichtes.

Dann steht Dressurarbeit an: Kreuzen lassen der Vorder- und Hinterbeine. Die Übung soll dem Pferd vom Boden aus vermittelt werden - und zwar so, dass es möglichst die lange Bahnseite der Reithalle in korrekter Haltung läuft. Dort wo das Bein am Pferd liegen würde, erzeugt die Hand Druck, damit das Pferd beim Vorwärtsgehen die Beine kreuzt. „Loben ist ganz wichtig“, erklärt Pfister. Allerdings solle man nicht, wie bei vielen Reitern üblich, das Pferd mit fester Hand an den Hals schlagen. Vielmehr solle man sich so verhalten wie in der Herde. Das ranghöhere Pferd krault dem rangniedrigeren das Fell.

Als nächstes steht noch die Vorhand- und Hinterhandwendung vom Boden aus an, bevor der Kurs zum Nervenkitzel für Pferd und Mensch wird. Das Gelassenheitstraining ist eine echte Herausforderung, gerade für die Problempferde. Eine junge Appaloserstute zeigte beim Anblick einer großen blauen Plane die heftigste Reaktion. Für Pfister genau das richtige Pferd, um zu demonstrieren, dass das Vertrauen zum „Leittier“ reicht, damit das Pferd nicht seinem Fluchtinstinkt folgt. Er hält in der einen Hand den Arbeitsstrick, in der anderen die Plane. Mit dem Rascheln des Plastiks verfällt das Pferd sofort in Panik. Die Nüstern blähen sich auf, die Stute schnaubt, die Augen sind weit aufgerissen und sie will vor der Gefahr wegrennen. Die Teilnehmerinnen halten gespannt den Atem an, einige Pferde lassen sich von der Unruhe anstecken. Nur Pfister bleibt trotz der Aufregung gelassen, setzt seine Stimme beruhigend ein und versucht gemächlich, die Plane näher ans Pferd zu holen. Doch erst nach geraumer Zeit gelingt, worauf Pfister gebaut hat: Die Stute lässt zu, dass sie mit der Plane eingedeckt wird. Für die Pferdefreunde das Zeichen: Es klappt, nun ihr! Um etwas Abwechslung reinzubringen, sollen die Pferde auch über die Planen laufen. Manche nutzen ihre Sprungkraft aus und schaffen es - ohne auch nur einen Huf auf das Plastik zu setzen -, über die Plane zu kommen. Also beginnt das Spiel von vorne, bis die Pferde gelassen das Problem meistern.

Es wird aber noch aufregender: Vier Helfer halten Stöcke in die Höhe, an deren Enden eine große Plane befestigt ist. Die Pferde sollen darunter hindurch laufen. Der Besitzer geht voraus. Manches Pferd löst die Aufgabe mit einem Galoppsprung. Die Sorge ist groß, dass ein 800-Kilogramm-Pferd einen über den Haufen rennt. Doch Peter Pfister macht Mut. „Einfach durchgehen, nicht auf‘s Pferd achten.“ Geschafft! Diese Übung beendet den Kurs.

Pfister rät, sein AVSK-Konzept auch zu Hause konsequent zu verfolgen. Nachlässigkeiten bestrafe das Pferd sofort, indem es die Führungsqualität des Besitzers wieder infrage stellt

von Silke Pfeifer-Sternke