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Auf Spurensuche in Gesangbüchern

Hinterlandmuseum Auf Spurensuche in Gesangbüchern

„So hat es das hier noch nie gegeben!“, sagen die Organisatoren der Ausstellung, die seit diesem Samstag zu sehen ist.

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Inmitten ihrer „Schätzchen“ schmökern Gerald Bamberger (links) und Pfarrer Reiner Braun.

Quelle: Benedikt Bernshausen

Biedenkopf. Könnten Bücher aus ihrem Dasein erzählen, kämen viele spannende Geschichten zusammen. Das Hinterlandmuseum Schloss Biedenkopf begibt sich auf Spurensuche durch die Vergangenheit und widmet einem ganz besonderen Genre eine Sonderausstellung: dem Gesangbuch.

Auf den Fensterbänken und auf den Tischen im Ausstellungssaal liegen die historischen und teils kunstvoll gebundenen Exponate noch zu Stapeln aufgetürmt. Pfarrer Reiner Braun aus Dautphe und Gerald Bamberger vom Hinterlandmuseum sortieren, ordnen und positionieren die Gesangbücher in den sicheren Vitrinen. „Die Bücher sind zum Selbstentdecken zu wertvoll“, erklärt Reiner Braun mit einem Augenzwinkern den Wegschluss der kostbaren Exponate.

Im Ausschuss für Kirchengeschichte der evangelischen Dekanate Biedenkopf und Gladenbach entwickelten Braun und Bamberger die Idee, in diesem Jahr, dem Jahr der Kirchenmusik, das Gesangbuch zum Thema einer Sonderausstellung zu machen.

Die ist kirchengeschichtlich spannend: In früheren Zeiten hatte jede Region ihr eigenes Gesangbuch. Die konfessionelle Identität eines Menschen wurde daran festgemacht. So unterschied sich der reformierte Wittgensteiner deutlich vom lutherischen Hinterländer - und umgekehrt. Für viele Menschen war das Liedbuch neben der eigenen Kleidung oft der einzige Besitz und diente den einfachen Leuten als Datenspeicher und Familienchronik. Auch Glaubensbekenntnisse wurden auf den kleinen Seiten niedergeschrieben und verleihen so jedem Werk einen eigenen, individuellen Charakter.

Nach einem Aufruf in der Kirchenzeitung bekamen Braun und Bamberger mehr als 175 Leihgaben zugesandt. Viele vom theologischen Seminar in Herborn, aber auch von Privatleuten und aus dem benachbarten Kirchenkreis Wittgenstein.

Nur ein Kriterium stellten die beiden auf: Die Bücher sollten vor 1880 entstanden sein. „Wir wollten so an die alten Schätze drankommen“, erklärt Reiner Braun - und die haben sie auch bekommen: von liturgischen Handschriften auf großformatigem Pergament aus dem 15. Jahrhundert über Exemplare aus der herzoglichen Loge vom Biebricher Schloss bis zum persönlichen Gesangbuch von August Kortheuer, dem letzten Landesbischof der nassauischen Landeskirche.

Ergänzt wird die Sammlung durch Werke der Neuzeit in „Steno“, Blindenschrift, einem Militärgesangbuch von der Gorch Fock und dem „Gesangbuch deutscher Christen“, das während der nationalsozialistischen Diktatur in Deutschland ohne jüdische Prägung auskam. Daneben umfasst die Schau im Landgrafenschloss auch Werke aus Amerika, Ägypten, Japan, Dänemark, der Schweiz und deutschsprachige aus Südamerika.

Ab diesem Samstag können sich Besucher im Hinterlandmuseum auf Entdeckungsreise durch die Kulturgeschichte des Gesangbuches machen. Schließlich unterstreichen die „Macher“ noch die Einzigartigkeit der Ausstellung, die nur historische Originale vorhalte. „So hat es das hier noch nie gegeben!“

von Benedikt Bernshausen

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