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Arbeiten am Limit - und darüber hinaus

Uniklinikum Marburg Arbeiten am Limit - und darüber hinaus

Arbeitnehmer sind verpflichtet, eine Überlastung anzuzeigen, wenn daraus eine Gefährdung der eigenen Sicherheit oder von anderen ausgeht. Binnen eines Jahres gab es am Uniklinikum 36 Überlastungsanzeigen. Tendenz steigend.

Quelle: Thorsten Richter

Marburg. Die Zentrale Notaufnahme, Inter-Medical Care (schwer pflegebedürftige Patienten), die Neuroradiologie, sogar die Apotheke und die Information - sie alle haben Überlastungsanzeigen an die Geschäftsführung des Uniklinikums geschrieben (Stand: Mitte März). Die Arbeitnehmer zeigen damit an, dass sie die geforderten Aufgaben aufgrund von Überlastung nicht mehr erfüllen können. Zum Schutz der Patienten und natürlich auch zum Schutz für sich selbst, um vor möglichen Regressansprüchen geschützt zu sein. Sollte nämlich wegen einer Überlastung ein Patient zu Schaden kommen, ohne dass der Arbeitnehmer im Vorfeld auf die Probleme hingewiesen hat, trifft ihn ein „Verschulden durch Unterlassen.“

Für die UKGM-Spitze ist die Zahl 36 keine besonders alarmierende, sagt Pressesprecher Frank Steibli. Er betont aber: „Wir nehmen die Anzeigen sehr ernst. Die Geschäftsführung nimmt solche Probleme auf und klärt, wie es dazu kommen konnte.“

Jeder Einzelfall werde gecheckt und schnellstmöglich einer Lösung zugeführt, die die betroffenen Mitarbeiter zufrieden stelle. „Am liebsten hätten wir die Zahl Null. Wir sind aber keine Autofabrik. Wir arbeiten mit und für Menschen, und eine Überlastungsanzeige schreibt niemand nebenbei.“ Für den Betriebsrat des Uniklinikums sind diese Zahlen sehr wohl erschreckend, zumal Bettina Böttcher betont, mit wie viel Aufwand eine solche Anzeige verbunden sei. Da wäre zum einen der Wust an Formularen, den es auszufüllen gilt. Zum anderen stünden Gespräche mit der Geschäftsführung an. „In Zeiten, in denen die Beschäftigten nicht wissen, wie es weiter gehen soll, will sich niemand selbst unnötig in den Fokus rücken. Das ist doch nur allzu verständlich“, sagt Bettina Böttcher. Im Klartext: Die Angst, den Job zu verlieren, ist größer, als eine Überlastung zuzugeben. Zumal den meisten Beschäftigten ein Rundschreiben des ehemaligen Geschäftsführers Gerald Meder, heute als Berater der Rhön AG tätig, noch in bester Erinnerung ist.

„So kann man Mitarbeiter nicht behandeln“

Darin heißt es, dass juristische Folgen drohen, sollte sich eine Überlastungsanzeige nach eingehender Prüfung als ungerechtfertigt darstellen.

„Die Mitarbeiter sind am Limit, sie können nicht mehr“, sagt Bettina Böttcher und erhält Unterstützung von Klaus Hanschur, Betriebsratschef am Standort Gießen. „Wir können nicht mehr. Schluss. Das verweigern wir“, erwidert er auf die angekündigten Sparmaßnahmen. Die Überlastungsanzeigen seien ein deutlicher Beweis für die erreichte Belastbarkeitsgrenze. „Wie soll es dann erst werden, wenn noch mehr Personal abgebaut wird?“, fragt Böttcher und stellt klar: „So kann man die Mitarbeiter einfach nicht behandeln.“

Die gestellten Überlastungsanzeigen legen offen: Kaum ein Teil der Uni-Klinik in Marburg ist nicht betroffen. Und es kommen immer weitere hinzu. Allein in der letzten März-Woche zählte der Betriebsrat 16 weitere Anzeigen. Verschiedene Intensivstationen, chirurgische Stationen, Zentrale Patientenaufnahme, Neurologie, Kinderklinik, Strahlentherapie - sie alle prangern Missstände an. Aber, so sagt Bettina Böttcher, „der Stellenabbau am Uniklinikum läuft nachweislich weiter. Und das, obwohl die Menschen nicht mehr können.“

von Carsten Bergmann

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