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Kochen, wo andere Urlaub machen

Einer von hier Kochen, wo andere Urlaub machen

6.000 Passagiere, 1.000 Crew-Mitglieder und alle wollen eines: Essen. Möglichst lecker und ausgefallen. Der Steffenberger Ivo Jahn behält als Küchenchef auf den größten Kreuzfahrtschiffen der Welt den Überblick.

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Miami. Ivo Jahn ist ein heimatloser. Oder einer, dessen Heimat schlichtweg in der ganzen Welt liegt. Das weiß er manchmal selbst nicht so genau. Zeit, um darüber nachzudenken, hat er ohnehin wenig. Denn Ivo Jahn ist Chefkoch auf den größten Kreuzfahrtschiffen der Welt. Die Hälfte des Jahres schippert er von einem Urlaubsparadies zum nächsten. Die andere Hälfte des Jahres verbringt er mit Vorbereitungen auf den nächsten Arbeitseinsatz oder mit Privatreisen. Denn der Reisehunger des Übersee-Kochs ist auch nach zehn Jahren noch lange nicht gestillt.

Eine halbe Million Euro als Essens-Budget

„Wenn man auf dem Schiff kocht, ist man da, um zu Arbeiten“, erklärt der gebürtige Steffenberger. Da bleibt kaum Zeit, für lange Hafenspaziergänge. „Hat man 25 Mal am selben Ort angelegt, wird man effizienter. Ich weiß mittlerweile, in welchem Café der Kaffee am besten schmeckt.“ Zeit, Anlegeorte neu zu entdeckten, hat Ivo Jahn ohnehin nicht mehr. Denn mit den Jahren an Bord der größten Kreuzfahrtschiffe der Welt stieg auch die Verantwortung. Die Idee, die ich anfangs vom Schiffskoch-Dasein hatte, war romantischer“, gesteht der 42-Jährige.

Aber das Kochen und Planen für Tausende Kreuzfahrtschiffgäste sowie die Versorgung der 2200-Mitglieder starken Crew, haben nur noch wenig mit Romantik zu tun. Eher mit Logistik. Wenn der Meister-Chefkoch Einkaufslisten schreibt, bewegen sich die Mengenangaben fast ausschließlich im drei- bis vierstelligen Kilobereich. „Die Kunst ist es, immer genug - aber nicht zu viel an Bord zu haben. Manchmal muss man aber am Ende der Reise feststellen, dass noch 150 Kilo Erdbeeren übrig sind. Die müssen dann schnell verarbeitet werden.“ Kreativität ist dann gefragt. Abweichen vom detailgenau ausgearbeiteten Ursprungs-plan. „Für sieben Tage steht mir häufig ein Budget von 500.000 Euro zur Verfügung“, macht Jahn die Dimensionen deutlich.

Als deutscher Koch auf einem Kreuzfahrtschiff ist Ivo Jahn eher eine Ausnahme. Gearbeitet wird in einem multikulturellen Team. „Am Anfang mussten wir uns alle an unsere unterschiedlichen Mentalitäten gewöhnen. Mittlerweile ist das aber normal“, erklärt Jahn im amerikanischen Sing-Sang. Nach Monaten enger Zusammenarbeit mit einer internationalen Crew fällt es ihm schwer, die deutschen Wörter ohne die typisch amerikanische Betonung auszusprechen. Ivo Jahn weiß auch: Bei so vielen Nationalitäten immer den richtigen Ton und auch kulinarisch den richtigen Geschmack zu treffen, ist eine Herausforderung. Also kocht er manchmal einfach das, was er selbst am liebsten mag. Gute, hessische Küche. Deftig, würzig und ein bisschen wie zu Hause bei Muttern. Mit dem Essen kann er sich eben doch ein bisschen Heimat mit an Bord holen.

Manchmal, da zieht es den Weltenbummler zurück nach Hessen. Zu seiner Familie und zu seinen Freunden von früher. Dann packt er seine Koffer, reist nach Steffenberg. Tauscht Palmen gegen Laubwald, Stress und Trubel gegen Erholung. Und dann wartet er nur auf die Frage seiner Mutter: „Junge, was willst du heute essen?“ „Kartoffelpuffer“, sagt er dann. Einfach. Schlicht. Einfach gut. Im Landkreis ist er aufgewachsen, zur Schule gegangen, hat hier seine Ausbildung zum Koch gemacht. Im Marburger Restaurant „Alter Ritter“ hat er als 26-jähriger Küchenchef erste Erfahrungen sammeln können. Seine erste höhere Anstellung, nachdem er seinen Meister in Frankfurt absolviert hatte. Und schon damals träumte er davon, die Welt zu bereisen. Auch kulinarisch.

Neuer Job zieht Jahn wieder nach Deutschland

Doch nach zehn Jahren Nomadenleben auf Kreuzfahrtschiffen wie der Oasis, der Allure und der Independance will Jahn einen Schlussstrich ziehen. Zumindest fast. „Nach so langer Zeit auf See ist es eigentlich genug. Die letzten zehn Jahre haben mich als Mensch und Manager geprägt. Aber die Entscheidung, vom Schiff herunterzugehen und vielleicht doch mal eine Familie zu gründen, ist richtig.“ Denn Freundschaften pflegen, in einer Partnerschaft leben - alles nicht unproblematisch bei solch einem Arbeitspensum. Der neue Lebensabschnitt soll mehr Konstanz und festen Boden unter den Füßen mit sich bringen. Denn Jahn wird in Zukunft die Küchen und deren Ausstattung auf den neuen Kreuzfahrtschiffen der Firma Royal Caribbean International mitgestalten. Seine Erfahrung und sein Wissen als Chefkoch sollen die Planungen künftiger Ozeanriesen erleichtern. Sein neuer Arbeitsplatz: ein kleines Büro in Miami. Und manchmal auch eines in Deutschland. Schließlich werden die Schiffe in der Meyer Werft in Papenburg gebaut. Während er von seinem neuen Leben als Landratte erzählt, blickt er aus dem Fenster seines Büros. Es regnet. Mal wieder. Die Schönwettergarantie musste Jahn mit der Unterzeichnung seines neuen Arbeitsvertrages abgeben. Einen Preis, den er gerne zahlt.

von Marie Lisa Schulz

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