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Wie wird unsere Welt sicherer?

Forschung Marburg Wie wird unsere Welt sicherer?

Wie wurde Sicherheit im Lauf der Jahrhunderte zu einem politischen Thema? Den "Dynamiken der Sicherheit" gehen Forscher aus Marburg und Gießen gemeinsam nach.

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Dieses Gemälde von Francois Dubois zeigt die Ermordung von französischen Protestanten (Hugenotten) in der Bartholomäusnacht in Paris im Jahr 1572. Der Umgang mit konfessionellen Minderheiten ist das Thema eines der Einzelprojekte im neuen Sonderforschungsbereich. Archivfotos

Marburg. Wenn man in den 70er oder 80er Jahren über das Thema Sicherheit diskutierte, dann war damit höchstwahrscheinlich in den meisten Fällen eine politische Debatte rund um den Ost-West-Konflikt verbunden, wie zum Beispiel bei der Nato-Nachrüstung und der Angst vor einem dritten Weltkrieg. Mittlerweile sei das anders, meint der Marburger Professor Christoph Kampmann, Sprecher des neuen Sonderforschungsbereichs: „Sicherheit gilt heute als zentraler Schlüsselbegriff in der Politik, und dies in nahezu sämtlichen Politikbereichen.“ Und zudem werde das Stichwort von der IT-Sicherheit bis zur Verkehrssicherheit in nahezu allen Gesellschaftsbereichen verwendet.

25 Forscher kooperieren

Doch kann das Streben nach immer mehr Sicherheit paradoxerweise nicht auch zu immer weniger Sicherheit führen? Dies ist eine der zentralen Fragen in dem neuen Forschungsvorhaben von 25 Geistes- und Sozialwissenschaftlern aus Marburg und Gießen.

Am Beispiel der Situation nach den islamistischen Terroranschlägen auf die Zwillingstürme in New York am 11. September 2001 versucht Kampmann das Phänomen zu erklären: Die Anschläge hatten einen enormen finanziellen und logistischen Aufwand der USA und anderer westlicher Staaten zur Folge gehabt, die auf die Bedrohung durch den Terrorismus reagieren und ein Höchstmaß an Sicherheit garantieren wollten. Aber ist die Welt dadurch sicherer geworden?

Das kann man verschieden sehen, meint der Marburger Historiker. So würden Kritiker der Anti-Terrror-Maßnahmen einwenden, dass durch die „Durchleuchtung“ aller Bürger das Leben des Einzelnen sehr viel unsicherer geworden sei. Befürworter hielten dagegen den Einsatz für gerechtfertigt und sehen das Ziel erreicht.

Der siebte Sinn und die Verkehrssicher

Die Forscher wollen Methoden und Fragestellungen der Politikwissenschaften aufgreifen. Dabei gehen sie von dem durch Politikwissenschaftler der „Copenhagen School“ entwickelten Begriff „Securitization“ aus, der mit Versicherheitlichung übersetzt ist. „Versicherheitlichung bezeichnet für uns, wie sich in der Geschichte Vorstellungen von Sicherheit entwickelten und wie sie in den politischen Prozess gelangten“, erläutert Kampmann. Mit einem neuen Analyse-Instrumentarium wollen sie ihre Erkenntnisse nicht nur aus der Zeitgeschichte gewinnen, sondern auch Langzeitstudien betreiben und somit eine historische Perspektive einarbeiten.

Neben Themen aus Politik- und Militärgeschichte wollen die Wissenschaftler Fragen zu ausgefallenen Themenfeldern aufgreifen: Wie wird im 20. Jahrhundert mit Sendungen wie „der siebte Sinn“ über die Verkehrserziehung Sicherheit im Straßenverkehr erreicht? Wie sieht es mit politischer Sicherheit und Stabilität der Finanzmärkte nach der Welt-Finanzkrise aus? Wie wird in städtischen Häusern und fürstlichen Palästen durch architektonische Gestaltung für die Sicherheit der Bewohner gesorgt?

Die Forschungsergebnisse könnten in der Zukunft auch zur Vermeidung von Fehlern beitragen, hofft Kampmann. Beispiel Militärforschung: Was passiert, wenn eine große Militärmacht mit enormem Aufwand versucht, in einem besetzten Land mit militärischen Mitteln für Sicherheit zu sorgen? Ein auch im 21. Jahrhundert noch aktuelles Szenario könne so aussehen, dass dieser Einsatz zwar hohe Kosten verursache, aber im Endeffekt nur wenig und nicht das Gewünschte bewirke, wie beim Afghanistan-Konflikt von vielen befürchtet werde.

Eheverträge im Fokus

Es gebe aber auch vergleichbare Beispiele aus dem Mittelalter oder der Frühen Neuzeit, erläutert Kampmann. So habe der französische „Sonnenkönig“ Ludwig XIV. ein Heer mit zuletzt einer halben Million Soldaten bei einer Gesamtbevölkerung von 20 Millionen Einwohnern aufgebaut, um Frankreich zu schützen.

Doch die Nachbarstaaten hätten ihrerseits zu starken Gegenmaßnahmen gegriffen, und so sei die Lage Frankreichs insgesamt wieder unsicherer geworden.

Wie wird Sicherheit überhaupt ein Thema in der Politik? Bereits in der Antike sei „Securitas“ (wörtlich von „Se Cura“ = frei von Sorge) zur Zeit der römischen Kaiser ein entscheidender Begriff gewesen, um deren Herrschaft zu legitimieren, erinnert Kampmann.

Mitte des 16. Jahrhunderts, als die Einheit des Abendlandes aufgrund der massiven Religionsstreitigkeiten am Auseinanderbrechen gewesen sei, sei im Augsburger Religionsfrieden von 1555 dann als ein Begriff zum friedlichen Zusammenleben der Religionen die Kategorie „Sicherheit“ anstelle von „Frieden“ wieder eingeführt worden. Auch die Eheverträge der Herrscherhäuser unterschiedlicher Territorien im ausgehenden Mittelalter und der Frühphase der Neuzeit wollen die Wissenschaftler unter die Lupe nehmen.

Diese Ehen seien zwar geschlossen worden, um die Sicherheit der Staaten zu gewährleisten. Allerdings hätten diese Ehen auch zum Gegenteil führen können, wie man anhand der in Europa weit verbreiteten Erbfolgekriege sehen könne.

Im Zuge der Forschungen soll eine Datenbank entstehen, die sämtliche dynastischen Eheverträge zusammenfasst. Ähnliches ist geplant für das Thema „Geiselstellungen von der Antike bis zur Frühen Neuzeit“: Dabei geht es um die lange Zeit gängige Praxis, dass als Geiseln gehaltene Gruppen die Einhaltung von Verträgen zur Regelung auswärtiger Beziehungen garantieren sollten.

von Manfred Hitzeroth

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