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Landkreis Experten arbeiten an „Teilplan Energie“
Landkreis Experten arbeiten an „Teilplan Energie“
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19:59 09.03.2012

OP: Der Super-Gau in Fukushima war der Auslöser der Energiewende. Welche regenerative Energieart wird Mittelhessen am ehesten zum Ziel führen, um von endlichen Energieformen unabhängig zu sein?

Dr. Lars Witteck: Nicht allein die schrecklichen Ereignisse in Fukushima waren Auslöser der Energiewende. Wir machen hier in der Region Mittelhessen seit einigen Jahren die erneuerbaren Energien zu einer tragenden Säule unserer Gesamtenergieversorgung. Bereits im Regionalplan 2010 ist der Anspruch verankert, dass Mittelhessen bis zum Jahr 2020 ein Drittel des Endenergiebedarfs (ohne Verkehr) durch den Einsatz erneuerbarer Energien abdecken will. Derzeit arbeiten unsere Experten an einem „Teilplan Energie“. Aber auch wenn an einigen Orten Mittelhessens besonders gute Windbedingungen vorherrschen, sollte ein gesunder Mix aus allen Energieformen angestrebt werden. Hierbei hilft auch der von uns entwickelte Potenzialrechner, mit dem unter www.energieportal-mittelhessen.de jeder spielerisch berechnen kann, was auf dem Grund und Boden einer Gemeinde an alternativer Energiegewinnung möglich ist. So lässt sich ein spezifischer Energiemix zusammenstellen. Was vor Ort dann letztlich umgesetzt werden soll, haben die örtlichen Gremien zu entscheiden.

OP: Während Solarstrom-Gewinnung relativ unkritisch ist, gibt es bei der Windkraft gerade im Hinterland erbitterten Widerstand. Wie können solche Konflikte vermieden werden?

Witteck:  Genau darin liegt auch eine große Stärke des Potenzialrechners: Im oft viel verzweigten Planungsprozedere erhält jeder Bürger, der sich dafür interessiert, schon von Beginn an die Möglichkeit, mitzudiskutieren, sich zu informieren und am Ende auch, sich zu beteiligen. Denn auch wir bemerken die Ängste und Diskussionen um die Windkraft, die es aber nicht nur hier im Hinterland gibt. Meines Erachtens hilft dabei nur, dem Bedürfnis der Bürger nach einer breiten und frühzeitigen Beteiligung bei komplexen Planungsvorhaben entgegenzukommen und von Anfang an auch kritische Stimmen zu berücksichtigen.

OP: Sollte das Genehmigungsverfahren für Windkraftanlagen wieder zu einem öffentlichen umgewandelt werden?

Witteck: Sicher zielen Sie mit dieser Frage darauf ab, dass sich Ihre Leser im Fall Hilsberg vielfach über mangelnde Beteiligung beklagten. Ich kann dazu nur Folgendes erläutern: Die Festlegung der potenziellen Flächen für Windkraftnutzung im Regionalplan ist bereits ein transparentes Verfahren.

Auf unserer Homepage kann sich jeder zu jeder Zeit ansehen, welche Beschlüsse zur Entscheidung anstehen, fast alle Sitzungen sind der Öffentlichkeit frei zugänglich. Die immissionsschutzrechtlichen Genehmigungsverfahren für Windkraftanlagen sind vom Gesetzgeber im vereinfachten Verfahren (ohne Öffentlichkeitsbeteiligung) vorgegeben. Nur wenn der Antragsteller freiwillig die Öffentlichkeit einbezieht oder eine Umweltverträglichkeitsprüfung erforderlich ist, wird das gesamte Verfahren auch öffentlich bekannt gemacht. Ich appelliere daher immer wieder an die örtlichen Gremien, frühzeitig und umfangreich über alle Vorhaben zu informieren. Allerdings kann das nicht immer nur eine Bringschuld sein. Jeder Bürger kann sich jederzeit zu öffentlichen Sitzungen der Ortsbeiräte und anderer Gremien gesellen und Informationen einholen.

OP: Wie viel der Fläche in der ländlichen Region, wie dem Hinterland, muss für Windkraft eingeplant werden, um dem „neuen“ Bedarf gerecht zu werden?

Witteck: Wenn man die Ziele des hessischen Energiegipfels zugrundelegt, sollen sich auf zwei Prozent der Landesfläche Windräder drehen. In Mittelhessen wären das etwa 700 Anlagen neuesten Standards mit einer Leistung von drei Megawatt. Wie viele davon im Hinterland stehen werden, ist aber noch reine Spekulation. Im Moment haben wir in unserer Region 259 Anlagen, die zum Teil auch noch repowert werden können. Der gültige Regionalplan weist bislang 0,51 Prozent der Fläche Mittelhessens als Windvorrangflächen aus – das sind etwa 2 750 Hektar Land. Bei zwei Prozent werden es ungefähr 10 600 Hektar sein.

von Gianfranco Fain und Silke  Pfeifer-Sternke