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Hinterland „Setzen, Klappe halten, das geht dann nicht mehr“
Landkreis Hinterland „Setzen, Klappe halten, das geht dann nicht mehr“
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00:20 01.09.2018
Beatrix von Storch mit AfD-Direktkandidat Karl-Hermann Bolldorf auf dem Podium in Niedereisenhausen. Quelle: Nadine Weigel
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Niedereisenhausen

Und Niedereisenhausen ist doch bunt. Ein bisschen. Während sich im Bürgerhaus langsam die Stuhlreihen füllen, nähert sich ein kleiner Tross von der Perf­aue dem Ort des Geschehens. Männer, Frauen und Kinder mit 
Antifa-Flaggen und Plakaten, deren Botschaften konsequent auf Vokale verzichten: „FCK NZS“.

„Nie wieder Faschismus“ skandiert die Gruppe und fragt ankommende AfD-Anhänger, was 
man ihnen in der ­Schule beigebracht habe, dass sie zu solchen Veranstaltungen gingen. „Mehr als euch“, lautet die trotzige Antwort der beiden Männer, die wissen wollen, was die stellvertretende AfD-Fraktions­chefin Beatrix von Storch zu ­sagen hat.

Schmidt: AfD steht „für die Demokratie in diesem Land“

Die allerdings muss sich erst einmal gedulden, erst einmal ergreift Julian Schmidt das Mikrofon. Den Sprecher der Hinterland-AfD kennt die Öffentlichkeit noch aus dem ­zurückliegenden Bundestags­wahl­kampf, Schmidt hatte seinerzeit um das Direktmandat gekämpft. Obwohl er es 2017 selbst nicht nach Berlin schaffte, freut sich Schmidt – darüber, dass es „in Deutschland wieder eine echte Diskussion“ gibt, seit die AfD im Bundestag vertreten sei.

Und während er die Losung ausgibt, die AfD stehe „wie keine andere Partei für die Demokratie in diesem Land“, schießt Beatrix von Storch auf der Bühne schnell noch ein Selfie mit Bolldorf, bevor der ans Rednerpult tritt. Vorstellen muss sich der frühere Biedenkopfer Rathauschef den Gästen eigentlich nicht – er tut’s trotzdem und vergisst dabei nicht, auf seine jahrzehntelange CDU-Mitgliedschaft hinzuweisen.

Rund 20 AfD-Gegner demonstrierten in Niedereisenhausen auf dem Parkplatz vor dem Bürgerhaus. Foto: Nadine Weigel

Er tippt Punkte an, die die Bundespolitikerin von Storch später noch akzentuieren wird, spricht von „Maximalversorgung“ für Asylsuchende, während deutsche Bedürftige „Pfandflaschen sammeln“ müssten, um über die Runden zu kommen. Das sind nicht unbedingt Themen, die in der Landespolitik angesiedelt sind, doch was soll’s: Für Sätze wie diesen gibt’s stimmungsfördernden Applaus: „Der deutsche Sozialstaat ist zum Sozialamt der Welt geworden.“

Und was will die AfD, wenn sie in den Wiesbadener Landtag einziehen sollte? Grundsteuer­hebesätze deckeln, Sozial­wohnungen bauen – „Wir ­haben mehr Themen, als die ­anderen jemals haben werden“, verspricht Bolldorf, bevor er der Hauptrednerin Platz macht.

„Jedes Kind hat ein Recht auf Vater und Mutter“

Beatrix von Storch hat ­keine Zweifel, dass die „Alternative“ auch in Bayern und Hessen in die Parlamente einzieht: „Hessen wird der krönende Abschluss, hier machen wir den Sack zu“, prognostiziert sie. Von Storch erinnert ihre Zuhörer daran, dass sie am 28. Oktober auch über die Reform der Landesverfassung abstimmen ­sollen. Abschaffung der Todes­strafe, okay, längst ­überfällig, doch andere Punkte wie ­eine Stärkung der Kinderrechte? Ein klares Nein, denn das würde die Elternrechte schwächen: „Setzen, Klappe halten, das geht dann nicht mehr.“

Eines ihrer Lieblingsthemen ist das, was Beatrix von Storch auch in Niedereisenhausen 
als „Gender-Gaga“ bezeichnet. Dass sie keine Befürworterin 
der „Ehe für Alle“ und eine ­damit verbundene Option auf gleichgeschlechtliche Familien­modelle ist, betont sie immer wieder, und sie sagt auch im Hinterland: „Jedes Kind hat ein Recht auf Vater und Mutter.“

„Aufhören, den Klimawandel herbeizureden“

Dann spricht sie von Angela Merkels verfehlter Flüchtlingspolitik seit der Entscheidung der Kanzlerin, im Jahr 2015 die Grenze zu öffnen. Und es reichen ihr jeweils wenige Reizwörter wie „sichere Außengrenze“ oder „Festung Europa“, um Beifall zu bekommen. Der ist ihr auch sicher, als sie aufs Wetter zu sprechen kommt: „Wenn wir es nicht einmal schaffen, eine zuverlässige Prognose für die nächsten drei Tage zu machen, sollten damit aufhören, den Klimawandel herbeizureden.“

Im Saal des Bürgerhauses hat sich nach 50 Minuten Redezeit das Klima auf jeden Fall gewandelt, die Luft ist dünn, die Aufmerksamkeit der Zuhörer lässt merklich nach. Also gibt’s noch eine vorbereitete Publikums­fragerunde aus der Zettelbox, die allerdings bei Themen wie „Abschaffung des Bargelds“ ein wenig zur Impro-Show gerät. Und eigentlich ist ja auch alles gesagt an diesem Abend in Niedereisenhausen.

  • Ein Interview mit Beatrix von Storch lesen Sie hier.

von Carsten Beckmann

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