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„Arbeitsbelastung ist massiv gestiegen“

Uniklinikum „Arbeitsbelastung ist massiv gestiegen“

Wie hat sich die Privatisierung des Universitätsklinikums Gießen und Marburg (UKGM) auf die Beschäftigten ausgewirkt? Eine Frage, die viele Menschen bewegt. 150 Zuhörer verfolgten die Präsentation der Ergebnisse.

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Quelle: Thorsten Richter

Marburg. Die Antwort war schnell gegeben: Die Privatisierung des Marburger Universitätsklinikums hat sich laut einer Studie von Studierenden der Philipps-Universität vor allem durch höhere Arbeitsbelastung negativ auf die Beschäftigungsverhältnisse ausgewirkt. Bei einer Podiumsdiskussion im Marburger Centrum für Nah- und Mitteloststudien wurde überdeutlich, dass die Ansichten über das Ausmaß der höheren Arbeitsbelastung durchaus verschieden sind.

Wie groß das öffentliche Interesse ist, zeigte allein die Besucherzahl:Der Hörsaal war mit knapp 150 Menschen komplett gefüllt, einige Gäste mussten sogar auf den Stufen Platz nehmen. Auf dem Podium saßen der ärztliche Direktor am Standort Marburg und Geschäftsführungsmitglied, Professor Jochen A. Werner, die Landesvorsitzende der Grünen, Kordula Schulz-Asche, der gesundheitspolitische Sprecher der SPD-Landtagsfraktion, Dr. Thomas Spies, und Urte Sperling, Krankenschwester in der Akutpsychiatrie in Marburg.

Zunächst stellte die studentische Projektgruppe von Professorin Annette Henninger am Institut für Politikwissenschaft ihre Ergebnisse vor. Die Politikwissenschaftler erläuterten, dass sie für die Studie umfangreiche Befragungen der Mitarbeiter organisiert hätten, die allerdings nicht repräsentativ sein könnten. Herausgekommen sei, „dass die Arbeitsbelastung seit der Übernahme der Rhön AG 2006 massiv angestiegen ist“. Grund sei dafür aber nicht etwa bereits eingespartes Personal, sondern die gestiegene Zahl der Patienten. Folge der höheren Arbeitsbelastung sei - so gaben es die Mitarbeiter bei den Studenten an - dass sie unter anderem nicht mehr ihre volle Leistungsfähigkeit erreichen würden. Auch litten viele darunter, dass sie entgegen ihres Berufsethos nicht mehr alles für den Patienten leisten können.

„Ich denke, es ist an der Zeit und richtig, auf diffamierende Äußerungen einzugehen“, sagte dagegen Professor Werner, der sich nach eigener Aussage bislang noch nicht zum Thema geäußert hatte, und nahm damit Bezug auf die harsche Kritik der vergangenen Monate. Es sei auffällig, so Werner, dass vor allem Marburg im Fokus der Öffentlichkeit stehe. Er gehe allerdings nicht davon aus, „dass es hier schlechter ist als in Gießen“. Offensichtlich werde Marburg von außen mehr schlechtgeredet. Werner räumte ein, dass es sicher auch Grund zur Unzufriedenheit gebe, forderte aber gleichzeitig „eine Aufbruchstimmung, und dass wir diese Kollektivdepression aufgeben“.

Öffentlicher Streit auf Kosten der Beschäftigten

Der öffentliche Streit werde auf dem Rücken der Beschäftigten ausgetragen, erklärte der ärztliche Direktor, und die seien hoch motiviert und würden beste Arbeit leisten.

Dem wollte Krankenschwester Urte Gerling nicht widersprechen, und auch der Landtagsabgeordnete Thomas Spies hob hervor, dass das UKGM ein gutes Krankenhaus sei. Sicher sei es falsch, wenn Angehörige eines Schlaganfallpatienten forderten, dass dieser nicht auf die Lahnberge komme, wie Werner dies an einem Beispiel geschildert hatte. Denn genau dort arbeiteten schließlich Spezialisten, sagte Spies. Allerdings sei die Privatisierung ein grundsätzlicher Fehler gewesen.

Spies forderte eine Statistik über das bestehende Zahlenverhältnis von Mitarbeitern zu Patienten. Außerdem müssten Überlastungsanzeigen öffentlich gemacht werden, denn nur eine neutrale Stelle könne Zustände wirkungsvoll beurteilen. Grundsätzlich sei es richtig von der Geschäftsführung, Beschäftigte, die ihre Aufgaben nicht mehr erfüllen könnten, aufzufordern, dies zu melden. „Das funktioniert aber nur“, wie Kordula Schulz-Asche ergänzte, „bei einem gegenseitigen Vertrauensverhältnis“. Spies hob zudem hervor, dass es keine Risiken bei der Patientenversorgung durch überlastetes Personal geben dürfe. Dies sei grotesk, wenn man bedenke, wie streng beispielsweise Hygienevorschriften seien.

Gerling berichtete, dass am UKGM durchaus auf die hohe Belastung reagiert werde, aber eben nicht mit mehr Personal. Sinn könne es nicht sein, Lücken in einem Bereich zugunsten eines anderen zu stopfen. „Wenn die Decke zu schmal ist, zerren alle dran und einer ist immer nackt“, sagte sie.

„Wir sind eine selbstbewusste Berufsgruppe im Sinne der Patienten als hilfsbedürftige Menschen“, sagt die Krankenschwester. Seit der Privatisierung häuften sich aber Probleme. Durch Neubauten und Umzug seien intakte Strukturen zerstört worden, weil Mitarbeiter in die Entscheidungen zu wenig einbezogen worden seien. Inzwischen sei auch dem letzten Optimisten klar, was die Privatisierung bedeute. Es werde immer schwieriger, Stellen qualifiziert zu besetzen. Die Folge sei der vermehrte Einsatz von Aushilfen, ergänzte sie.

Abhilfe könnten konsequente Personalstandards sein, betonte Spies. Diese könnten im Krankenhausgesetz festgeschrieben werden. „Dann allerdings“, so gestand Werner, „kann das Klinikum keinen Profit mehr abwerfen“. Er bestätigte damit die Feststellung der Studierenden, dass die Rendite nur über Einsparungen beim Personal zu erzielen seien. Bereits zu Beginn der Diskussion hatte Schulz-Asche hervorgehoben, dass bei dem Wettbewerb unter den Kliniken ein Universitätsklinikum im Grunde überhaupt keine Rendite erwirtschaften könne.

von Heiko Krause

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