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Hinterland Alarmsignale aus Arztpraxen
Landkreis Hinterland Alarmsignale aus Arztpraxen
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17:55 25.04.2017
Zwei Ärzte in Dautphe und Holzhausen wollen im nächsten Jahr ihr Stethoskop an den Nagel hängen. Ihre Kollegen und die Führung der Gemeinde bemühen sich um die Weiterführung der Praxen durch junge Mediziner. Quelle: Rolf Vennenbernd
Dautphe

„So wie es aussieht, droht die ärztliche Versorgung in Dautphetal 2018 zusammenzubrechen. Die verbleibenden­ Praxen sind nicht in der Lage­ 4000 zusätzliche Patienten zu versorgen.“ Diese Sätze der Friedensdorfer Ärztin Ulrike Griesel sind Warnung und Hilfeschrei zugleich. Mitte des nächsten Jahres wollen zwei Allgemeinmediziner in Dautphe und Holzhausen ihr Wirken aufgeben (die OP berichtete). Dann verbleiben für die 14.000 Dautphetaler noch Griesels Gemeinschaftspraxis sowie je eine in Buchenau und Dautphe.

Die ärztliche Versorgung auf dem Lande ist laut Bürgermeister Bernd Schmidt (FW) ein Thema, das alle Kommunen des Landkreises beschäftigt „und jetzt trifft es auch Dautphetal“. Seit dem vergangenen Jahr stehe er wegen des Generationenwechsels regelmäßig in Kontakt mit den Ärzten und war nach eigenen Angaben noch etwas entspannter. „Wir dachten, wir hätte noch drei bis fünf Jahre Zeit, doch nun hat sich die Situation verschärft.“

Landärztin über ihren Beruf: wunderbares Arbeiten

Die Ankündigung der Praxenschließung sei zwar eine erschreckende Nachricht, dennoch habe man noch Hoffnung, bis zum nächsten Jahr Nachfolger zu finden. Wie schwierig das sei, habe man vor Jahren bei der Wiederbesetzung der Holzhäuser Praxis gesehen. Gemeinde­ und Ärzte wollen deshalb in ihren Bemühungen an einem Strang ziehen, um für Dautphetal zu werben und mit 
Vorurteilen aufräumen.

Die Verhältnisse seien nämlich mittlerweile anders, als noch vor 23 Jahren, als sich Ulrike Griesel in Friedensdorf niederließ. Nachtdienste in der ­Woche sowie Wochenenddienste gebe­ es schon seit Jahren nicht mehr. Dagegen könne man bei guter­ Organisation, mit ausreichendem medizinischen Fachpersonal und auch in Gemeinschaftspraxen „wunderbar arbeiten“, findet Griesel. Zudem gebe es keinen Konkurrenzdruck, keine Zurechtweisungen durch Vorgesetzte und eine besonders für die Kindererziehung ideale Arbeitseinteilung. Auch finanziell lasse es sich mit einer Landpraxis durchaus gut leben, findet die Ärztin.

Weitere Argumente pro Dautphetal hat der Bürgermeister parat: Die Gemeinde sei sehr familienfreundlich, Kinderbetreuungsmöglichkeiten und Schulen seien ausreichend vorhanden und der Freizeitwert in der ländlichen Großgemeinde­ groß. Wem das nicht reiche oder wer ein größeres kulturelles ­Angebot in Anspruch nehmen wolle, der könne in 20 Minuten in Marburg sein. Es bestünde seit dem Wegfall der Residenzpflicht auch die Möglichkeit, in Marburg zu wohnen und nur in Dautphetal zu praktizieren – mit dem Schließen der Praxis am Abend, die Arbeit hinter sich zu lassen.

Schmidt: Die KV hält von MVZ wenig

Mit diesen Argumenten wollen Gemeinde und Ärzte für den Praxisstandort Dautphetal werben. Da sie nach den bisherigen Erfahrungen mit wenig Hilfe durch die Kassenärztliche Vereinigung (KV) rechnen, wollen sie diese an ihrem Sicherstellungsauftrag „festbinden“, damit diese aktiv wird, erklärt der Bürgermeister.
Auch mit dem Landkreis steht die Gemeinde in Verbindung, hat schon von der Landrätin Unterstützung signalisiert bekommen. Doch eine möglich erscheinende Hilfe bei der Errichtung eines Medizinischen-Versorgungs-Zentrums (MVZ) stehe die Standesvertretung skeptisch gegenüber. „Die KV hält von einem MVZ wenig“, weiß Schmidt. Sein Favorit ist es auch nicht. Statt einer Bündelung bevorzugt die Gemeinde eher die weitere Nutzung der vorhandenen Praxisräume, die zum Beispiel in Holzhausen vor wenigen Jahren erneuert wurden.

Denn neben der flächendeckenden Versorgung hat der Bürgermeister auch die Infrastruktur im Blick. Würde zum Beispiel die Praxis in Holzhausen für immer schließen, dürfte der Fortbestand der Apotheke im Ort erschwert werden. Auch aus diesem Grund haben laut Schmidt alle drei Fraktionen der Gemeindevertretung signalisiert, einen niederlassungswilligen Arzt zu unterstützen. Wie, mit finanzieller oder anderer Hilfe, sei allerdings mit den Interessenten noch zu ­besprechen.

von Gianfranco Fain

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