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Hinterland Adoptivsohn verprügelt seine Mutter
Landkreis Hinterland Adoptivsohn verprügelt seine Mutter
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20:49 21.07.2011
Vor dem Amtsgericht in Marburg verlief auch der dritte Verhandlungstag gegen einen 21-Jährigen, der seine Adoptivmutter geprügelt haben soll, ergebnislos. Ein vierter Termin ist angesetzt. Quelle: Tobias Hirsch

Marburg. Der 21-jährige Angeklagte, der aus Bosnien-Herzegowina stammt, wurde vor vier Jahren von einem Ehepaar aus der Gemeinde Bad Endbach adoptiert. Für die neuen Eltern war dies eine Zeit seelischer und körperlicher Schmerzen.

„Er war das, was wir uns für unser Leben gewünscht haben“, berichtet die Adoptivmutter vor Gericht. Sie lernte den Angeklagten kennen, als er noch ein Baby war. Seine Eltern wurden 1998 abgeschoben. Der Kontakt zu der Familie brach nie ab – die Adoptivmutter schickte Pakete nach Bosnien und telefonierte mit der befreundeten Familie. „Ich habe ihn geliebt. Er war ein süßes, wundervolles Kind.“

2006 hatte das Ehepaar es geschafft, wie der Adoptivvater erzählt: Der Angeklagte durfte für einen Monat nach Deutschland kommen. Dabei äußerte er den Wunsch nach einer Adoption.

„Wir waren begeistert von ihm. Er hat gesungen, getanzt und uns tausend Witze erzählt“, sagt die Adoptivmutter. So entschied das Paar sich zur Adoption. 20 Monate haben sie gekämpft und sich auf den jungen Mann gefreut. Aber es kam alles anders – in der Zwischenzeit habe der Angeklagte sich sehr verändert.

„Wir haben ihn kaum wiedererkannt“, sagt der Adoptivvater. Nichts sei dem Angeklagten recht gewesen: Sein Zimmer, das ihm zwei Jahre zuvor noch gefallen habe, das Essen der neuen Mutter, das er als Schweinefraß bezeichnet habe und das morgendliche Aufstehen, um pünktlich zu seiner Ausbildungsstelle zu kommen.

Von Anfang an sei er seiner Adoptivmutter gegenüber gewalttätig gewesen und habe sich Zeiten zurückgewünscht „in denen man die Frauen noch ordentlich schlagen durfte“. Frauen seien für ihn minderwertig. Die Adoptivmutter hat die Gewaltausbrüche zunächst vor ihrem Mann heruntergespielt. Aber nun habe sie sich „lange genug selbst belogen“.

Nachdem das Paar am ersten Verhandlungstag noch jede Aussage verweigert hatte (die OP berichtete), berichteten es von den Taten, die in der Anklageschrift aufgeführt sind: So habe die Adoptivmutter den 21-Jährigen verwöhnen wollen, als er 2008 krank war – und ihm einen Schokopudding gekocht. „Weil er ihn nicht bestellt hatte, ist er sofort aufgesprungen und plötzlich hatte ich die Hand im Gesicht“, berichtete die Adoptivmutter.

Auf Nachfrage des Amtsgerichtdirektors Cai Adrian Boesken konnte sie jedoch nicht sagen, ob es Absicht oder eine abwehrende Handbewegung gewesen sei – seelisch habe es sie auf jeden Fall schwer getroffen.

Boesken empfahl zu Beginn der Verhandlung der Verteidigung, die Strategie zu ändern. Man habe Zeugen gefunden, die „sehr Interessantes zu berichten wussten“ – diese aber zunächst nicht geladen, da die Adoptiveltern sich doch aussagewillig zeigten.

„Es ist Ihr Recht zu schweigen“, erklärt Boesken dem Angeklagten. „Vielleicht könnten Sie aber etwas gebrauchen, das zu Ihren Gunsten ausgelegt werden kann.“

Weil sich der 21-Jährige bereit erklärte, die Jugendgerichtshilfe aufzusuchen, wurde ein weiterer Verhandlungstag am 10. August anberaumt.

von Patricia Kutsch

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