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Eine(r) von hier "Marburg ist immer noch in mir"
Landkreis Eine(r) von hier "Marburg ist immer noch in mir"
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12:27 15.07.2010
Joachim Friedmann wuchs in Marburg auf. Heute lebt und arbeitet der Drehbuchautor in Berlin. Quelle: Privatfoto

Berlin. Wenn man es genau nimmt, begann Joachim Friedmanns Karriere an der Richtsberg-Gesamtschule in Marburg. Dort entdeckte er gemeinsam mit Henk Wyniger in der sechsten Klasse seine Leidenschaft für Comics. Und Comics lesen war den beiden nicht genug, sie machten selbst welche. Wyniger die Bilder, Friedmann die Texte.
„Da war eine Menge Multitasking nötig“, erzählt Drehbuchautor Friedmann lachend. Denn Comics gehörten natürlich nicht zum offiziellen Unterrichtsstoff der sechsten Klasse. Unter der Bank zeichnen und texten, sich nebenbei unterhalten und trotzdem wissen, was im Unterricht gerade gesagt wurde, das verlangte dem heute 43-Jährigen schon einiges an Koordination ab.

Dass seine berufliche Laufbahn zum Schreiben führen würde, war ihm aber lange Zeit nicht so klar wie es heute scheint. „Ich dachte immer, ich lande im Musikgeschäft“, sagt Friedmann. Nach dem Abitur an der Adolf-Reichwein-Schule in Marburg und dem Zivildienst im Marburger Kulturladen KFZ studierte er zuerst in Marburg und dann Kulturwissenschaften in Hildesheim. „Bis 1995 war ich aber noch oft in Marburg, weil ich Konzertreihen veranstaltet habe“, erinnert sich Friedmann. Die rocklastige Gitarren-Reihe „Sound of Independence“ geht auf sein Konto. In dieser Zeit war er sogar für sechs Monate Rockbeauftragter der Stadt Marburg. Insgesamt habe er etwa 500 Konzerte veranstaltet, schätzt Friedmann, davon etwa ein Viertel in Marburg. Der Schwerpunkt lag aber auf Berliner Bands, und deshalb zog der Sohn eines Deutschlektors, der seine frühe Kindheit auf der Insel Hokkaido verbrachte, nach Berlin. Drei oder vier Jahre habe er von der Konzertagentur gelebt, aber dann ging die Reise in eine andere Richtung.
Nicht ohne Stolz erzählt Friedmann, dass er bis heute der einzige deutsche Disney-Autor ist. Zwischen 1997 und 2003 schrieb der fünf Donald Duck Comics. Und dass das gelang, lag wiederum an der erfolgreichen Zusammenarbeit mit dem Zeichner Henk Wyniger. Ihr gemeinsamer preisgekrönter Comic „Seite 756“ öffnete ihnen die Tür zum renommierten Carlsen Verlag. Von dort ging es in zwei Richtungen weiter: zu Disney und zur „Lindenstraße“. Denn Friedmann schrieb 1997 zwei Comics für die älteste deutsche Soap, die „Lindenstraße“.
Ein Missverständnis ebnete ihm letztlich den Weg ins Autorenteam. Ein Comic war wohl etwas zu frech geraten, weshalb Friedmann zum Gespräch mit Lindenstraßen-Erfinder Hans W. Geißendörfer gebeten wurde. Der hatte in Friedmanns Heimatstadt Marburg studiert und so war schnell ein gemeinsames Thema gefunden. In der Folge schrieb Friedmann die Drehbücher für 52 Lindenstraßen-Folgen.
Auch wenn er seit 2001 nicht mehr zum Autorenteam der Lindenstraße gehört, hat die Serie sein Leben doch nachhaltig verändert. Friedmann heiratete eine wichtige Darstellerin der Lindenstraße, Sybille Waury (Tanja Schildknecht, seit Folge 2 dabei) Das Paar hat zwei Töchter im Alter von 6 und 11 Jahren.
Heute arbeitet der Wahl-Berliner Friedmann als Drehbuchautor unter anderem für „Gute Zeiten, schlechte Zeiten“ (GZSZ, RTL) und die ARD-Krankenhausserie „In aller Freundschaft“.
Wer gerne Krankenhausserien anschaut, kennt Friedmanns Drehbücher auch schon aus der Serie „Für alle Fälle Stefanie“. Was unterscheidet Serien von anderen Drehbüchern? „Bei Serienautoren sind analytische Fähigkeiten sehr gefragt“, erklärt Friedmann. Jedes Format habe einen eigenen Erzählton, den man als Autor treffen muss. Fernsehen gehört dabei zum Beruf, denn nur, wenn man die Figuren und ihre Verhaltensweisen kennt, kann man in eine Serie einsteigen.
Mit anderen Worten: Die Figuren dürfen ihren Charakter nicht plötzlich ändern, wenn ein anderer Autor schreibt. Helga Beimer muss Helga Beimer bleiben, auch wenn ein anderer Autor die Folge schreibt.
Diese Fähigkeiten vermittelt Friedmann auch als Dozent an den Hochschulen in Potsdam (Hochschule für Film und Fernsehen) und Hildesheim.
Wer Drehbücher fürs Fernsehen schreibt, ist anders als ein Buchautor Teil eines großen Teams. Unter hohem Druck sehr kreativ sein, das sei eine der wichtigsten Fähigkeiten, die ein Serienautor mitbringen müsse, sagt Friedmann.
In Marburg war der 43-Jährige seit zehn Jahren nicht mehr, seit sein Vater starb. „Aber Marburg ist immer noch in mir“, sagt er und versucht dabei, nicht sentimental zu werden. Schließlich hat er in Marburg die gesamte Schulzeit und Jugend verbracht.
In Berlin sei er ständig mit Marburgern zusammen; erst kürzlich habe ein Freund ein Restaurant mit hessischen Spezialitäten in Berlin eröffnet.
Bodenständigkeit gepaart mit humanistischem Geist, die Idylle der Altstadt, die Mittelgebirge rund um die beschauliche Universitätsstadt, all das vermisse er schon ab und an in der Hektik der Großstadt und sagt in Anlehnung an Thomas Mann: „Berlin ist meine Heimat, aber wo ich bin, ist Marburg.“

von Gabriele Neumann

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