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Moderne Tragödie: Christen im Nahen Osten

Forschung Marburg Moderne Tragödie: Christen im Nahen Osten

Sie zählen zu den ältesten Christen der Menschheit, stellen in Syrien aber nur noch 10 Prozent der Bevölkerung. Im aktuellen Konflikt kann man die Christen keiner der beiden Konfliktparteien zuordnen.

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Quelle: Archivbild

Die Hauptstraße in Damaskus heißt „Gerade Straße“. Die Straße ist noch heute der Lebensmittelpunkt der syrischen Hauptstadt und mit Geschichte geradezu gepflastert. „Wenn die Steine der Häuser dort Augen hätten, dann hätten sie gesehen, wie Saulus zum Paulus wurde“, schwärmt Karl Pinggéra.

Der evangelische Theologe und Marburger Professor für Kirchengeschichte spricht vom „Damaskuserlebnis“, das der Evangelist Lukas in der Bibel beschreibt. Jesus soll auf der „Geraden Straße“ in Damaskus dem Verfolger der Ur-Christen erschienen sein und ihn zu einem besseren Menschen bekehrt haben. Vom „Saulus zum Paulus werden“, das ist heute ein geflügeltes Wort.

Viele Syrer wünschen sich vermutlich, dass ihr Staatschef Assad in Damaskus ein ähnliches Erlebnis hat. Der Kampf gegen das Regime, der als friedlicher Protest für Menschenrechte, Meinungs- und Religionsfreiheit begann, wurde von seiner Regierung brutal niedergeschlagen. Inzwischen tobt dort ein blutiger Bürgerkrieg mit inzwischen über 100 000 Toten. Aktuell nutzen radikale Islamisten die Wut der verzweifelten, teils ungebildeten Menschen und rekrutieren Kämpfer zur Errichtung eines Gottesstaates.

Wo stehen die Christen?

Die Revolutionäre, die Demokratie und eine Trennung von Staat und Kirche fordern, kämpften einen Zwei-Fronten-Krieg, meint Pinggéra. Und auf welcher Seite sind die Christen? Nur oder immerhin noch 10 Prozent der Bevölkerung. „Das ist nicht so einfach zu sagen“, so der Kirchengeschichtler, „in Syrien kann man historisch bedingt nicht mehr von ,den Christen‘ sprechen“.

Die stolzen Ur-Christen von einst haben sich über die Jahrhunderte mehrfach aufgespalten. Schon 451 nach Christus zerstritt sich die Christenheit bei einer Zusammenkunft im türkischen Chalcedon (heute ein Vorort von Istanbul). Es ging um die Frage, ob Jesus in seiner Person Gott und Mensch vereint. Während die Griechisch-Orthodoxen (oder im arabischen Raum: Rum-Orthodoxe) glaubten, Jesus sei gleichzeitig Mensch und Gott, lehnten die Aramäer (heute: Syrisch-Orthodoxe) den Gedanken der Zwei-Naturen ab, erklärt Pinggéra. Als Syrien im siebten Jahrhundert von Muslimen erobert wurde, wurden die beiden christlichen Stämme zur Minderheit.

Angst vor den Milizen wird geschürt

Doch die Zersplitterung ging weiter: Die Missionare der katholischen Kirche sorgten im 14. Jahrhundert dafür, dass aus rund der Hälfte der Orthodoxen Katholiken wurden, mit Rom vereinigt. „Alles in allem sprechen die Christen in Syrien mit keiner gemeinsamen Stimme“, sagt Pinggéra: „Sie haben sich in ihren „kleinen Religionsnationen eingeigelt“.

Er vermisst das öffentliche Statement der christlichen Bischöfe, das mutige Anprangern der Menschenrechtsverletzungen und Kriegsverbrechen durch die Regierung. „Das ist von außen aber natürlich immer sehr leicht zu fordern“, gesteht er zu. Hinzu komme die besondere rechtliche Situation der Christen: „Die Gemeinden haben ein eigenes Rechtssystem, das – vom Staat geduldet – neben dem islamischen Recht besteht“, sagt Pinggéra.

Anders als in Deutschland gäbe es kein übergeordnetes Rechtssystem. Das mache die Bischöfe zu regionalen Fürsten, die sich als Führer einer „kleinen religiösen Nation“ sehen. „Das führt dazu, dass ihre erste Priorität heißt: Ich muss es schaffen, dass sich mein Volk hier irgendwie durchwurschtelt, es gibt vielleicht nicht so ein großes nationales syrisches Bewusstsein“.

Assads Regime nutzt das aus. Er verspricht den Christen Sicherheit und das Recht auf Ausübung ihrer Religion. „Der Staat finanziert sogar Kirchbauten und Sanierungen“. Auf der anderen Seite wird die Angst vor den islamistischen Milizen geschürt, Übergriffe hat es schon gegeben. „Die Situation ist für die Christen, wie für alle Syrer  schlichtweg tragisch.“

Hintergrund

  • Im säkularen Staat unter Baschar al-Assad konnten Christen frei ihre Religion ausüben – allerdings unter Kontrolle des Geheimdienstes. Im Bürgerkrieg wurden angeblich systemtreue Christen zur Zielscheibe islamistischer Rebellen. Rund 150 000 Christen leben inzwischen als Flüchtlinge im eigenen Land, weitere 100 000 sind ins Ausland geflohen.

Warum lädt der Westen den Konflikt religiös auf?

Schreckliche Bilder von Kirchenzerstörungen und der Verfolgung koptischer Christen erreichen uns in Deutschland. Der Marburger Wissenschaftler Afet Botros rät von westlichen Einmischungen ab, die Ressentiments schüren könnten.

„Dutzende Kopten sterben bei Auseinandersetzungen mit radikalen Islamisten in Kairo, über 80 Kirchen werden zerstört und das Militär schützt uns nicht. Die Schwachen bekommen es ab – die, die sich nicht wehren können“, Bischof Anba Damian ist wütend, wenn er über die Situation in seinem Heimatland spricht. Der Generalbischof der Kopten in Deutschland führt ein Kloster im nordrhein-westfälischen Höxter, zwischen Paderborn und Kassel.

Dort nimmt er auch immer wieder Flüchtlinge auf, christliche Kopten, die vor den Übergriffen geflohen sind. Wenn er Schuldige für das unfassbare Leid sucht, dann vermischen sich Wahrheit und Verschwörungstheorie. Obama habe die Muslimbrüder an die Macht gebracht. Gemeinsam sei man verantwortlich für die systematische Verfolgung der Kopten, so eine seiner Thesen.

Wenn in Ägypten Kirchen von Fanatikern niedergebrannt und Christen religiös motivierter Gewalt ausgesetzt sind, dann erregt das in Deutschland besonderes Aufsehen. Ex-Außenministers Westerwelle sagte bei seinem Ägypten-Besuch Ende Januar 2012: „Die Christen stehen für uns an erster Stelle“.

"Wir alle haben Intellekt"

Seine politische Botschaft: „Wir rufen die ägyptische Führung zum Schutz der koptischen Christen im Land“ auf. Unions-Politiker mit Regierungsverantwortung, wie CDU-Generalsekretär Hermann Gröhe, betonen in diesem Zusammenhang immer wieder das C im Namen ihrer Partei.

Der Marburger Wissenschaftler Afet Botros macht sich Sorgen um die Außenwirkung solcher Statements: „Steht diese Politik nicht im Widerspruch zu der Politik eines aufgeklärten säkularen Staates, wie Deutschland?“, fragt der Ägypter, der selber koptischer Christ ist, seinen Glauben aber „nicht mehr praktiziert“. Er meint, es müsse Deutschland um Meinungsfreiheit, Menschenrechte und Demokratie insgesamt gehen. Eine religiöse Aufladung des Konflikts lehnt er ab.

"Ich habe gerade einen Freund im Kloster, der Muslim ist"

Ein Denkanstoß, der noch verständlicher wird, wenn man sich die Schlussfolgerungen des koptischen Bischofs anschaut, die er aus der Situation in Ägypten für Deutschland zieht: „Ich versichere ihnen, wenn man weg schaut, und wenn man nichts tut, wird das, was uns in Ägypten geschieht, ihnen eines Tages in diesem Heimatland auch passieren. Einst waren wir die Herren im unseren Vaterland....“ Die Aussagen des Bischofs bieten geeignetes Material für rechtsradikalen antimuslimischen Rassismus in Deutschland und finden sich auch auf der ein oder anderen einschlägigen Internetseite von  Rechten.

Auf radikalen islamistischen Seiten wird der Bischof als die Verkörperung christlicher Islamfeindlichkeit mit Ton und Bild propagiert. Auf Nachfrage der OP erwehrt sich Generalbischof Damian dem Vorwurf, er sein ein Feind des Islam: „Ich habe gerade einen Freund im Kloster, der Muslim ist“, sagt er echauffiert. Ob seine Äußerungen bei weniger differenziert denkenden Jugendlichen nicht möglicherweise missverständliche seien, wird er gefragt?

Wie die Menschen das interpretieren, was ich sage, das hängt von jedem selbst ab. Wir alle haben Intellekt“. Er macht es sich einfach. Aber das Beispiel zeigt vielleicht, das Hass, Gegenhass heraufbeschwört und Gewalt Gegengewalt nach sich zieht. Ein Problem, dass der Nahe Osten nur allzu gut kennt.

von Tim Gabel

Zur Person:

Professor Karl Pinggéra wurde 1967 in München geboren und verlebte dort auch seine Schulzeit. Von 1987 bis 1994 studierte er Evangelische Theologie in Erlangen, München und Wien. 1997 folgte die Ordination zum Pfarrer der Evangelisch-Lutherischen Kirche in Bayern. 2001 promovierte ­Pinggéra am Fachbereich Evangelische Theologie der Philipps-Universität Marburg, arbeitete aber anschließend noch zwei Jahre als Wissenschaftlicher Mitarbeiter an der Evangelisch-Theologischen Fakultät der Universität Bonn.

Von 2003 an arbeitete er als Hochschuldozent (ab 2006 als Juniorprofessor) für Ostkirchengeschichte am Fachbereich Evangelische Theologie der Philipps-Universität Marburg. 2009 trat er den Lehrstuhl für Kirchengeschichte in Marburg an. Karl Pinggéra ist Mitglied im Facharbeitskreis Orthodoxie der EKD und Mitglied im Kontaktgesprächskreis zwischen den Orientalischen Orthodoxen Kirchen und der EKD. Er ist ein gefragter Redner und internationaler Interview-Partner für das Thema Kirchen im Nahen Osten und dem Orient.

Zur Person

Dr. phil. Afet Botros, studierte Germanistik an der Heinrich-Heine-Universität Düsseldorf und schloss sein Studium 2000 mit der Magisterarbeit zum Thema „Jüdisches“ in Kafkas Werk ab. Anschließend promovierte er an der Universität Leipzig in den Fächern Vergleichende Literaturwissenschaft, Arabistik und Kulturwissenschaft zur arabischen Kafka-Rezeption. Seit November 2007 ist er Wissenschaftlicher Mitarbeiter am Centrum für Nah- und Mittelost-Studien der Philipps-Universität Marburg.

In Lehre und Forschung der Marburger Arabistik konzentriert er sich auf die moderne arabische Literatur und Ideengeschichte. Zu seinen aktuellen Forschungsschwerpunkten gehören: „Umbruch, Revolution und Wandel in der arabischen Welt“ sowie „Widerstand in der ägyptischen Literatur und Kunst“.

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