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Blaupause für den Frieden in Syrien

Westfälischer Frieden Blaupause für den Frieden in Syrien

Der Westfälische Friede aus dem 17. Jahrhundert könnte ein Vorbild für Friedensverhandlungen im Syrienkonflikt sein, meint der Marburger Historiker Professor Christoph Kampmann.

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Dieses Gemälde von Gerard ter Borch aus dem Jahr 1648 zeigt die Teilnehmer der Friedensverhandlungen nach dem Abschluss des Westfälischen Friedens, der den Dreißigjährigen Krieg beendete.

Quelle: Wikimedia Commons

Marburg. Der Dreißigjährige Krieg war ein verheerendes Ereignis in ganz Europa. Marodierende Söldnerbanden verwüsteten Dörfer und Städte. Brandschatzungen und Vergewaltigungen waren an der Tagesordnung: Rund drei Jahrzehnte lang herrschte in vielen Staaten des damaligen Europas ein kriegerischer Ausnahmezustand.

„Die modernen Kriege ähneln in erstaunlicher Weise den damaligen Kriegen der Frühen Neuzeit“, meint der Marburger Historiker Professor Christoph Kampmann, der ein Standardwerk über den Dreißigjährigen Krieg verfasst hat. Ähnlich wie heute seien dies damals „asymmetrische Konflikte“ gewesen im Gegensatz zu den klassischen Konflikten im 19. Jahrhundert, in denen festgefügte, zentral organisierte Staaten miteinander Krieg geführt hätten. Ähnlich wie heutzutage beim Konflikt in Syrien hätten auch während des Dreißigjährigen Kriegs nicht in ersten Linie Staaten gegeneinander gekämpft, sondern etliche Akteure jenseits einer staatlichen Ebene.

Während im 17. Jahrhundert zuerst die Böhmen und dann die Reichsfürsten gegen den Kaiser rebelliert hätten, kämpfen in Syrien Rebellen und ­guerillaartige Gruppen für die Absetzung des Herrschers Baschar al-Assad, erläutert Kampmann. In beiden Fällen habe es zudem Interventionen von außen gegeben.

So hätten sich im Dreißigjährigen Krieg die Großmächte Frankreich und Schweden in einen zunächst rein deutschen Bürgerkrieg eingemischt.

In der Auseinandersetzung in Syrien seien gleich vier Mächte – Iran, Saudi-Arabien, Russland und die USA – bei der Durchsetzung ihrer Interessen involviert.

Beide Auseinandersetzungen hätten auch eine besondere Komponente des ­Re­­li­­­­­g­ionskampfes, meint Christoph Kampmann. So seien im Dreißigjährigen Krieg vor allem Katholiken im Kampf gegen Protestanten gestanden. In Syrien hingegen gehe es auch um den Konflikt von Schiiten und Sunniten.  Wie kann man solche komplizierten, jahrelang ausufernden und ineinander verwobenen Konflikte überhaupt befrieden? Das gehe nicht, indem einfach einige der verfeindeten Regierungen Frieden schließen würden, meint der Marburger Historiker. Wenn sich nur eine dieser Parteien inklusive der verschiedenen Rebellengruppen übergangen fühle, dann gehe der Krieg weiter.

Doch selbst im drei Jahrzehnte andauernden Dreißigjährigen Krieg sei das Ende nicht durch einen „Erschöpfungsfrieden“ zustande gekommen, behauptet Christoph Kampmann.  Entscheidend für den Westfälischen Frieden sei es gewesen, dass der Wille zum Frieden in ganz Europa vorhanden  gewesen sei. Daraufhin habe Diplomatie zum Frieden geführt, und das sogar ohne vorherigen Waffenstillstand.

Bändigung der Religionskonflikte

Schon im Vorfeld der Friedensverhandlungen sei man neue Wege gegangen. Damit sowohl die Vertreter des Papsttums (katholische Kirche) als auch die protestantischen Mächte daran teilnehmen konnten, habe man den Friedenskongress auf zwei Orte verteilt. In Osnabrück hätten die Protestanten gesessen und in Münster die Katholiken.

Auch im Syrienkonflikt gehe man heute übrigens ähnliche Wege, um die direkten Begegnungen der verfeindeten Delegationen zu vermeiden, betont Kampmann.

Die Bändigung der Religionskonflikte sei eine herausragende Leistung des Westfälischen Friedens gewesen. Dies sei deswegen gelungen, weil die Unterhändler alle in dieser Hinsicht strittigen Punkte nicht theologisch diskutiert hätten.

Stattdessen hätten sie sehr pragmatische weltliche Lösungen für das Zusammenleben der Konfessionen gefunden. Insgesamt habe die Friedensordnung des Westfälischen Friedens auf lange Zeit ein Wiederaufflammen des Religionskrieges verhindert, betont Kampmann.

Weil der Schrecken des Dreißigjährigen Krieges damals im kollektiven Gedächtnis Europas verankert gewesen sei, seien die Regelungen des Vertrags befolgt wurden. Und so lautet aus Sicht des Marburger Historikers eine womöglich auch auf den Syrienkonflikt anwendbare Lektion des Westfälischen Friedens, dass die Erinnerung an die Schrecken des Krieges entscheidend sei, um den Frieden zu bewahren.

Und noch eines gibt Christoph Kampmann zu bedenken: „Frieden heißt nicht automatisch Gerechtigkeit. Man muss auch bereit sein, Kompromisse zu schließen.“

von Manfred Hitzeroth

„Der am besten dokumentierte Friedensprozess“

Der Anstoß zur Beschäftigung des Marburger Neuzeithistorikers Professor Christoph Kampmann mit dem Syrienkonflikt kam vom ehemaligen Außenminister Frank-Walter Steinmeier (SPD).

Die Anregung hatte Frank-Walter Steinmeier von einem arabischen Intellektuellen erhalten. Dieser hatte ihm in einem Gespräch zu den Friedensbemühungen im Nahen Osten gesagt, dass dort vielleicht so etwas wie der Westfälische Friede benötigt werde. Bei dem damaligen deutschen Außenminister stieß diese Anregung auf fruchtbaren Boden.

Und Steinmeier regte ein Gesprächsforum an. Dieses sollte aber ausdrücklich nicht vom Auswärtigen Amt organisiert werden, sondern von der Körber-Stiftung mit Sitz in Hamburg und Berlin, die sich auch ansonsten mit Themen rund um Geschichte und Politik beschäftigt.

„Der Friedenskongress von Münster und Osnabrück war der erste seiner Art in der europäischen Neuzeit, er hat in der Diplomatie Maßstäbe gesetzt“, meint Steinmeier. „Wenn kluge Menschen in der Region des Mittleren Ostens dieses Denkmodell spannend finden, warum sollten wir Deutsche uns nicht auch neu dafür interessieren?“ Steinmeier hatte für dieses Projekt, das im Jahr 2015 begonnen wurde, ausdrücklich nach der Mithilfe von Historikern gesucht, die Experten auf dem Gebiet des Dreißigjährigen Krieges und des Westfälischen Friedens sind. So kamen der Marburger Professor Christoph Kampmann und die ehemalige Marburger Historikerin Professorin Anuschka Tischer (Uni Würzburg) ins Spiel. Verstärkt wurde das Historiker-Duo durch die beiden britischen Historiker Brendan Simms und Patrick Milton (Uni Cambridge).

Ganz konkret angewendet werden sollte das Vorhaben anlässlich des Syrienkonflikts. Die Idee war es, in einem Gesprächsforum unter Beteiligung von Diplomaten aus Deutschland sowie aus Syrien und Ländern der umliegenden Regionen mit den Historikern über mögliche Friedensansätze zu reden.

Kampmann war sich zunächst nicht sicher, ob eine solche Werkstatt überhaupt sinnvoll sei, weil die Probleme aus dem 17. Jahrhundert nicht einfach auf die Gegenwart übertragbar seien. Doch das war auch nicht der Ansatz. Vielmehr sei es darum gegangen, ein Gesprächsforum zu bieten, in dem der Blick über den Tellerrand des Syrienkonflikts hinaus gelingen sollte – und zwar im Rückblick auf den Weg hin zum geglückten Frieden in Europa nach einem verheerenden 30 Jahre währenden Krieg vor fast 400 Jahren. So habe genau darin die Chance gelegen, dass die Diplomaten verfeindeter Parteien miteinander ins Gespräch gekommen seien. Dabei sei im Mittelpunkt schon die Frage gestanden, wie damals der Friedensprozess inmitten einer unübersichtlichen Interessenslage von einer Vielzahl von Konfliktparteien gelungen sei. Kampmann nahm an vier zweitägigen Gesprächsforen teil, die in Berlin und in der Nahost-Region stattfanden. „Es waren informelle Gespräche“, betonte Kampmann. Die beteiligten Diplomaten seien nicht als offizielle Vertreter ihrer Staaten oder Gruppierungen dabei gewesen. Dennoch könnten die Gespräche perspektivisch wichtige Mosaiksteine auf dem Weg zur Aufnahme von Friedensverhandlungen sein, hofft Kampmann.

Das historische Beispiel des Westfälischen Friedens sei deswegen dafür so geeignet gewesen, weil die damalige Situation durchaus einige Parallelen zum heutigen Syrienkonflikt aufweise (siehe Artikel oben). Zudem habe der Blick auf den damaligen Friedensprozess den Akteuren von heute aber auch ganz neue Lösungsansätze aufzeigen können. Gezielt sei gefragt worden: Wo lagen im 17. Jahrhundert die Probleme? Wie wurden sie gelöst? Was war das Neue? Dabei konnten die Historiker auf eine umfangreiche und sehr detaillierte Dokumentation der fünf Jahre andauernden Verhandlungen zurückgreifen. „Es ist wohl der am besten dokumentierte Friedensprozess der Welt“, meint Christoph Kampmann.

Für den Marburger Historiker und seine Kollegen boten die Gespräche auch die einmalige Chance, am Beispiel eines realen Kriegskonfliktes die Gespräche von Diplomaten nicht nur anhand von Akten-Dokumentationen zu verfolgen.

von Manfred Hitzeroth

 
Hintergrund

Der Dreißigjährige Krieg (1619 bis 1648) galt schon den Zeitgenossen in Europa als „Der Krieg der Kriege“, betont der Marburger Historiker Professor Christoph Kampmann im Gespräch mit der OP. Der Krieg habe als ein Religionskrieg begonnen und sich dann zu einem gesamteuropäischen Konflikt mit einer Vielzahl von immer schwerer lösbaren Unterkonflikten ausgeweitet. Die Kriegsfolgen seien insgesamt sogar verheerender gewesen als die Auswirkungen des Zweiten Weltkrieges, erläutert Kampmann.

So sei von den 15 Millionen Einwohnern des damaligen Gebietes des Heiligen Römischen Reichs Deutscher Nation rund ein Drittel an den direkten oder indirekten Kriegsfolgen gestorben.Neben den Toten auf dem Schlachtfeld seien vor allem Hungersnöte und Seuchen sowie Ausplünderungen durch Soldaten verantwortlich für die dramatischen Todeszahlen gewesen. „Das Umfeld des Krieges war das Schreckliche“, erklärt Kampmann.

Die Gräueltaten und Wirren des Krieges wurden sehr anschaulich im 1669 erschienen Roman „Der abenteuerliche Simplicissimus“ von Hans Jakob Christoffel von Grimmelshausen geschildert. Aber auch Friedrich Schiller („Wallenstein“, 1797) und Bertolt Brecht („Mutter Courage und ihre Kinder“, 1938/39) verarbeiteten den Krieg in Dramen auf literarische Weise.

 
Zur Person

Professor Christoph Kampmann (56, Foto: Hitzeroth) ist seit 2002 Professor für Geschichte der Frühen Neuzeit an der Uni Marburg. Kampmann ist auch Sprecher des 2014 eingerichteten Sonderforschungsbereichs „Dynamiken der Sicherheit“. Sein Studium der Geschichte, Philosophie, Lateinischer Philologie und des Staatsrechts in Bonn, Köln und Oxford schloss er 1991 mit einer Dissertation an der Uni Bonn ab. 1999 folgte die Habilitation. Er ist Verfasser des Buches „Europa und das Reich im Dreißigjährigen Krieg. Geschichte eines europäischen Konflikts“. Seine Forschungsschwerpunkte sind zwischenstaatliche Beziehungen sowie Leitbegriffe politischen Handelns in der Frühen Neuzeit.

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