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Auf der Suche nach dem Biomarker

Autismus Auf der Suche nach dem Biomarker

Professorin Inge Kamp-Becker und ihr Team aus der Uni-Klinik für Kinder- und Jugendpsychiatrie, Psychosomatik und Psychotherapie suchen eine frühere und exaktere Diagnose für Autismus.

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Dr. Sanna Stroth leitet eine Studie zur Erkundung des Blickverhaltens bei autistischen Kindern und Erwachsenen.

Quelle: Thorsten Richter

Marburg. Eingeschränkte Kontaktfähigkeit, Auffälligkeiten in der Kommunikation, immer wiederkehrende Aneinanderreihungen von Handlungen: Das sind drei Hauptsymptome von autistischen Störungen wie dem frühkindlichen Autismus oder dem Asperger-Syndrom (siehe „Hintergrund“). Wissenschaftliche Publikationen zum Thema Autismus haben in den vergangenen Jahren zugenommen, erläutert die Marburger Autismusforscherin Professorin Inge Kamp-Becker. Das gelte auch für das öffentliche Interesse an, das sich in immer mehr Dokumentar- oder Spielfilmen sowie Romanen äußere, in denen Menschen mit Autismus eine Hauptrolle spielen (siehe Artikel unten). Dabei ist die Krankheit gar nicht so häufig: An autistischen Störungen erkranken nur zwischen 60 und 100 von 10 000 Menschen.

Ungeachtet der großen öffentlichen Aufmerksamkeit gibt es aber weiterhin Forschungslücken. So existiert trotz der jahrelangen Suche vieler Forscher weltweit immer noch kein verlässliches Diagnosetool, mit dem schon im frühen Kindesalter bei einer Vorsorgeuntersuchung zweifelsfrei Autismus nachgewiesen werden könnte. Dabei wäre dies deswegen wichtig, weil es sich bei den Störungen aus dem Autismus-Spektrum um genetisch bedingte Hirnstörungen handelt. Eine Therapie müsse also eigentlich möglichst früh starten, weil die Hirne der Kinder in den ersten Lebensjahren noch nicht voll entwickelt seien und entsprechend beeinflussbar seien, erläutert Kamp-Becker. Bezüglich einer Diagnose liegt das Durchschnittsalter bei Patienten, die durch allgemeine Entwicklungsverzögerungen oder Sprachlernstörungen auffällig werden, bisher aber zwischen fünf und sechs Jahren. Idealer wäre es, die Diagnose schon möglichst früher stellen zu können. Die zunächst nicht so auffälligen Patienten  werden durchschnittlich erst zwischen 10 und 12 Jahren oder noch später diagnostiziert.

Viele Forschungsprojekte

Seit einigen Jahren suchen die Wissenschaftler weltweit vor allem nach sogenannten medizinischen „Biomarkern“: Das sind charakteristische biologische Merkmale in Form von Zellen, Genen oder Veränderungen biologischer Strukturen, die objektiv gemessen auf krankhafte Prozesse im Körper hinweisen.

„Lange hat man auf die Genetik gehofft“, erläutert die Professorin. Denn klar sei mittlerweile, dass Autismus genetische Ursachen habe. Jedoch seien wohl rund 200 bis 1 000 Gene an der Krankheitsentstehung beteiligt. Alleine die hohe Anzahl der potenziell verantwortlichen Gene mache es aber sehr schwierig, die exakten Biomarker auf genetischer Ebene herauszufinden. Ebenso erfolglos sei bisher der Versuch, in Hirnscans spezielle Muster zu erkennen. Das funktioniere zwar im Vergleich der Hirndarstellungen von gesunden und psychisch kranken Kindern. Aber es werde schwieriger bei der Erkennung von Mustern spezieller psychischer Erkrankungen.

  • Die Forschergruppe um Kamp-Becker versucht nun, in einem mit 200 000 Euro von der Von-Behring-Röntgen-Stiftung finanzierten Projekt, neue Biomarker zu finden. Erkundet wird das Blickverhalten von autistischen Kindern und Erwachsenen, insbesondere im Vergleich mit Patienten, die unter anderen psychischen Erkrankungen leiden. Die Studie soll Auskunft über grundlegende Prozesse der Aufmerksamkeit geben. So verfolgen die Probanden auf einem Bildschirm, wie ein Auto von links nach rechts fährt und sollen vorhersagen, an welcher Stelle es wieder auftaucht. Ein zentrales Experiment ist die Erfassung der Reaktion der Probanden auf Gesichter von Menschen, die Wut, Ärger, Ekel, Überraschung oder Freude zeigen. Häufig schauen Menschen mit Autismus ihrem Gegenüber nicht direkt in die Augen. Mithilfe eines Eye-Trackers möchte die Forscherin Dr. Sanna Stroth die charakteristischen Bewegungsmuster der Augen analysieren.
  • Auch an weiteren Studien sind die Marburger Forscher beteiligt. Das vom Bundesforschungsministerium deutschlandweite Verbundprojekt (www.ASD-Net.de) wird von Kamp-Becker koordiniert. Ziel ist es, Autismus-Spektrum-Störungen in ihrer gesamten Komplexität zu erforschen – von  Krankheitsmechanismen bis hin zur Versorgungssituation der Betroffenen. Die Forscher wollen herausfinden, welche Merkmale Autismus von anderen psychischen Störungen unterscheiden. So sollen über eine Datenbank mit Daten von mehr als 2 500 Patienten aus vier Spezial-Ambulanzen Muster von Symptomen identifiziert werden. Erkundet wird in einer weiteren Studie, ob das als Nasenspray verabreichte „Kuschelhormon“ Oxytocin bei jungen Autismus-Patienten die Wirkung von Verhaltenstherapien verbessert und hilft, Emotionen besser zu erkennen, erklärt Dr. Anne-Kathrin Wermter. Für diese Studie werden derzeit noch Teilnehmer gesucht (Information: ab 10 Uhr, Telefon 0 64 21 /5 86 64 69). Hilft die Flut von Informationen über Autismus im Internet Eltern weiter oder wirkt sie sich verwirrend aus? Welches Image hat die Krankheit Autismus bei Studierenden? Das sind zwei weitere Fragen, die in Marburger Doktorarbeiten Thema sind.

von Manfred Hitzeroth

Kinohelden kommen nicht in die Ambulanz

An der Marburger Uni-Klinik gibt es auch Therapieangebote für Autismus-Patienten.
Autismus ist zum Modethema geworden, und das  schon seit Dustin Hoffmans ergreifender Darstellung eines Autisten mit jeder Menge Ticks, aber einem perfekten Zahlengedächtnis im Hollywood-Film „Rain Man“ im Jahre 1988. Zuletzt stellte 2016 der Oscar-nominierte US-Dokumentarfilm  „Life, Animated“ einen jungen autistischen Mann in den Mittelpunkt, der bei der Bewältigung seiner Lebensprobleme seit frühen Kinderzeiten fast ausschließlich auf Dialoge und Szenen aus Walt-Disney-Filmen als Hilfsmittel zurückgreift.

An dem Film „Rain Man“ gefällt der Marburger Autismusforscherin Professorin Inge Kamp-Becker nicht, dass die von Hoffman verkörperte Person eine Kunstfigur sei, die so im Alltag nicht vorkomme. Viele andere Filme um Autisten-Schicksale seien zwar schon oft gut gemacht. „Aber dabei geht es meistens um Einzelfälle. Es endet mit einem Happy End, und der Held hat seinen Weg gefunden.“ Leider stelle das einen starken Kontrast zu den alltäglichen Fällen in der Praxis der Autismus-Ambulanz dar. Denn dort würden sich keine Filmhelden vorstellen, die immer mindestens auf einem Spezialgebiet eine ausgeprägte Hochbegabung vorzuweisen hätten.

„Autismus ist eine sehr schwerwiegende Störung“, macht Kamp-Becker im Gespräch mit der OP deutlich. Einerseits verursache sie bei vielen Betroffenen Leid und Beeinträchtigungen. Es gebe aber auch eine Menge Patienten, die im Lauf ihrer Erkrankung gelernt hätten, erfolgreich damit umzugehen und eine gute, hohe Lebensqualität zu erreichen.  Allerdings könnten bei schwierigen Lebenssituationen wieder deutliche Symptome auftreten. Als Beispiel nannte sie einen Patienten, der nach dem erfolgreichen Abschluss des Studiums große Probleme beim Übergang ins Berufsleben hatte. Seit 2001 leitet die Psychologin Inge Kamp-Becker die Autismus-Ambulanz an der Uni-Klinik für Kinder- und Jugendpsychiatrie. Es gibt keine Medikamente, die die Symptome des Autismus verschwinden lassen. Es gibt aber medikamentöse Behandlungen für häufige Begleitsymptome wie Aufmerksamkeitsstörungen (ADHS), selbstverletzende Handlungen oder Schlaflosigkeit. Mithilfe von verhaltenstherapeutischen Maßnahmen lasse sich die Lebensqualität der Betroffenen und ihrer Familien deutlich verbessern, so Kamp-Becker.

Bei jahrelangen Patientengesprächen hat Kamp-Becker unter anderem eines gelernt: „Es gibt nicht den Autisten. Die Herausforderung ist die Vielfältigkeit des Störungsbildes.“ Im Gespräch mit der OP wendet sich die Psychologin aber auch gegen den aus ihrer Sicht inflationären Gebrauch des Wortes „autistisch“ im allgemeinen Sprachgebrauch als Beschreibung eines in sich gekehrten, nur noch auf sich selbst bezogenen Zustands wie beispielsweise  beim massenhaften, stundenlangen Handygebrauch junger Menschen. „Smartphone-Konsum löst keinen Autismus aus“, macht Kampf-Becker deutlich. Allerdings verlerne man dadurch schon die Fähigkeit zu sozialen Kontakten.

In die Autismus-Ambulanz der Kinder- und Jugendpsychiatrie kommen vorwiegend junge Patienten, außerdem gibt es an der Klinik eine Kleinkinder-Sprechstunde für Kinder ab einem Jahr. „Unser erklärtes Ziel ist es, die Diagnose zu früh wie möglich und mit der bestmöglichen Sicherheit zu stellen“, erläutert Kamp-Becker. Ausgeprägte Kontaktprobleme von Kindern in den ersten Lebensjahren müssten aber nicht unbedingt auf Autismus hindeuten, sondern könnten auch auf andere psychische Störungen hinweisen, erläutert Kamp-Becker. Bei Kindern und Jugendlichen, bei denen psychische Auffälligkeiten oder der Verdacht auf autistische Störungen vorliegen, können sich die Eltern an die Ambulanz (Telefon 0 64 21 / 5 86 64 69) wenden. Sinnvoll sei für Eltern vorher aber auch ein Gespräch mit dem Kinderarzt oder eine generelle Untersuchung in der Kinder- und Jugendpsychiatrie.

von Manfred Hitzeroth

 
Hintergrund
Der Begriff Autismus bezeichnet eine tiefgreifende Entwicklungsstörung, die in der Regel vor dem dritten Lebensjahr einsetzt und an der vorwiegend Jungen erkranken. Vor allem drei Bereiche der frühen kindlichen Entwicklung sind betroffen:  zum einen Probleme im sozialen Umgang wie beim Verständnis und Aufbau von Beziehungen. Des Weiteren geht es um Auffälligkeiten bei der Kommunikation in der sprachlichen und der nicht-sprachlichen Verständigung. Das dritte Hauptsymptom sind stereotype und sich wiederholende Verhaltensweisen wie beispielsweise das Aneinanderreihen von Gegenständen oder das andauernde Wiederholen von Wörtern oder Sätzen. Ursprünglich geprägt hatte den Begriff der Schweizer Psychiater Eugen Bleuler im Jahr 1911 im Zuge seiner Forschungen zur Schizophrenie. Damals beschrieb er ein Grundsymptom des Autismus, die Zurückgezogenheit in eine innere Gedankenwelt. Aufgegriffen wurden Bleulers Ideen unter anderem von Hans Asperger, der ein Störungsbild eigener Art beschrieb, das daraufhin Asperger-Syndrom genannt wurde. Zusammengefasst werden der frühkindliche Autismus, das Asperger-Syndrom und der atypische Autismus heute unter dem Oberbegriff Autismus-Spektrum-Störungen.
 
Zur Person
Professorin Inge Kamp-­Becker (56, Foto: Thorsten Richter) stammt aus Rheine (Münsterland). Von 1983 bis 1989 studierte sie an der Universität Münster Psychologie. 1994 promovierte sie zum sozialpsychologischen Thema „Rollenflexibilität von Frauen“. Nach einer Familienpause arbeitete die Mutter von drei Kindern in einer Klinik für Kinder- und Jugendpsychiatrie in Bayern, bevor sie im Jahr 2001 an die Uni-Klinik für Kinder- und Jugendpsychiatrie des Uni-Klinikums Marburg wechselte. Seit 2001 leitet sie dort auch die Spezialambulanz für Autismus. Im Jahr 2011 habilitierte sie sich in Marburg mit einer Arbeit zum Thema Autismus. Unter anderem verfasste sie zusammen mit Sven Bölte 2006 in der Reihe „utb profile“ im Ernst Reinhardt Verlag das Buch „Autismus“, das einen Überblick über die Krankheit gibt und den Forschungsstand zusammenfasst.
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