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Langhaarträger mit Blockflöten-Charme

Einer von hier Langhaarträger mit Blockflöten-Charme

Sein größter Fan ist noch ganz klein, sein neuester Fan schon grauhaarig. Tobias Exxel, Bassist der Metalband Edguy weiß, wie er die Menschen für sich begeistern kann.

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Marburg. Sein neuester Fan hat graues Haar, kleine Fältchen um die Augen und würde wohl eher in die Kategorie „Hansi Hinterseer-Hörer“ passen, als in die Metal-Schiene. Mitte 70 ist die Dame, aus deren alter Musikanlage neuerdings harte Gitarrenriffs statt Schunkelmusik klingt. Nachbarschaftsstreit ist vorprogrammiert. Könnte man denken. Stattdessen: Harmonie im hessischen Schwalmstadt. Denn die alte Dame wohnt Tür an Tür mit Tobias Exxel. Bassist der Metal-Band Edguy. Die Band, von deren Musik-Qualität der 39-Jährige seine Nachbarin gerade erst überzeugt hat. Wie? Mit einer extra Portion Charme und ein paar Probe-CDs.

Konzerte in aller Welt

Tobias Exxel sieht aus, wie der Prototyp eines Metal-Musikers. Lange Haare, Lederarmband, ein auffälliges Medaillon um den Hals. Die obligatorische Lederjacke - speckig, getragen, einfach ein Teil von ihm. Er ist einer von der ganz dunklen Seite. Ganz klar.Die Vorurteile lassen grüßen. Einer, der zum morgendlichen Interviewtermin überpünktlich erscheint. Verdächtig ausgeschlafen aussieht für einen Star der Metalszene.

Latte Macciato und eine Biolimonade bestellt. Unaufgeregt den Milchschaum löffelt und zu erzählen beginnt.Von einem Leben als Musiker. Einem Leben aus dem Koffer. Einem Leben, in denen er mit den Größen des Musikgeschäfts wie Deep Purple oder Aerosmith auf der Bühne steht und in dem sein Zweijährger Sohn Julian sein größtes Vorbild ist. In dem er 80 Konzerte pro Jahr auf allen Kontinenten der Welt spielt und in dem seiner hessischen Heimat Dreh- und Angelpunkt bleibt.

Gerade erst liegt ein kräftezehrender Festivalsommer hinter ihm. Immer wieder die gleichen Abläufe. Koffer packen, anreisen, spielen. Je lauter desto besser. Die Mitglieder von Edguy stehen nicht unbedingt für leise Klänge. Ihre Texte schreien sie dem Publikum entgegen. Soll ja schließlich jeder hören, was sie zu sagen haben.

Beim Interview, da schlägt Tobias Exxel eher leise Töne an. Wie ein Traum sei sein Leben gerade, erklärt er, während er den Keks in den Milchschaum stubst. Viele Orte habe er bereisen, viele Menschen kennenlernen, viele Gänsehautmomente sammeln dürfen. Das alles wäre mit seinem Plan A, der irgendwie nie so recht Plan A war, nicht möglich gewesen. Dann hätte er seinen Uni-Abschluss als Elektrotechniker gemacht. 40-Stunden-Woche, 30 Tage Urlaub im Jahr. Niemals aber einen Kurzhaarschnitt. Das ist einfach Teil seiner Lebenseinstellung. Ob nun mit Musikerkarriere oder ohne.

Schwere Abschiede auf Zeit

Aber Plan A ist Vergangenheit. Zumindest seit er sich vor 15 Jahren seinen festen Platz in der Band Edguy erspielte. Seitdem steht der 39-Jährige vor bis zu 80000 Menschen auf der Bühne. Zuletzt in Wacken - dem wohl größten Metalfestival der Welt. Das Publikum könnte unterschiedlicher kaum sein. Ganz junge. Solche, die das Radiogedudel erst hinter sich gelassen haben und die breitgefächerte Musikwelt für sich entdecken. Und solche, die die Band schon seit Jahren begleit. Mit ihr älter geworden sind. Ein bisschen reifer vielleicht auch?

Tobias Exxel zögert. Reifer - das ist so ein abgedroschenes Wort. Mag er nicht. „Bei neuen Projekten hat man eine Idee und die setzt man um. Man folgt dabei einfach seinem Herzen.“ Erfahrung, das ist es, was das Leben als Geschenk bereit hält. Eine ganz neue Erfahrung für dem 39-Jährigen ist die Vaterrolle: „Die Abschiede, wenn ich auf Tour gehe, werden gerade immer schwerer für mich und meinen Sohn. Er versteht, was es bedeutet, wenn ich meine Koffer packe.“

Das aufregende Leben als Musiker, es ist manchmal gar nicht so aufregend. So eine Tour besteht hauptsächlich aus Warten. Warten auf die nächste Probe, warten auf Konzertbeginn, warten auf den Bus. Die Zeit, die es zu überbrücken gilt, nutzt Tobias Exxel häufig, um Musik zu hören. Manchmal sogar noch mit einem alten Discman. „Ich glaube, dass sich die Musikrichtung, die man später hört, in der frühen Jugend festsetzt“, ist sich der Metal-Fan sicher. Ausnahmen bestätigen glücklicherweise die Regel. Denn mit einem Grinsen im Gesicht erinnert er sich an seine erste Band.

Blockflöte und Bubischnitt statt Langhaarfrisur und Bass. Eine Vergangenheit, auf die Exxel stolz ist. Denn sie hat ihn zu dem gemacht, was er jetzt ist: Ein Vollblutmusiker. Einer, der mit seinem Blockflötenspieler-Charme ältere Damen begeistern kann. So wie seine Nachbarin. Sie ist seiner Lausbubenart verfallen - auch ohne Blockflöte. Hansi Hinterseer hat einen Fan verloren, die Metalszene ist um einen grauen Haarschopf reicher.

von Marie Lisa Schulz

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