Volltextsuche über das Angebot:

20 ° / 14 ° Gewitter

Navigation:
"Olympische Spiele sind immer ein Kick"

Einer von hier "Olympische Spiele sind immer ein Kick"

Der ZDF-Sportkommentator Michael Kreutz lebte elf Jahre in Marburg. Warum er der Stadt jetzt den Rücken kehrt und wie sie ihm zu seinem Traumberuf verhalf, erzählt er bei einem Grill-Interview.

Voriger Artikel
„Musik entsteht aus dem Moment“
Nächster Artikel
Kochen, wo andere Urlaub machen

Michael Kreutz im Interview mit Tischtennislegende Timo Boll. Der Kommentator selbst spielt Tischtennis, seitdem er acht Jahre alt ist.

Quelle: ZDF

Marburg. Es ist an der Zeit, mit Vorurteilen aufzuräumen und endlich einzusehen: Männer können sehr wohl mehrere Dinge auf einmal tun. Den besten Beweis dafür liefert der ZDF-Sportkommentator Michael Kreutz. Denn während er dieses Interview gibt, hält er den Telefonhörer in der linken, die Grillzange in der rechten Hand. Seine beiden Kinder toben um ihn herum, seine Frau gibt aus dem Hintergrund Grillanweisungen. Und Kreutz? Der telefoniert, grillt und dirigiert. In Seelenruhe. Berufsroutine eben. Während um ihn herum alles in Bewegung ist, behält er ganz einfach den Überblick.

Für den 52-Jährigen heißt es jetzt: Koffer packen. Er fährt zu den Olympischen Spielen nach London, wird für das ZDF die Tischtennisbegegnungen und das Freiwasserschwimmen kommentieren. Eine Aufgabe, auf die sich der ehemalige Marburger schon jetzt freut. „Ich liebe diesen besonderen Flair von Großveranstaltungen. Man lässt sich von der Atmosphäre mitreißen. Das Tischtennisfinale in Peking 2008 kommentiert zu haben, war schon einer meiner Lebenshöhepunkte“, schwärmt Kreutz.

Aufgeregt ist er schon lange nicht mehr

Und irgendwie hofft er schon jetzt, dass sich auch die Wochen in London wieder als „Lebenshöhepunkte“ entpuppen werden. Aufgeregt? Nein, aufgeregt ist er schon lange nicht mehr. Eher voller angespannter Vorfreude. „Wenn man sich erst einmal daran gewöhnt hat, dass jeder Fehler, den man macht, von einem Millionenpublikum gehört wird, ist das ein Traumberuf. Und mittlerweile weiß ich, dass ich es kann“, so der Kommentator. Aber wann „kann“ man es denn, Herr Kreutz?

„Man darf die journalistische Distanz nicht verlieren und muss kommentieren, was der Sport inhaltlich bietet. Aber natürlich ist immer viel Emotion dabei. Ein bisschen Patriotismus gehört eben auch dazu.“

Selbstvertrauen hin, Können her. Auch der erfahrene ZDF-Mann geht manchmal hart mit sich ins Gericht: „Ich frage mich immer, ob ich sprachlich variabel genug war. Es gibt immer eingeschliffene Phrasen. Ich versuche aber zumindest, dass es meine eigenen sind.“

Und während er so spricht, werden die Würstchen gewendet, die Kinder kurz zurechtgewiesen, der Abend mit Freunden vorbereitet. Das Telefon immer am Ohr. Multitasking eben.

Fragt man ihn nach den Anfängen seines Berufes, da wird es plötzlich still in der Leitung. Vorbei mit der Hektik. Schluss mit dem Geklimper und Geklapper im Hintergrund. Die Arbeit beim Fernsehen, so gesteht er, gehörte keinesfalls zu seinem Lebensplan. Denn eigentlich wollte der 52-Jährige Lehrer werden. Sport und Deutsch unterrichten.

Marburg ist mit traurigen Erinnerungen verbunden

Deshalb kam er 1984 nach Marburg. Er nahm das Studium auf, arbeitete nebenberuflich in der Sportredaktion der Oberhessischen Presse als freier Mitarbeiter, sammelte erste journalistische Erfahrungen. Irgendwo zwischen Zukunftsträumen, Studium und Arbeitsalltag heiratete er seine erste Frau. Dann der Schock: Seine Frau erkrankte an Brustkrebs. Es folgten zwei Jahre, in denen Kreutz und seine Partnerin gemeinsam gegen den Krebs kämpften. „Marburg ist für mich negativ belastet. Das Uniklinikum war so etwas wie meine zweite Heimat.“

Aus mit der unbefangenen Studienzeit, vorbei mit den unbeschwerten Zukunftsträumen. Den Kampf gegen die Krankheit verlor das junge Paar. Im Alter von 32 Jahren wurde Michael Kreutz zum Witwer. In der Stadt bleiben, die für ihn Schmerz, Angst und Verlust bedeutet? Hier das Studium, das er zwei Jahre lang auf Eis gelegt hatte, beenden? Für Kreutz undenkbar. Er wählte einen anderen, vielleicht steinigeren Weg. Setzte alles auf einen Karte. Verlieren? Das, so der 52-Jährige rückblickend, konnte er sowieso nicht mehr.

Durch seine Arbeit in unterschiedlichen Sportredaktionen, unter anderem beim Hessischen Rundfunk, hatte er auch schon erste Kontakte zum ZDF geknüpft. 110 Tage darf ein freier Mitarbeiter pro Jahr für die öffentlich-rechtlichen Sender Arbeiten. Dadurch, dass sich Kreutz fast zwei Jahre komplett um seine Frau kümmerte, war sein Arbeitskonto noch völlig unbelastet. „Ich hatte 220 Tage am Stück Zeit, um mich durchzusetzen.“ Und das tat er. Mit Fachwissen, Ehrgeiz und der nötigen Portion Leidenschaft.

Kreutz ist der Fachmann hinter den Kulissen. Und trotzdem ist vielen nur seine Stimme bekannt. Und die sprüht nur so vor Vorfreude und Tatendrang. „Olympia ist eben immer ein Kick“, sagt er noch, bevor er den Hörer auflegt. Irgendwann hat eben auch ein Kommentator mal Freizeit.

von Marie Lisa Schulz

Voriger Artikel
Nächster Artikel
Mehr zum Artikel
Einer von hier: Uwe Ellger
Uwe Ellger hat die Welt gesehen. Der ehemalige Tierarzt aus Caldern ist von München nach Singapur geradelt.

Ganze 21 Länder in 365 Tagen. Uwe Ellger radelte gemeinsam mit seiner Partnerin von München nach Singapur. Das ist nur eine von zahllosen Reisen, von denen der 62-Jährige berichten kann. Auf seiner Reise durch das Leben hat er auch Caldern gestreift.

Kostenpflichtiger Inhalt mehr