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Hinterland Kirschenmarkt: Kopf getreten wie einen Fußball
Landkreis Hinterland Kirschenmarkt: Kopf getreten wie einen Fußball
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21:55 20.01.2018
Die beiden angeklagten Schalke-Fans verbergen sich während des ersten Prozesstages hinter Mappen. Quelle: Nadine Weigel
Marburg

Die Auslöser klicken pausenlos, als die beiden Angeklagten den Saal 101 im Marburger Landgericht betreten. In Handschellen werden die beiden 20-Jährigen hereingeführt, die Kapuzen tief ins Gesicht gezogen, den Körper von den Zuschauern weg gedreht. Von den drei Verteidigern werden ihnen bunte Mappen gereicht, mit ­denen sie dann ihr Gesicht verdecken, als sie sich setzen. Verhandelt wurde vor der 3. Großen Jugendkammer. Beide Angeklagten sind Fans des FC Schalke 04, lassen durch ihre Verteidiger betonen, dass sie keiner Ultra­gruppierung angehören.

Versuchter Mord lautet die Anklage der Staatsanwaltschaft. Versuchter Mord an einem Anhänger von Borussia Dortmund, der aus dem Hinterland stammt und den die beiden Angeklagten auf dem Kirschenmarkt, letztes Jahr im Juli, verprügelt haben sollen.

„Sie trieben das Opfer vor sich her, griffen ihn an, verpassten ihm Schläge und Tritte, insbesondere an den Kopf“, verliest Staatsanwalt Timo Ide und ergänzt später: „Als das Opfer beim zweiten Aufeinandertreffen taumelte, bekam er einen Tritt gegen den Brustkorb und stieß mit dem Kopf auf den ­Asphalt. Der Geschädigte bekam Krämpfe und es erfolgte ein weiterer Tritt gegen den Kopf. Sie haben billigend in Kauf genommen, ihn zu töten. Sie verließen den Tatort.“

Ohne Hilfe wäre der BVB-Fan zeitnah verstorben, so schwer waren seine Verletzungen. Die erste Zeugin sagt später aus: „Als der Schädel auf die Straße knallte – das hat sich angehört, als wenn man ­eine Walnuss knackt.“ Noch immer sichtlich mitgenommen kommen ihr die Tränen. „Ich habe das Bild und die Geräusche jeden Tag vor Augen.“

Der Vorsitzende Richter Dr. Thomas Wolf gestattet den ­Verteidigern das Verlesen von ­Erklärungen ihrer Mandanten. Jens Gunnar Cordes, Verteidiger der Nebenklage, fragt, ob sein Mandant – der Geschädigte – den Saal während des Verlesens verlassen solle. Es ist üblich, dass Zeugen den Saal bei diesen Erklärungen verlassen müssen. „Ich halte es für vernünftig, dass der Zeuge bleibt“, antwortet Knuth Meyer-Soltau, Pflichtverteidiger des aus Kassel stammenden Angeklagten.

Sein Mandant empfinde „tiefes Bedauern und Mitleid“. Er gibt zu, dass er deutlich angetrunken war während seines Besuches auf dem Kirschenmarkt und sich auch nicht mehr an alle Einzelheiten erinnern könne. Der Tritt seines Freundes gegen den Brustkorb des Opfers „kann gut sein, weiß ich aber nicht mehr genau. Ich kann nur sagen, dass ich nicht gezielt auf den Kopf getreten habe.“ Die lebensbedrohlichen Krämpfe habe er nicht mitbekommen und auch nicht realisiert. Der ­eine wusste nicht, was der ­andere tat, es habe vorher keine Absprache gegeben. Und er dachte, „dass er (das Opfer) wieder aufsteht. Das hat er doch beim ersten Mal auch gemacht.“

"... dann wäre er erstickt"

In der Erklärung des zweiten Angeklagten, ein Zerspanungsmechaniker in Ausbildung aus Hohenahr, ist von einer Aussprache mit dem Opfer wegen Vorkommnissen auf einem Pendlerparkplatz die Rede. „Er (das Opfer) habe nicht gewünscht oder erwartet reagiert, so dass es zu einem kleinen Geschubse kam“, verliest Pflichtverteidiger Christopher H. P. Haas.

Der Angeklagte sei dann abgehauen, habe mit einem Bekannten die Jacken getauscht, um nicht wieder sofort erkannt zu werden, und sei dann wieder zurück zum Geschehen gegangen, da er wissen wollte, was mit seinem Kumpel los war. Dort angekommen, sei es wieder zu einem Handgemenge gekommen und beim Umdrehen zum späteren Opfer habe er einen Tritt in Richtung Oberkörper des BVB-Fans ausgeführt. Er sei dann abgehauen. Was der zweite Angeklagte dann noch getan hat, das habe er nicht gesehen. Später in der Verhandlung entschuldigen sich die jungen Männer persönlich beim Opfer.

Was die beiden ­Angeklagten als „Geschubse“ abtun, beschreiben weitere Zeugen später als „brutale Schlägerei“. Nach dem Tritt in den Brustkorb sei das Opfer „wie eine Bahnschranke“ auf den Boden geknallt. Eine Krankenschwester, die zufällig vor Ort war, erinnert sich: „Die Wucht vom Aufprall war so doll, dass der Kopf sogar noch einmal abgehoben ist.“

Sie erzählt vom Speicheln des Opfers, von heftigen Krämpfen und von Anzeichen, dass das Opfer bewusstlos war. „Wenn jemand krampft, dann ist sehr viel Kraft nötig, um dessen Position zu verändern“, erklärt sie und beschreibt: „Der eine Täter hat dann mit Anlauf gegen den Kopf getreten, wie gegen einen Fußball.“

Der Kopf des Opfers hätte sich dann nochmal in ihre Richtung gedreht. Die Augen des 22-jährigen Dortmunders waren nach hinten gefallen. „Ich hatte Angst, dass er seine Zunge verschluckt, dann wäre er erstickt.“ Nur mit Mühe und Hilfe eines Mannes hätte sie ihn in die stabile Seitenlage bringen können und ihm damit wahrscheinlich das Leben gerettet.

Drei Wochen hat der Getretene im künstlichen Koma gelegen. Mehrere Kopffrakturen wurden diagnostiziert, seine Schädel­decke musste später explantiert und wieder reimplantiert werden. Vier Mal wurde er operiert, hatte Blutungen. Noch immer sitzt die Schädeldecke nicht richtig, was wohl korrigiert werden muss. Eine lange Narbe von der Schädeldecke bis zum Ohr zeugt noch heute von den Operationen.

Wochenlang ­musste er am Rollator gehen, war geschwächt. Laut eigener Aussage ist der Krankenpflegehelfer nicht in der Lage, seinen Beruf auszuüben, die Prognosen sind nicht positiv. Er ist gereizt, hat Aufmerksamkeitsdefizite und Konzentrationsschwächen.

  • Am 5. Februar wird die Verhandlung fortgesetzt.

von Katja Peters