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Landkreis Energiewende: Hatakka sieht Zeitverzug
Landkreis Energiewende: Hatakka sieht Zeitverzug
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20:35 09.03.2012

Leipzig/Berlin. Vattenfall-Deutschland-Chef Tuomo Hatakka sieht Deutschland beim Zeitplan für den vorzeitigen Atomausstieg im Hintertreffen. „Die Zeit läuft davon. Seit dem Beschluss ist wenig passiert, weder beim erforderlichen Netzausbau noch beim Speicherproblem ist Deutschland bisher entscheidend vorangekommen“, sagte der Vorstandsvorsitzende von Deutschlands viertgrößtem Versorger in einem Gespräch mit der Leipziger Volkszeitung.

Allerdings habe er den Eindruck gewonnen, so Hatakka weiter, dass inzwischen in den Ministerien seit einigen Wochen intensiver an der Umsetzung der Energiewende gearbeitet werde. Erst Anfang der Woche wurde das Thema auch auf dem Treffen der Koalitionsspitzen von Union und FDP in Berlin beraten.

Nach dem Reaktorunglück im japanischen Fukushima hatte die Bundesregierung den vorzeitigen Ausstieg aus der Kernenergie beschlossen. Acht Atomkraftwerke sind bereits abgeschaltet worden. 2022 soll nun der letzte Meiler vom Netz gehen. Bis zu diesem Zeitpunkt müssen die 22,5 Prozent der Kernenergie am deutschen Strommix ersetzt werden. Schon 2020 sollen 35 Prozent des Stromes aus erneuerbaren Energien, 2050 schließlich 80 Prozent kommen. Dafür ist unter anderem ein zügiger Ausbau der Hochspannungsleitungen notwendig. Laut der Deutschen Energieagentur (Dena) fehlen aber rund 4000 Kilometer Leitungen im 380-KV-Bereich. In den vergangenen Jahren sind in Deutschland im Schnitt pro Jahr nur 20 Kilometer fertiggestellt worden.

Hatakka betonte weiter, dass neben dem Leitungsausbau die Speicherung der erneuerbaren Energien ein zentrales Problem sei. Pumpspeicherwerke in Norwegen, wie von der deutschen Politik immer wieder ins Spiel gebracht, seien schon wegen des Transportes durch die Nordsee unrealistisch. Die Energieumwandlung in Gas und Wasserstoff müsste als Alternative weiter entwickelt und erforscht werden. Aber auch diese Lösungsansätze für die Speicherproblematik seien kein Allheilmittel, deshalb sei die Braunkohle auch noch über Jahrzehnte für die Grundlast und Versorgungssicherheit im Energiemix unentbehrlich. Auf einem Braunkohlegipfel der Förderländer Sachsen, Sachsen-Anhalt und Brandenburg in Leuna hatte sich vor kurzem EU-Energiekommissar Günther Oettinger (CDU) ähnlich geäußert.

Für den schwedischen Staatskonzern und seine deutsche Tochter kündigte Hatakka an, dass 60 Prozent der geplanten Investitionen des Unternehmens in einer Höhe von rund zehn Milliarden Euro über einen Zeitraum von fünf Jahren in den Ausbau der erneuerbaren Energien fließen würden. „Mit dieser Strategie wollen wir in Europa zu einem der Marktführer für die Erneuerbaren aufsteigen.“ Insgesamt, so der Vattenfall-Manager, rechne der Konzern in Deutschland bis zum Jahr 2022 wegen steigender EEG-Umlagen und höheren Netzentgelten mit einem Anstieg der Stromrechnung für die Verbraucher in einer Größenordnung von rund 30 Prozent.

von Thilo Boss