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Hinterland Arbeit auf Abruf: Das Handy stets im Blick
Landkreis Hinterland Arbeit auf Abruf: Das Handy stets im Blick
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19:59 24.04.2017
Wenn der Chef auch in der Freizeit oder im Urlaub anruft, können Arbeitnehmer ihr Leben nicht planen. Quelle: Tobias Hirsch
Marburg

Johanna Schreiner (Name von der Redaktion geändert) arbeitet als Betreuerin in einem Wohnheim für psychisch erkrankte Erwachsene. 40 Bewohner gibt es in dem Heim, „ich arbeite eigentlich im Tagdienst“, sagt die gelernte Ergotherapeutin.

„Seit kurzer Zeit gibt es die Anweisung, dass wir unsere Diensthandys doch bitte auch im Urlaub eingeschaltet lassen sollen, damit wir erreichbar sind, falls absoluter Notstand herrscht“, sagt die 28-Jährige. Es sei egal, ob man einen Flug geplant habe oder nicht – „man hat erwartet, dass wir erreichbar sind“.

Doch nicht nur im „Ausnahmefall Urlaub“ habe man dennoch bereit sein sollen. „Häufig wurden wir auch im Freizeitausgleich angerufen, selbst wegen nichtigen Dingen. So hat mich meine Teamleiterin sogar einmal angerufen, um mir nur mitzuteilen, dass das Wasser verschmutzt sei.“ Schreiner habe damals das Telefonat zunächst verpasst – „da musste ich mir dann die Frage gefallen lassen, warum ich nicht rangegangen sei – und das, obwohl ich keine Rufbereitschaft hatte“, sagt die junge Frau.

Diese ständige Erreichbarkeit führte dazu, überhaupt nicht mehr abschalten zu können und quasi permanent unter Strom zu stehen – Erholung war Mangelware. „Also haben wir mit unserer Gruppe den Entschluss gefasst, das Handy auszuschalten, wenn wir das Dienstzimmer verlassen“, berichtet die 28-Jährige. Es habe eine Weile gedauert, bis sich alle dazu bereiterklärt hätten – zu groß sei die Angst vor eventuellen Repressalien oder Konsequenzen durch die Führungsetage gewesen. „Aber letztendlich haben wir das durchgezogen.“ Auch, wenn ein mulmiges Gefühl geblieben sei. Nicht wegen der Chef-Etage, sondern aus Fürsorgepflicht für die Bewohner.

Konsequenz: Mitarbeiter erkranken häufiger

Was hatte zu der Anweisung geführt? „Eine zu enge Personalplanung, Stellen wurden nicht nachbesetzt – drei Vollzeitkräfte haben uns gefehlt.“ Gerade in der Urlaubszeit oder bei Krankheit hätten sich die Auswirkungen bemerkbar gemacht. „Das führt auch dazu, dass Doppelschichten häufig vorkommen.“ Die Konsequenz: Die Mitarbeiter werden noch häufiger krank, die Situation wird weiter verschärft. Und: Auch die Bewohner litten unter der prekären Personalsituation.

Für Dr. Ulf Immelt, Gewerkschaftssekretär des DGB Mittelhessen, ist klar: „Es findet eine absolute Verdichtung von Arbeit statt, dabei spielt auch die ständige Erreichbarkeit eine große Rolle.“ Das gehe schon in die Richtung der „Arbeit auf Abruf, um die derzeit eine große Debatte stattfindet“, sagt Immelt. Dabei gebe es keine festen Zeiten mehr, „vielmehr sagt der Arbeitgeber, dass der Arbeitnehmer dann kommt, wenn es Arbeit gibt – ansonsten bleibt er zu Hause“. Und Schneider sagt: „Ein solches Modell war bei uns bereits im Gespräch.“

Das Problem dabei laut Immelt: „Damit wird das unternehmerische Risiko komplett auf die Beschäftigten abgewälzt.“ In der Regel würde man seinem Chef „unter geregelten Kriterien seine Arbeitskraft“ verkaufen – werde dieses Prinzip umgekehrt, dann geschehe das auf dem Rücken der Angestellten.

Geregelt sei diese Möglichkeit im „Teilzeit- und Befristungsgesetz“ – Mehrarbeit müsse jedoch vier Tage vorher angekündigt werden, der Betriebsrat müsse zustimmen, „außerdem darf sie nicht mehr als 25 Prozent der festgelegten Arbeitszeit überschreiten“, verdeutlicht der Gewerkschaftssekretär. „Aber die Praxis sieht häufig anders aus – denn nicht immer kennen die Arbeitnehmer ihre Rechte,­ außerdem haben sie häufig Angst vor Konsequenzen.“

„Die Betroffenen können ihren Alltag nicht planen“

Die „Arbeit auf Abruf“, die noch extremer sei, betreffe laut Immelt 13 Prozent der Betriebe mit mehr als zehn Beschäftigten, „in kleineren Betrieben kommt es wohl noch häufiger vor“, schätzt er. „Man kann sagen, dass es fünf Prozent aller Beschäftigten trifft die Dunkelziffer nicht mitgerechnet.“

Als Branchen finde diese „Arbeit auf Abruf“ häufig in der Gastronomie oder im Einzelhandel statt, „und überwiegend häufig auch bei Mini-Jobbern. Wir als Gewerkschaften sagen ganz klar: Das ist auch eine Form von prekären Arbeitsverhältnissen. Denn es gibt keine Sicherheit, die Betroffenen können ihren Alltag nicht planen und – und häufig sind die Einkommen nicht nur niedriger, sondern schwanken sehr stark.“ Das wirke sich dann später auch auf die Rentenbezüge aus.

Zudem würden mit diesem Modell auch elementare Arbeitnehmerrechte infrage gestellt. „Häufig gibt es keinen Arbeitsvertrag, wenn doch, steht dort nichts über Arbeitszeiten“, sagt Immelt. Und dann gebe es auch keine Lohnfortzahlung im Krankheitsfall, „weil der Arbeitgeber dann sagen kann, er habe den Mitarbeiter ja in dieser Zeit nicht beauftragt“.

Die Forderung der Gewerkschaften lautet daher, den entsprechenden Paragraphen im Teilzeit- und Befristungsgesetz zu streichen. „Sogenannte Nullstunden-Verträge müssen verboten werden, und unsere ­
Minimalforderung ist, dass die tatsächlich geleistete Durchschnitts-Stundenzahl als vereinbart gilt“, sagt Immelt.

Flexibilisierung können nicht nur einseitig zu Lasten des ­Arbeitnehmers geschehen, sondern müsse sich auch an den Lebenssituationen der Arbeiter orientieren – etwa bei flexiblen Übergängen in die Rente, Stundenreduzierungen mit Rückkehr-Recht in der Familienzeit oder Ähnliches.

von Andreas Schmidt

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