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Im Kampf gegen tückische Tumore

Forschung Marburg Im Kampf gegen tückische Tumore

Marburger Forscher sind auf der Spur nach Methoden, den Bauchspeicheldrüsenkrebs zu besiegen.

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Maren Stark, Mitarbeiterin in der klinischen Forschergruppe, sitzt im Labor auf den Lahnbergen am „Time Lapse“-Mikroskop“ , mithilfe dessen man die per Spezialkamera aufgezeichneten Bewegungen von Tumorzellen verfolgen kann.

Quelle: Tobias Hirsch

Marburg.  Bis zur Jahrtausendwende war die Forschung in 
Sachen Bauchspeicheldrüsenkrebs (Pankreaskrebs) nicht sehr erfolgversprechend. Doch der Trend zeigt seit mehreren Jahren eindeutig nach oben. So konnte die mittlere Überlebensrate der Patienten von bisher fünf bis sechs Monaten um mehr als das Doppelte auf zwischen 11 und 15 Monaten gesteigert werden, erläutert Professor Thomas Gress.

Und er hofft in den kommenden zehn Jahren auf eine weitere Verdoppelung des Überlebens. Der Marburger Forscher ist nicht nur Präsident der Weltgesellschaft der Pankreaskrebs-Forscher, sondern leitet auch am Uni-Klinikum eine klinische Forschergruppe, die seit Anfang des Jahres von der Deutschen Forschungsgemeinschaft (DFG) mit rund 1,3 Millionen Euro pro Jahr finanziell gefördert ist.

Besonders schwer zugänglich

Das Ziel der Wissenschaftler ist die Bekämpfung der heimtückischen Krebsart auf allen Ebenen – von der Früherkennung bis hin zur Entwicklung von potenziellen Medikamenten. Bisher stieß das vor allem auf Schwierigkeiten, weil der Tumor an der Bauchspeicheldrüse wächst, also an einem Organ, das im menschlichen Körper besonders schwer zugänglich und einsehbar ist.

Zur Person

Professor Thomas Gress (55) , wurde in Sao Paulo (Brasilien) geboren. Er ist verheiratet und hat zwei Kinder. Gress ist seit 2006 Direktor der Klinik für Gastroenterologie, Endokrinologie, Stoffwechsel und Infektiologie am Uni-Klinikum in Marburg sowie Lehrstuhlinhaber für Gastroenterologie der Philipps-Universität. Von 1981 bis 1987 hatte Gress an der Marburger Universität Medizin studiert und im Juli 1988 am Institut für Anatomie und Zellbiologie seine Dissertation vorgelegt. Nach einer Weiterbildung in der Inneren Medizin/Gastroenterologie war er Leiter einer Arbeitsgruppe für molekulare Genetik von Tumoren im Magen-Darmtrakt am Uni-Klinikum in Ulm, wo er von 2001 bis 2006 auch Professor für Gastroenterologie war. Der Bauchspeicheldrüsenkrebs (Pankreaskarzinom) ist sein wissenschaftliches Spezialgebiet.

Forschung Marburg: Prof. Dr. Thomas Mathias Gress, Direktor der Klinik für Innere Medizin mit den Schwerpunkten Gastroenterologie, Endokrinologie, Stoffwechsel und klinische Infektiologie, erforscht den Bauchspeicheldrüsenkrebs. Foto: Tobias Hirsch

Forschung Marburg: Prof. Dr. Thomas Mathias Gress, Direktor der Klinik für Innere Medizin mit den Schwerpunkten Gastroenterologie, Endokrinologie, Stoffwechsel und klinische Infektiologie, erforscht den Bauchspeicheldrüsenkrebs. Foto: Tobias Hirsch

Auffällig wird die Krebserkrankung im Regelfall erst dann, wenn der Tumor einen Durchmesser von mindestens einem Zentimeter hat. Dann ist der Krebs aber in den allermeisten Fällen in einem so fortgeschrittenen Stadium, dass oft keine Heilung mehr erzielt werden kann. Eigentlich müssten die Mediziner Tumore zum Beispiel durch den Nachweis von molekularen Biomarkern im besten Fall schon dann aufspüren können, wenn diese durch bildgebende Verfahren noch gar nicht sichtbar sind. Die verbesserte Statistik bei der Überlebensrate hat vor allem damit zu tun, dass die Forscher immer besser verstanden haben, welche Chemotherapie alleine oder in Kombinationen am besten wirksam sind.

Bei der Entstehung von Pankreaskrebs spielen eine chronische Entzündung der Bauchspeicheldrüse und die daran beteiligten Zellen in der Tumormikroumgebung eine wesentliche Rolle. Ein weiteres wichtiges Merkmal ist die massive Bildung von Bindegewebe um die Tumorzellen, erläutert Professor Gress. Es wurde unter anderem vermutet, dass sich dadurch eine Art bindegewebiger „Mantel“ um die Tumorzellen bildet, der verhindert, dass Medikamente zu ihnen gelangen. Bisher lag der Fokus in der Erforschung des Bauchspeicheldrüsenkrebses auf den Tumorzellen selbst. Die Marburger Forschergruppe nimmt nun vor allem das tumorumgebende Gewebe mit in den Blick.

Bindegewebe wie Festung

Dieses Bindegewebe umgibt beim Pankreaskrebs die Tumorzellen wie eine Wand oder eine Festung, erläutert Professor Gress. Bisher hatten die Forscher weltweit versucht, mit chemischen Wirkstoffen diese Schutzwände zu durchbrechen. Das hatte aber dann zunächst nicht den gewünschten Erfolg, weil Anteile des Tumor-Bindegewebes offensichtlich auch die Tumorzellen „bremsen“.

Mit einer einfachen Entfernung des gesamten Bindegewebes kam es im Endeffekt oft zu schneller wachsenden, aggressiven Tumoren, so dass nun eher versucht wird, die Zusammensetzung des Bindegewebes zu beeinflussen. Eine wichtige Rolle in dem Gesamtgefüge spielen dabei beim Bauchspeicheldrüsenkrebs Zellen wie T-Zellen, Makrophagen oder Fibroblasten, die in der unmittelbaren Umgebung der Tumore in Interaktion mit den Tumorzellen treten. Wie genau dies geschieht und welche Folgen das hat, wird immer detaillierter erforscht. „Wir kennen aber bisher die Signale noch zu ungenau und wissen noch zu wenig, wie man gezielt bestimmte Zellen ausschalten kann“, erläutert der Tumorbiologe PD Dr. Matthias Lauth.

Hintergrund

Die Bauchspeicheldrüse (lateinisch: Pankreas) ist ein wichtiges Organ des Menschen, das unter anderem für die Produktion von Insulin gebraucht wird, das den menschlichen Zuckerhaushalt regelt. Zudem wird sie zur Bildung von Verdauungssäften benötigt. Aus den Zellen, die die Verdauungssäfte produzieren und in den Darm transportieren, bildet sich der Bauchspeicheldrüsenkrebs. Daran erkranken in Deutschland rund 10.000 Männer und 10.000 Frauen pro Jahr.

In der Statistik der Krebsarten steht der Bauchspeicheldrüsenkrebs in Deutschland bei der Häufigkeit nur auf Platz 10 bei den Männern und auf Platz sechs bei den Frauen, bei der Sterbestatistik belegt diese Krebserkrankung allerdings Platz 4, erläutert der Marburger Mediziner Professor Thomas Gress. Da einige Krebsarten aber sinkende Sterberaten haben, wird vorhergesagt, dass der Bauchspeicheldrüsenkrebs in dieser Statistik sogar auf Platz zwei nach oben gelangen wird. Als wichtigste Risikofaktoren nennt der Forscher Professor Thomas Gress neben genetischen Vorbelastungen Umweltfaktoren wie Rauchen oder chronische Entzündungen der Bauchspeicheldrüse.

Folgende Fragen stehen im Fokus der klinischen Forschergruppe: Aus welchen Komponenten besteht die Mikroumgebung des Tumors und wie tragen diese dazu bei, dass bisherige Therapien auf Dauer gesehen eher fehlschlagen? Können Biomarker identifiziert werden, die bessere Therapien ermöglichen? Derzeit läuft die Chemotherapie bei Patienten meistens so ab, dass man mit einem speziellen Medikament oder auch einer Kombination von Medikamenten startet und prüfen muss, ob diese Therapie bei dem Patienten anspricht. Wenn sie nicht anspricht, kommt eine weitere Therapie zum Einsatz, deren Ansprechen wiederum geprüft wird.

Detektivische Puzzlearbeit

Ziel der Forscher ist es, möglichst zeitnah und vor dem Beginn einer Therapie die individuell beste Kombination für den Patienten auszuwählen, so dass nicht erst die Wirksamkeit geprüft werden muss.Der Bauchspeicheldrüsenkrebs ist im Gegensatz zu manchen anderen Tumoren genetisch heterogen und besteht aus vielen unterschiedlichen Subgruppen.

„Im Prinzip müsste man für jede Subgruppe ein eigenes Therapieschema entwickeln“, betont Professor Gress. Damit es dazu kommt und auch bei der weiteren Kooperation der klinischen Forschergruppe, ist viel detektivische Puzzlearbeit gefragt, die auf den Lahnbergen in den Laboren des Zentrums für Tumor- und Immunbiologie geschieht.

von Manfred Hitzeroth

 
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