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Milde Strafen als „Geschenk“

Aktienbetrugsprozess Milde Strafen als „Geschenk“

Vor dem Amtsgericht ­Marburg wurden zwei ­Angeklagte aus Nordrhein-Westfalen, die zu der auch in Marburg ­tätigen Aktienbetrüger-Bande gehörten, zu ­Bewährungs- und 
Geldstrafen verurteilt.

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Zwei weitere Helfer der Betrügerbande, die mit nicht vorhandenen Aktien handelte, wurde nun der Prozess gemacht.

Quelle: Frank Rumpenhorst

Marburg. Staatsanwalt Oliver Rust hatte reichlich zu tun, bis die Anklageschrift von mehreren Seiten verlesen war. Die Angeklagten waren Teil eines Netzwerks von Betrügern, das Käufer mit nicht existierenden Aktien zu Dumping-Preisen in die Falle lockte ( die OP berichtete).

Dem Jüngeren der Angeklagten, einem 34-Jährigen, wurde Betrug in 69 Fällen vorgeworfen. Der Mann war als Call-Center-Mitarbeiter tätig und verkaufte am Telefon Aktien renommierter Unternehmen, wissentlich, dass diese nicht geliefert werden würden. Immer wieder gründeten die Betrüger neue Firmen, während andere vom Markt verschwanden – bis der Betrug aufflog. Insgesamt bezifferte die Staatsanwaltschaft den von dem 34-Jährigen verursachten Gesamtschaden auf 711.000 Euro, sein geldwerter Anteil betrug mehr als 300.000 Euro.

„Das war meine größte Dummheit“

Der ledige, vollumfänglich geständige Mann schilderte dem Gericht, dass er in ärmlichen Verhältnissen aufgewachsen sei und mit ansehen musste, wie seine Kumpels mit schicken Autos vorfuhren. Das weckte Neid und Wünsche, die er sich erfüllen wollte. So ergriff er die sich ihm bietende Chance, „richtig Geld zu verdienen“, bekam er doch bis zu 55 Prozent der Summe, die die Geschädigten auf ein Konto einzahlten, das eindeutig seiner Person zugeordnet werden konnte.

„Das war meine größte Dummheit“, versicherte Mann, der bisher noch nie wegen einer Straftat verurteilt wurde. Diese Tatsache wurde von dem Gericht als strafmindernd gewürdigt. Weniger strafmindernd war indes, dass er zwar eigene Taten eingestand, aber praktisch nichts zur Aufklärung des Betrugsgeflechts beigetragen hatte, wie der ermittelnde Polizeibeamte berichtete.

Als „Weihnachtsgeschenk“ bezeichnete Richter Dominik Best die milde zweijährige Strafe des Schöffengerichts, die zur Bewährung ausgesetzt werden kann. Wie er die 300.000 Euro, die er durch den Betrug eingenommen hat, jemals zurückzahlen will, blieb offen. Der Mann arbeitet inzwischen als Metzger und verdient rund 1900 Euro netto pro Monat.

Goldkurier mit großzügigem Gehalt

Zweiter Angeklagter war ein heute 67-jähriger Mann, der in Korschenbroich in der Nähe von Mönchengladbach lebt. Er hatte zunächst als Kurier für die Auftraggeber gearbeitet, die einen Teil der ergaunerten Summen in Gold anlegten. Das transportierte der als Autoüberführer Tätige quer durch die Republik, wofür er wohl knapp 2000 Euro pro Monat bekam.

Später hob er dann Geld von Automaten ab und lieferte es ordnungsgemäß ab. Hierfür war die Entlohnung wesentlich großzügiger. Spätestens da wusste der Angeklagte, dass dies nicht legal war, meinte Staatsanwalt Rust. Er bezifferte die Einkünfte aus dieser Tätigkeit mit rund 30.000 Euro.

Ebenfalls geständig, aber mit einer Vorstrafe im Gepäck, wurde der Rentner zu zwei Jahren auf Bewährung verurteilt. Zusätzlich muss er 60 Stunden Sozialarbeit leisten. Sein zu zahlender Betrag beläuft sich auf 30.000 Euro, die er aus seiner unrechtmäßigen Tätigkeit erzielt hatte.

von Heinz-Dieter Henkel

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