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Durch smarte Zähler steigen Kosten

Stromversorgung Durch smarte Zähler steigen Kosten

Nach und nach beginnen die Versorger, Stromzähler gegen sogenannte „Smart Meter“ auszutauschen. Doch was bedeutet das für die Verbraucher?

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Die herkömmlichen Stromzähler haben ausgedient: Sie werden nach und nach entweder durch digitale Varianten oder intelligente Stromzähler, sogenannte „Smart Meter“, ersetzt.

Quelle: Jens Büttner

Marburg. Alles scheint möglich: Die Heizung schaltet sich ab, wenn die Haustür ins Schloss fällt. Mitten in der Nacht springt die Waschmaschine an, wenn Strom gerade schön billig ist. Der Rauchmelder schickt eine SMS, weil eine vergessene Zigarette vor sich hin kokelt. So sieht die vernetzte Energiewende jedenfalls im Hochglanz-Prospekt aus. Nach und nach werden nun intelligente Stromzähler, also „Smart Meter“, eingebaut. Doch nicht bei allen Kunden. Die OP sprach dazu mit Peter Lassek von der Verbraucherzentrale Hessen.

OP: Wer bekommt Smart Meter?
Peter Lassek: Zum 1. September 2016 ist das Gesetz zur Digitalisierung der Energiewende in Kraft getreten. Die Bundesregierung hat damit eine EU-Richtlinie zur Energieeffizienz umgesetzt. Das Gesetz schreibt den Einbau neuer Technik zur Messung des Stromverbrauchs ab diesem Jahr vor. Smart Meter sollen dazu beitragen, Strom bewusster zu verbrauchen, Stromfresser schneller zu identifizieren und damit die Energieeffizienz zu verbessern.

Verpflichtend ist der Einbau von Smart Metern laut Gesetz ab diesem Jahr für Haushalte und Unternehmen mit einem Jahresverbrauch von mehr als 10.000 Kilowattstunden. Eigentlich hätte der Startschuss schon fallen sollen. Der Einbau sollte starten, sobald die Technik am Markt verfügbar ist. Auch Haushalte mit großen Photovoltaik-Anlagen müssten ab 2017 ein intelligentes Messsystem bekommen.

Problem: Bislang gibt es zu wenig zertifizierte Smart-Meter-Hersteller. Sind es mindestens drei, kann es losgehen. Drei Jahre später soll die Umrüstung von Privathaushalten, die weniger als 6000 Kilowattstunden verbrauchen, beginnen. Deutschlandweit sollen bis zum Jahr 2032 nahezu alle alten Zähler ersetzt werden – immerhin mehr als 40 Millionen Geräte.

OP: Was ist mit Kunden, die weniger Strom verbrauchen?
Lassek: Ab dem Jahr 2020 müssen Haushalte mit einem Jahresverbrauch von mehr als 6000 Kilowattstunden ein intelligentes Messsystem bekommen und sollen dafür maximal 100 Euro im Jahr bezahlen. Für Haushalte mit einem geringeren Verbrauch ist der Einbau freiwillig. Beim turnusmäßigen Zählertausch bekommen diese Haushalte eine moderne Messeinrichtung, die aber keine Daten übertragen kann. Allerdings werden auch diese Haushalte zwangsweise mit Smart Metern ausgerüstet, wenn es ihr Vermieter oder zuständiger Messstellenbetreiber will.

OP: Wer ist für die Umsetzung zuständig?
Lassek: Umgesetzt werden diese Regelungen schrittweise durch die Messstellenbetreiber. Diese sind ihrerseits verpflichtet, den Einbau durchzusetzen. Sie kommen deshalb auf die Haushalte zu, sodass Verbraucher nicht selbst tätig werden müssen. Haushalte, die einen Smart Meter bekommen, muss der grundzuständige Messstellenbetreiber mindestens drei Monate vor dem Einbau informieren und dabei auf die Wechselmöglichkeit zu einem anderen Betreiber hinweisen.

So weit der Einbau eines Smart Meters nicht vorgesehen ist, erhalten alle Haushalte bis zum Jahr 2032 zumindest digitale Stromzähler (im Fachjargon „moderne Messeinrichtungen“), die nicht ins intelligente Stromnetz (Smart Grid) eingebunden sind.

Ab 2018 aber müssen unter Umständen auch Neuanlagenbetreiber mit einer Nennleistung über einem und unter sieben Kilowatt unfreiwillig einen Smart Meter nutzen und bezahlen. Ab 2020 können auch Stromkunden mit Verbräuchen unter 6000 Kilowattstunden pro Jahr betroffen sein. Die Entscheidung in Fällen ohne Einbaupflicht liegt nämlich nicht bei den Hauseigentümern, sondern ebenfalls bei den Messstellenbetreibern. Verbraucher können sich dann gegen eine beschlossene Installation nicht wehren, obwohl teils erhebliche jährliche Kosten entstehen können. Theoretisch möglich ist allein der Wechsel zu einem anderen Messstellenbetreiber, der entweder preisgünstiger ist oder auf den Smart-Meter-Einbau verzichtet.

OP: Welche Kosten kommen auf die Verbraucher zu?
Lassek: Im Gesetz sind Obergrenzen für die jährlichen Kosten festgesetzt, die dem Verbraucher für den Betrieb eines Smart Meters entstehen dürfen. Sie hängen ab von der Menge des verbrauchten Stroms beziehungsweise der Leistung der stromerzeugenden Anlage. Ein Durchschnittshaushalt mit vier Personen und einem Verbrauch von 3600 Kilowattstunden pro Jahr kann zum Beispiel mit bis zu 40 Euro zur Kasse gebeten werden. Zum Vergleich: Im Durchschnitt liegen die jährlichen Kosten für den Messstellenbetrieb und die Messung derzeit bei rund 13 Euro brutto.

Für reine digitale Zähler ohne Gateway dürfen unabhängig vom Verbrauch nur maximal 20 Euro pro Jahr berechnet werden. Hinzu kommen mögliche, noch nicht näher bezifferte Kosten im Zusammenhang mit dem Umbau der Zählerplätze: Zählerschränke für die Smart Meter müssen von den Verbrauchern und Steuerboxen zur Regelung der Anlagen von den Anlagenbetreibern bezahlt werden.

OP: Was haben Verbraucher von den intelligenten Stromzählern?
Lassek: Digitale Zähler bilden nicht nur fortlaufend die Summe der bezogenen Kilowattstunden, sondern protokollieren zusätzlich den Stromverbrauch im Zeitverlauf. So können die Verbraucher innerhalb von 24 Monaten im Nachhinein sehen, wie viel Energie sie beispielsweise an einem bestimmten Tag, einer Woche oder einem Monat bezogen haben. Diese Veranschaulichung soll zum Sparen motivieren. Den Betroffenen wird ihr Heiz- und Verbrauchsverhalten dargelegt, und in der Konsequenz besteht hierdurch die Möglichkeit einer sparsameren Verbrauchsanpassung.

Weil ein Smart Meter, im Gegensatz zum bloßen digitalen Zähler, ins intelligente Stromnetz eingebunden ist, ist theoretisch eine „Ablesung“ aus der Ferne möglich. Häufige, kurzfristigere exakte Abrechnungen nach dem tatsächlichen Verbrauch ohne vorherige Abschlagszahlungen wären also als neuer, fairer Standard denkbar. Als weiterer Pluspunkt wird häufig auch das verringerte Risiko des Stromdiebstahls durch automatische Zählerablesung genannt.

OP: Kann man per Smart Meter wirklich Geld sparen?
Lassek: Direkte finanzielle Vorteile sind für Verbraucher durch Smart Meter derzeit nicht zu erwarten. Die Geräte verursachen zusätzliche jährliche Kosten. Variable Tarife, bei denen der Strom etwa nachts günstiger ist und der Smart Meter die Spülmaschine deshalb erst am späten Abend aktiviert, gibt es bislang kaum. Damit dies funktioniert, müssen zudem auch entsprechende, Smart-Grid-fähige Elektrogeräte eingesetzt werden. Es kann sein, dass sich entsprechende Angebote zunehmend entwickeln. Doch selbst wenn sie vorhanden sind, wird die Ersparnis wohl nicht in jedem Fall die Kosten für den Smart Meter aufwiegen.

OP: Wie sieht es mit dem Datenschutz aus?
Lassek: Mit der automatischen Ablesung und gezielten Auswertung von Verbrauchsdaten in kurzen Zeitintervallen – zum Beispiel ein Messwert pro Viertelstunde – bietet sich die Möglichkeit, Rückschlüsse auf Anwesenheit und Lebensgewohnheiten der Bewohner zu ziehen. Diese Daten sind personenbezogene Daten und ihr Umgang muss somit auch den Anforderungen des Bundesdatenschutzgesetzes genügen. Daher erscheint es unabdingbar, dass die Messstellenbetreiber – in der Regel sind das die örtlichen Netzbetreiber – hohe Sensitivität in Sachen Datenschutz an den Tag legen.

Die Erhebung und Weiterleitung von Daten in kurzen Zeitintervallen – also mehr als ein Verbrauchswert pro Tag – an Netzbetreiber und Stromlieferant darf nach unserer Auffassung nicht ohne Wissen und ausdrückliche Einwilligung des Verbrauchers erfolgen. Auch dürfen Daten zu keinem anderen, als in der Einwilligung ausgewiesenen Zweck weiterverwendet werden.

Der Datenschutz ist die Achillesferse des Smart Meterings. In diesem Punkt müssen die Messstellenbetreiber nicht nur hohe Standards entwickeln und einhalten, sondern ihre Kunden auch glaubwürdig davon überzeugen. Dies ist vor allem durch eine datenschutzfreundliche Gestaltung der Systeme zu erreichen. Eine weitgehende Datenhoheit des Verbrauchers und die dezentrale Speicherung sollten daher im Mittelpunkt stehen. Vorbildlicher Datenschutz stärkt das Vertrauen von Verbrauchern in solche neue Technik wie Smart Meter. Die Nicht-Einhaltung oder Datenskandale würden sich deshalb sehr nachteilig auf die Verbreitung von Smart Metern auswirken.

von Andreas Schmidt

 Kosten für Smart Meter und Stromkosten nach Senkung der EEG-Umlage

Die OP wollte von den beiden kommunalen Versorgern EAM und Stadtwerke Marburg wissen, wann sie mit dem Austausch der Stromzähler beginnen und welche Kosten auf die Verbraucher zukommen. Zudem sollten die Anbieter Auskunft darüber geben, ob sich die gesenkte EEG-Umlage auf die Strompreise auswirken werde.

Die EAM habe über ihre Netztochter EnergieNetz Mitte mit dem Einbau von modernen Messeinrichtungen – also digitalen Stromzählern – bei Haushalts-Netzkunden mit durchschnittlichen Jahres-Verbräuchen unter 6000 Kilowattstunden im Juli begonnen, teilte Pressesprecher Jörg Krell mit. „Dabei werden jeweils bei turnusmäßig anstehenden Zählerwechseln die neuen modernen Messeinrichtungen bei den Kunden eingebaut.“ Die intelligenten Messsysteme – also Smart Meter – würden bei Jahres-Verbräuchen von mehr als 6000 Kilowattstunden bei Netzkunden installiert.

„Hier ist ab Februar 2018 eine Testphase geplant. Nach erfolgreichem Test werden dann die intelligenten Messsysteme bei den ersten Kunden eingebaut“, so Krell. Der Umbau oder der Austausch der Geräte erfolge kostenlos. Für die digitalen Zähler belaufen sich laut Krell die jährlichen Kosten auf 20 Euro – für nicht-digitale Zähler habe man bisher 12,14 Euro berechnet. „Die maximalen Kosten für ein intelligentes Messsystem richten sich nach dem Jahresverbrauch und sind vom Gesetzgeber vorgegeben“, so Krell. Für Kunden mit 6000 bis 10.000 Kilowattstunden Jahres-Verbrauch würden die maximalen jährlichen Kosten nicht mehr als 100 Euro betragen.

Zu dem Strompreisen sagte EAM-Sprecher Steffen Schulte, dass die EEG-Umlage „nur einer von mehreren Bestandteilen des Strompreises“ sei. „Darüber hinaus stehen die Netzentgelte 2018 noch nicht endgültig fest. Wir können daher zum jetzigen Zeitpunkt noch nicht sagen, ob sich die Senkung der Umlage und der zukünftigen Netzentgelte insgesamt entlastend auf den Strompreis auswirken wird“, so Schulte. Wenn alle Komponenten bekannt seien „und sich insgesamt eine Absenkung feststellen lässt, werden wir fair damit umgehen und diese an unsere Kunden weitergeben.“

Die Stadtwerke Marburg teilen mit, dass der Austausch der Zähler gegen die digitale Variante für die Verbraucher kostenlos sei. „Es entstehen keine Folgekosten für die Verbraucher. Die Kosten für den Messstellenbetrieb einer modernen Messeinrichtung belaufen sich dann auf 20 Euro brutto jährlich“, heißt es vonseiten der Stadtwerke.
Die Antwort nach den Kosten für die intelligenten Stromzähler blieb das Unternehmen jedoch schuldig.

Zu den Strompreisen teilten die Stadtwerke mit: „Derzeit können wir noch keine Aussage zu unseren Strompreisen machen, da die Höhe einiger Umlagenbestandteile noch nicht feststeht. Diese werden erst noch durch die Übertragungsnetzbetreiber bekannt gegeben.“

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