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Arbeitslos, aber nicht aussichtslos

Frühere Pauly-Mitarbeiter Arbeitslos, aber nicht aussichtslos

Jetzt sind sie freigestellt von der Arbeit, ab Januar offiziell arbeitslos. Zwei langjährige Pauly-Mitarbeiter sorgen sich um ihre Zukunft, aber noch mehr belastet sie das Gefühl, nicht mehr ­gebraucht zu werden.

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Demo, Pauly. Foto: Tobias Hirsch

Marburg. Sie haben bis zum Ende um ihren Job, um ihre Firma gekämpft. Sie verzichteten auf Lohn, verhandelten mit dem Arbeitgeber, gingen auf die Straße. Es half nichts. Ende August schloss der traditionsreiche Salzstangenhersteller Pauly seinen Standort in Wenkbach. Rund 140 Menschen verloren ihren Arbeitsplatz. Einer davon ist Peter Kolbe (60), seit 22 Jahren arbeitete er als Schlosser in der Firma. Ein anderer ist der 50-jährige Bäcker Hans-Hermann Köcher (dieser Name ist von der Redaktion geändert). Noch im September haben beide die Maschinen im still gelegten Werk gereinigt, damit die Kölner Firma Intersnack, zu der Pauly gehört, diese ins Ausland verkaufen könne, berichten die Männer. Seitdem sind sie freigestellt von der Arbeit. Ab Januar sind sie offiziell arbeitslos. „Ich brauche mir keine großen Hoffnungen mehr machen, dass ich in meinem Alter eine feste Stelle finde, hat mir die Arbeitsagentur gesagt”, berichtet Peter Kolbe. Und ergänzt schulterzuckend: „Klingt blöd, ist aber so.“

Mit 60 Jahren zu alt für den beruflichen Neuanfang?

Er sehe ein, dass Jüngere bevorzugt werden. Rente werde er erst mit 63 Jahren bekommen. Für seinen jüngeren Kollegen besteht statistisch betrachtet Aussicht auf einen Arbeitsplatz: Bäcker werden gesucht. Dennoch hat der Familienvater bisher keinen Erfolg mit der Jobsuche gehabt. Er schreibt weiter Bewerbungen - eine Herausforderung für ihn. „Ich musste seit meiner Lehrzeit keine Bewerbung mehr schreiben.“

Viel Geld und Zeit investiere er nun in die Anschreiben an die Unternehmen. „Man strampelt sich ab, bekommt nicht mal eine Antwort”, so seine Erfahrung bisher. Das sei unhöflich, frustrierend, ja unfair, sagt Köcher. Die vergangenen Wochen befasste er sich nochmal neu mit seinem Handwerk, hospitierte in einer Backstube: „Als ich mein Handwerk lernte, gab es noch ein Nachtbackverbot. Wir fingen um vier Uhr morgens an. Jetzt arbeiten Bäcker in der Nachtschicht. Ich muss also damit leben, künftig nur noch nachts arbeiten zu müssen. Da wird weniger Zeit fürs Familienleben sein”, sagt der 50-Jährige.

Jetzt haben die früheren Pauly-Schichtarbeiter allerdings viel Zeit fürs Familienleben. Kolbe kann sich daheim nützlich machen, seiner Tochter und ihrer jungen Familie helfen. Dem Bäcker fällt die Decke auf den Kopf. „Meine Frau arbeitet auch nur Teilzeit, man geht sich auf den Geist daheim“, sagt er. Das kann Kolbe nicht ganz nachvollziehen, sein jüngerer Kollege ergänzt: „Man fühlt sich nicht mehr gebraucht. Man hat keine Aufgabe, man ist antriebslos. Man gammelt herum, bekommt keinen Anfang“, so der 50-Jährige. Und wenig später wiederholt er in anderen Worten, was er empfindet: „Wenn man wie der Bilderbuchhartzer lebt, fühlt man sich übrig.” Das wiederum kann Kolbe nachvollziehen, sehr gut sogar: „Manchmal denke ich, mich will keiner mehr. 60, zu alt. „Dabei fühle er sich gar nicht alt, habe er doch bis vor Kurzem hart gearbeitet, sei dafür von seinem Wohnort Neustadt nach Wenkbach gependelt.

Auf Lohn in Höhe von 22000 Euro verzichtet

Kolbe und Köcher wollen nicht resignieren. „Es kann auch ein Neuanfang werden. Mein Handwerk macht mir Spaß und in einer Bäckerei ist die Arbeit interessant und vielfältiger als in einer Fabrik“, sagt Köcher. Er könne sich gut an den Gedanken gewöhnen, nicht mehr täglich nur Salzstangen backen zu müssen. Kolbe überlegt, sich selbstständig zu machen, aber ob sich das für ein paar Jahre lohne und überhaupt: „Mir fehlt die zündende Idee.“ Kolbe hat eine Kündigungsschutzklage gegen seinen früheren Arbeitgeber laufen, er erhofft sich dadurch auch, Geld zurückzubekommen. Er habe in drei Jahren auf insgesamt 22000 Euro Lohn verzichtet. „Uns wurde gesagt, dass hilft zum Erhalt der Arbeitsplätze. Doch wie wir wissen, hat das nichts geholfen, also will ich das Geld wieder haben”. 2014 wollten die Arbeiter eigentlich das Jubiläum ihrer Firma feiern, doch Pauly schloss sein Werk im 49. Jahr. Aus der OP erfuhren die Pauly-Arbeiter in dieser Woche, dass das Werksgebäude verkauft wurde: Zwei Unternehmer wollen dort eine Firma gründen, die Süßgebäck für Discounter verpackt. Die Nachricht ist für die ehemaligen Kollegen keine leichte Kost, was sollen sie dazu schon sagen? Das Selbstbewusstsein der Arbeiter, die stolz darauf waren, dass ihre Salzstangen bei Aldi und Co in den Regalen zu finden waren, es hat Kratzer bekommen.

von Anna Ntemiris

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