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Von der Sicherheit in unsicheren Zeiten

Geschichtswissenschaft Von der Sicherheit in unsicheren Zeiten

Eine Zunahme des Unsicherheitsgefühls hat der Marburger Historiker Professor Eckart Conze in Deutschland ausgemacht.

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Der Anschlag mit einem Lastwagen auf einen Berliner Weihnachtsmarkt mit mehreren Toten und 50 Verletzten sorgte Ende 2016 für ein massives Unsicherheitsgefühl in Deutschland.

Quelle: Michael Kappeler

Marburg. „Das Thema Sicherheit hat national wie international enorm an Bedeutung gewonnen“, konstatiert der Marburger Geschichtswissenschaftler Professor Eckart Conze. Mehr als die Hälfte der Deutschen hatten laut dem Allensbach-Institut Anfang 2016 das Gefühl, in besonders unsicheren Zeiten zu leben. Die Anschläge islamistischer Terroristen 2014 und 2015 hätten dieses Unsicherheitsgefühl besonders verstärkt, erläutert Conze. Nur sehr selten in der mittlerweile fast 70 Jahre andauernden Geschichte der Bundesrepublik hätten Demoskopen einen solchen „Zusammenbruch des Zukunftsoptimismus“ festgestellt, und das trotz einer objektiv nachgewiesenen wirtschaftlichen Stabilität, konstatiert der Historiker.

Allenfalls drei vergleichbar unsichere Phasen nennt Conze:

  • die Zeit der großen Krisen des Kalten Krieges, als die Welt am Rand eines Nuklearkrieges gestanden sei;
  • die durch Ölkrise und RAF-Terrorismus bestimmte Ära Mitte und Ende der 70er-Jahre
  • und die Zeit unmittelbar nach den Terroranschlägen auf das „World Trade Center“ in New York am 11. September 2001.

Bereits seit seiner Antrittsvorlesung an der Uni Marburg 2004 zum Thema „Sicherheit als Kultur“ beschäftigt sich der Historiker wissenschaftlich mit dem Thema Sicherheit. Wiederaufgegriffen hat er es schon im Titel „Die Suche nach Sicherheit“ in seiner im Jahr 2009 vorgelegten Geschichte der Bundesrepublik. In dem Buch arbeitete Conze heraus, dass sich das Bedürfnis nach Sicherheit in der 1949 neu gegründeten Bundesrepublik unmittelbar aus der massiven Wahrnehmung von Unsicherheit in den beiden Weltkriegen, den Krisen der Zwischenkriegszeit und der NS-Diktatur gespeist habe.

In seinem jetzt veröffentlichten Buch mit dem Thema „Geschichte der Sicherheit“ („Hintergrund“) entwickelt Conze die Grundlagen einer Historischen Sicherheitsforschung. Dabei zeigt er Perspektiven des Forschungsfeldes seit der Frühen Neuzeit auf. Conze greift auch zurück auf seine Mitarbeit im Sonderforschungsbereich „Dynamiken der Sicherheit“, in dem sich seit fast vier Jahren die Exper­tise von Forschern aus Marburg und Gießen bündelt (siehe Artikel unten).

Doch wie sieht es in der Gegenwart in Deutschland  in puncto Sicherheitsgefühl aus – auch vor dem Hintergrund der Erfahrungen aus der Vergangenheit? „Hat in den letzten Jahren die Sicherheit wieder abgenommen und die Unsicherheit zugenommen“, fragt der Marburger Historiker. Zwar legten die Befunde der Demoskopie dies nahe, meint Conze. Jedoch dürften aktuelle Meinungsumfragen nicht darüber hinwegtäuschen, dass die Themen Sicherheit und Unsicherheit schon seit Jahren gesellschaftlich und politisch an Bedeutung gewonnen hätten.

„Sicherheitsversprechen sind brüchig geworden“

So habe der damalige Bundeskanzler Gerhard Schröder (SPD) ein Jahr nach den Anschlägen von New York Sicherheit als elementares Bürgerrecht bezeichnet. 2007 habe das von Angela Merkel mitentwickelte CDU-Grundsatzprogramm die Überschrift „Freiheit und Sicherheit“ gehabt. Aber nicht nur in der Bundespolitik, sondern auch bei den Vereinten Nationen und in der Europäischen Union habe seit Ende der 90er-Jahre der Begriff Sicherheit den Begriff Frieden als Leitthema verdrängt. So seien vor allem die liberaldemokratischen Staaten des Westens nicht zuletzt seit dem 11. September 2001 auf dem Weg in eine globale Sicherheitsgesellschaft. Bereits seit Mitte der 70er-Jahre sei das Ende des ökonomischen Booms der Nachkriegszeit in den Industriegesellschaften zu beobachten gewesen. Einhergehend mit dem globalen Übergang vom industriellen Zeitalter in das postindustrielle Zeitalter seien die Sicherheitsversprechen von Wissenschaft und  Technik brüchig geworden. Zusätzlich habe das Ende des Ost-West-Konflikts die schon seit Ende der 70er-Jahre diagnostizierte „neue Unübersichtlichkeit“ noch verstärkt.

Mittlerweile beziehe sich die Sicherheitspolitik immer weniger auf klar abgegrenzte Politikfelder, meint Conze. Die Trennlinie zwischen innerer und äußerer Sicherheit habe sich mehr und mehr aufgelöst. Diese auf die Ausbildung moderner Territorialstaaten zurückgehende Trennung entspreche nicht mehr den Realitäten.

So hätten sich Bedrohungsszenarien unterschiedlichster Art zusehends überlagert und beispielsweise in den Wirkungsdynamiken von internationalem Terrorismus, Migration und Organisierter Kriminalität wechselseitig verstärkt.

Immer mehr Themenfelder im politischen Raum würden als Sicherheitsthemen verhandelt und mit Bedrohungen oder Gefahren als Quellen von Unsicherheit in Verbindung gebracht.

von Manfred Hitzeroth

Der Umgang mit Aids, Umwelt und Computern

Professor Eckart Conze untersucht mit seiner AG drei gesellschaftliche Phänomene, die seit Anfang der 70er Jahre an Bedeutung gewonnen haben
( Foto: David Ebener).

In einem von Professor Eckart Conze geleiteten Projekt im Sonderforschungsbereich „Dynamiken der Sicherheit“ geht es unter der Überschrift „Erweiterte Sicherheit“ vor allem um politische und gesellschaftliche Entwicklungen in Deutschland und in anderen westlichen Ländern seit den 70er-Jahren.

Nicht mehr nur auf dem klassischen Feld der Sicherheitspolitik, sondern in immer mehr Politikbereichen habe der Sicherheitsbegriff seit dieser Zeit zunehmend eine Rolle gespielt, erläutert Conze im Gespräch mit der OP. Bereits seit dem 18. Jahrhundert habe der moderne Staat seine Steuerungsaktivitäten stetig ausgebaut, dass er spätestens im frühen 20. Jahrhundert die letzte Verantwortung für die Regulierung sozialer, natürlicher und ökonomischer Unsicherheiten übernommen habe.

„Dabei kam dem jeweiligen Wissen über die Bevölkerung und über wahrgenommene Gefährdungen eine zentrale Bedeutung zu“, fügt Conze an. Im Forschungsprojekt wird davon ausgegangen dass seit dem Ende des Nachkriegsbooms um das Jahr 1970 der zuvor dominante nationale Verwaltungs- und Interventionsstaat zunehmend in die Kritik geraten sei. Zudem habe der Staat sich durch Phänomene neuer Unsicherheit herausgefordert gesehen und sei an die Grenzen der Handlungsfähigkeit geraten. Das Teilprojekt untersucht diese Entwicklungen rund um drei Phänomene „Erweiterter Sicherheit“, die in den 70er- und 80er-Jahren in das kollektive Blickfeld der westdeutschen Gesellschaft traten.
Einen großen Themenblock stellt die Umweltsicherheit dar. Bereits vor der Atomkatastrophe von Tschernobyl hätten schon andere Atomunfälle und Umweltkatastrophen die Bevölkerung für die Belange des Umweltschutzes sensibilisiert.  Dabei sei die Thematik des bedrohten und gefährdeten Planeten verstärkt aufgekommen, erläutert Conze.

  • Einen ganz anderen Aspekt der Sicherheitsgefährdung
  • nimmt der Umgang mit der „HIV/AIDS“-Krankheit in den 80er-Jahren ein. Dabei sei es erst um Aspekte der Seuchenbekämpfung gegangen, dann aber auch um weitergehende gesellschaftliche Debatten.
  • Das dritte Thema ist die Computersicherheit. Beim Thema Datenschutz sei bereits in den 70er-Jahren die Frage in den Mittelpunkt gerückt, wie der Einzelne seine Privatsphäre schützen könne, und das lange vor dem Internet-Zeitalter. Diese Debatte sei natürlich jetzt noch viel intensiver und drängender geworden, macht Conze deutlich. Neben der Medienanalyse und der Auswertung von Regierungs- und Parlamentsakten wurden auch die Aktivitäten von Umweltinitiativen und anderen zivilgesellschaftlichen Akteuren analysiert. Dabei gingen die Historiker der Frage nach, in welcher Weise durch die Institutionalisierung der neuartigen Sicherheitsregime Datenschutz, „Safer Sex“ und Umweltschutz mehr Sicherheit hergestellt wurde und die vorhandenen Unsicherheitspotenziale bewältigt wurden.

In den kommenden vier Jahren stehen in dem Sonderforschungsbereich-Teilprojekt die Sicherheit von Atomkraftwerken sowie die soziale Sicherheit in einer alternden Gesellschaft im Mittelpunkt des Forschungsinteresses.

 
Hintergrund

In seiner Publikation „Geschichte der Sicherheit“ bietet der Marburger Historiker Professor Eckart Conze auf 234 Seiten eine grundlegende Einführung in die Historische Sicherheitsforschung. Entstanden ist das Buch während eines Forschungsaufenthaltes an der Universität Utrecht in einem Forschungssemester im Jahr 2017. Darin verknüpft er politische, gesellschaftliche und sozialkulturelle Entwicklungen sowie Tendenzen in der Geschichtsschreibung und stellt neue Ansätze der Sicherheitsforschung vor.

Dazu zählen die Aspekte der Sicherheitskultur und der Versicherheitlichung. Es geht auch um weitere Themenfelder wie „Sicherheit in Raum und Zeit“, „Sicherheit und Moderne“ sowie „Sicherheitsgeschichte als Emotionsgeschichte“.  Zudem schlägt der Historiker Brücken zu verwandten Forschungsgebieten wie der Risiko-, Präventions- und Bedrohungsforschung.

  • Eckart Conze: Geschichte der Sicherheit. Entwicklung – Themen – Perspektiven. Verlag Vandenhoeck & Ruprecht. 234 Seiten.  25 Euro. 
 
Zur Person

Professor Eckart Conze (54,  Foto: Manfred Hitzeroth) studierte von 1984 bis 1989 Geschichte, Politikwissenschaft und Öffentliches Recht an den Universitäten Erlangen, Bonn und Köln sowie an der London School of Economics. Anschließend war er ab 1991 wissenschaftlicher Mitarbeiter und wissenschaftlicher Assistent an der Universität Tübingen. Seit 2003 ist Conze Professor für Neuere und Neueste Geschichte am Seminar für Neuere Geschichte der Marburger Philipps-Universität. Conze war Sprecher der Unabhängigen Historikerkommision, die die Geschichte des Auswärtigen Amtes in der Zeit des Nationalsozialismus untersuchte und im Jahr 2010 die Publikation „Das Amt und die Vergangenheit“ vorlegte. Thema seiner 1995 veröffentlichten Promotion waren „Deutsch-französische Beziehungen in der amerikanischen Europapolitik“. Um das Thema „Adel im Niedergang?“ ging es in seiner Habilitationsarbeit (1999). 2009 veröffentlichte er „Die Suche nach Sicherheit“ – eine Geschichte der Bundesrepublik Deutschland. Conze war Gastprofessor an den Universitäten Cambridge, Toronto, Bologna und Utrecht.

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