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Eine(r) von hier Von einem, der das Wunderland eroberte
Landkreis Eine(r) von hier Von einem, der das Wunderland eroberte
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14:29 14.04.2010
Michael Kutsche bei der Arbeit an der Grinsekatze. Quelle: Privatfoto

Marburg. „Hallo, hier ist Michael“, dringt eine angenehme, ruhige Stimme aus dem fernen Los Angeles durch den Telefonhörer. Und in der kommenden Dreiviertelstunde erzählt sie über das, was die dortige Zeitung „Los Angeles Times“ jüngst als seine Aschenputtelgeschichte, als „Cinderella Story“, bezeichnet hat. Die Stimme am anderen Ende der Leitung gehört Michael Kutsche, aufgewachsen in Lahntal-Göttingen, zur Schule gegangen in Goßfelden und Marburg. Heute, mit gerade 32 Jahren, ist er als „Character Designer“ ein gefragter Mann in der US-Filmindustrie. Dass der Vergleich der US-Kollegen von der „L.A. Times“ hinkt, wird im Gespräch schnell klar. Michael Kutsche wirkt bescheiden, doch von einem „Aschenputtel“ kann keine Rede sein.Im Gegenteil, er hat seit der Schulzeit konsequent an seiner Karriere gearbeitet und mit digitaler Kunst die Auftraggeber überzeugt – auch ohne klassische Ausbildung an der Kunsthochschule. „Vielleicht habe ich mir gerade dadurch die Individualität meiner Kunst bewahrt“, sagt Kutsche. Umso bemerkenswerter ist sein jüngster Aufstieg im „Filmgeschäft“, denn der nahm seinen Anfang eher unvermittelt im Internet und brachte ihn bis ins Herz der kalifornischen Filmtraumfabriken, die für Animations-Erfolge wie „Findet Nemo“ stehen. Und dazu braucht es auch ab und an das nötige Quäntchen Glück.

Was Michael Kutsches Geschichte so märchenhaft macht, hat in erster Linie mit dem Film „Alice im Wunderland“ zu tun. Nach Stationen in Wiesbaden und Frankfurt lebte und arbeitete der 32-Jährige vor zwei Jahren als selbständiger Illustrator für Film, Werbung und Computerspiele in Berlin. Er stellte ein paar seiner Arbeiten ins Internet und erhielt wenig später einen überraschenden Anruf.

Man sei auf der Suche nach einem „Character Designer“ und habe seine Arbeiten im Internet gesehen. Ob er nicht einen Entwurf für einen Film einreichen wolle. Ohne zu wissen, dass es um „Alice“ und Tim Burton ging, beteiligte er sich an der Ausschreibung und begeisterte mit seiner fantasievollen Raupe den Altmeister Ken Rolston, der schon in den alten „Star Wars“-Filmen für die spektakulären Effekte gesorgt hatte. Kurz darauf hatte Kutsche den Job für
„Alice im Wunderland“ in der Tasche. Regisseur Tim Burton hatte ihn selbst für sein Team ausgewählt. Und so fand sich Michael Kutsche unversehens bei den Dreharbeiten für den aktuellen Film der Trickfilmlegende („Batman“, „Edward mit den Scherenhänden“) wieder.

Seiner Feder entstammen eine Reihe von Figuren, die dieser Tage die Kinofans in Deutschland faszinieren. Dass es so viele geworden sind, ist durchaus ungewöhnlich, denn Kutsche teilte sich die Arbeit nur mit dem Kanadier Bobby Chiu und der Künstlerin Kei Acedera. „Normalerweise arbeiten meist acht oder zehn Character Designer an einem Film“, berichtet Kutsche nicht ohne Stolz, denn daran lässt sich auch das Vertrauen ablesen, das man ihm bei einem solchen Großprojekt entgegenbrachte. Da der Film nicht nur am Computer entstand, sondern einige Rollen mit echten Schauspielern besetzt sind, arbeitete Kutsche auch mit den Hollywood-Stars Helena Bonham-Carter und Johnny Depp relativ eng zusammen. Seine Trick-Figuren standen in Lebensgröße als Aufsteller am Drehort, auch damit sich die Schauspieler in ihrem Spiel daran orientieren konnten – vor der Kamera sehen sie die Trickfilmwesen ja nicht.

Dem „Fluch der Karibik“-Star Depp gefiel die Arbeit des Deutschen ganz offensichtlich, denn eines Tages kam er in Kutsches Wohnwagenbüro am Set und bat ihn um einen Entwurf für ein T-Shirt, das er der ganzen Filmcrew zum Abschied als kleinen Dank schenken wollte. Nur ein Beispiel dafür, dass Depp trotz des Erfolges Bodenhaftung bewahrt hat. „Er ist einer der Leute, die überhaupt keine Starallüren haben“, schwärmt Michael Kutsche.

„Es hat mir schon immer Spaß gemacht, kreativ zu sein“, erzählt der gebürtige Berliner, der die ersten Lebensjahre in Marburg verbrachte und mit sechs Jahren nach Göttingen zog, über seine künstlerischen Anfänge. Sein Talent blieb den Mitschülern nicht lange verborgen. „In der Grundschule wurde ich dann schon mal von der Parallelklasse gebeten, ob ich zum Geburtstag der Lehrerin ein Bild auf die Tafel malen könnte“, sagt Kutsche – vielleicht war das die erste „Auftragsarbeit“.

Später, in der Martin-Luther-Schule, ging er mit einigen Freunden ebenfalls künstlerisch eigene Wege . In einer Hiphop-Gruppe war er nicht nur für Gesang, sondern auch für die bildliche Umrahmung der Auftritte oder des Outfits mitverantwortlich. Seine Freunde und er experimentierten ebenso mit Graffiti und Videokunst. Er erinnert sich auch gern daran, wie er als 14-Jähriger die Läden in der Marburger Oberstadt abklapperte und den Geschäftsleuten seine Entwürfe für die Dekoration der Schaufenster vorstellte – auch das übrigens mit Erfolg. Seither ist er seinen Weg konsequent weiter gegangen, über Illustrationen und 3-D-Animationen für Musikvideos, Werbefilme und Internetseiten, mit dem seine Firma unter anderem den Silbernen Löwen beim Werbe-Festival in Cannes gewann, bis zur Schaffung von Filmfiguren, wie er es seit zwei Jahren fast ausschließlich betreibt.

Inzwischen bekomme er mehr Anfragen, als er annehmen kann, bedauert Michael Kutsche: „Zuletzt musste ich sogar ein Angebot für ,Men in black 3‘ ablehnen“. Woran er gerade arbeitet, darf er noch nicht sagen, wohl aber, was in naher Zukunft unter seiner Beteiligung in die Kinos kommen wird: im nächsten Jahr der Disney-Film „Thor“ und voraussichtlich 2012 „John Carter on Mars“ mit dem „Wall-E“- und „Findet Nemo“-Regisseur Andrew Stanton. Über allem Erfolg mit den digitalen Zeichenwerkzeugen will der Wahl-Kalifornier seine Grundlagen nicht vernachlässigen. Denn mindestens genauso gern wie am Computer arbeitet er mit echter Leinwand, Ölfarben oder Tusche und gibt diesen Rat auch Nachwuchskünstlern mit auf den Weg. Der Computer biete viele faszinierende Möglichkeiten, aber man solle dennoch möglichst viel ohne ihn zeichnen und malen, um seine Technik zu schulen.

Abseits der Filmarbeit will Kutsche bald eine eigene Ausstellung mit seinen oft großformatigen Gemälden machen. Und gemeinsam mit seiner Frau Lisa, die an der Universität in Los Angeles studiert, und ebenfalls in Marburg aufwuchs, will er in absehbarer Zeit ein Kinderbuch schreiben. Beides, Ausstellung und Buch, ist ihm bei aller Wertschätzung, die er in Los Angeles im Moment genießt, wichtig. Denn: „Ich will auch etwas schaffen, das mal keine Auftragsarbeit ist, sondern eine Geschichte, die ich selbst erzähle.“

von Michael Agricola