Menü
Oberhessische Presse | Ihre Zeitung aus Oberhessen
Anmelden
Hinterland Aufpassen statt ausbrennen
Landkreis Hinterland Aufpassen statt ausbrennen
Partner im Redaktionsnetzwerk Deutschland
11:57 04.06.2012
Projektleiterin Kordula Weber (rechts) und Maria-Theresia Schalk, Vertreterin des Paritätischen Wohlfahrtsverbandes Hessen, tauschen sich über die Forschungsergebnisse aus. Quelle: Marie Lisa Schulz
Marburg

Vier Wochen ist die Mitarbeiterin eines Pflegedienstes krankgeschrieben. Vorerst. Die Diagnose: Burn-Out. Ausgebrannt, antriebslos, voller Angst, die Anforderungen des Arbeitsalltags nicht mehr bewältigen zu können. Sie ist nicht die Erste im kleinen Kreise der Kollegen - und sie wird wahrscheinlich nicht die Letzte bleiben.

Der Fall ist fiktiv, das Problem real. Steigende Anforderungen, Zeitdruck, ein hohes Maß an Verantwortung lassen zahlreiche Mitarbeiter, besonders in der Sozialwirtschaft, ausbrennen. Mit einem Pilotprojekt, gefördert aus Mitteln des Europäischen Sozialfonds, will sich der Verein Arbeit und Bildung diesem Problem stellen. Der Ansatz: Prävention.

Das Ziel: Die Ausbildung von „Burn-out-Organisationsberatern.“ Nach einem Jahr Forschungs- und Vorbereitungszeit wurde am Freitag der Auftakt der Fortbildungsreihe gefeiert. 20 Vertreter aus allen Bereichen der Sozialwirtschaft kamen aus ganz Hessen, um sich ausbilden zu lassen. 240 Stunden sind angesetzt, die Fortbildung auf ein ganzes Jahr verteilt. In Zusammenarbeit mit dem Paritätischen Wohlfahrtsverband Hessen und der Vereinigung der freien gemeinnützigen Kranken- und Pflegeanstalten wurden die Mitgliedsorganisationen angeschrieben und aufgefordert, sich an dem Pilotprojekt zu beteiligen.

Mehr als 1000 Fragebögen wurden ausgefüllt
Im Vorfeld wurden Fragebögen verschickt, in denen auf die Arbeitssituation, das gesundheitliche Befinden und die Arbeitsstrukturen eingegangen wurde. Auf 500 beantwortete Fragebögen hoffte das Projektteam, das mit dem Fachbereich Psychologie der Philipps-Universität zusammenarbeitet. Mehr als 1000 kamen zurück.„Das Thema ist gesellschaftsfähiger geworden“, weiß Projektleiterin Kordula Weber.

„Viele haben erkannt, dass es nicht mehr reicht, einmal die Woche mit der Betriebsgruppe im Wald walken zu gehen und dann zu hoffen, nicht mehr auszubrennen.“

Ziel sei es, belastende Arbeitsstrukturen schon im Vorfeld aufzudecken und den Mitarbeitern bessere Rahmenbedingungen zu bieten. „Wer in der Sozialwirtschaft arbeitet, der arbeitet viel mit Menschen. Es sind Berufe, die emotional sehr beanspruchen“, weiß Kordula Weber. Gerade deswegen sei es wichtig, dass die Arbeit nicht nur Kraft zehre, sondern auch Kraft spende. „Es ist wichtig, dass die Mitarbeiter klare Strukturen in der Organisation vorfinden, eine Anerkennungskultur sowohl unter den Kollegen als auch unter den Führungskräften vorhanden ist und eine Sinnhaftigkeit in der eigenen Arbeit erkannt wird“, erläutert Weber weiter

Männer und Frauen erleben Burn-out unterschiedlich
Die angehenden Burn-out-Organisationsberater sollen lernen, die Arbeits- und Organisationsstrukturen im eigenen Betrieb zu überprüfen und zu optimieren. Derzeit läuft noch die Auswertung der Fragebögen. Einen Schluss können die Projektmitarbeiter jedoch schon jetzt ziehen: „Burn-out ist genderspezifisch.“

Mit anderen Worten: Männer und Frauen erleben die Situation anders, fühlen sich aus unterschiedlichen Gründen ausgebrannt. Während Frauen beispielsweise ein nicht funktionierendes Beziehungsgeflecht auf der Arbeit zu schaffen macht, bewerten Männer streng die Zahl ihrer persönlichen und beruflichen Erfolgserlebnisse, das Voranschreiten ihrer Karriere.

„Wir haben uns vorgenommen, mit diesem Projekt genauer hinzusehen. Wir wollen Arbeitsstrukturen aufdecken, die langfristig dazu beitragen können, dass Menschen ausbrennen. Der demographische Wandel, der Fachkräftemangel - künftig müssen wir alle länger arbeiten.Deshalb ist es wichtig, die Arbeitskraft langfristig zu erhalten“, macht Weber deutlich.

von Marie Lisa Schulz