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Landkreis Die Brühwürstchen der Toleranz
Landkreis Die Brühwürstchen der Toleranz
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20:18 01.11.2010
Ein ziemlich bunter Haufen ist der SV Niederklein, der in der Kreisliga B Marburg I spielt. Quelle: Michael Hoffstetter

Niederklein. Es ist Donnerstagabend im Vereinsheim des SV Niederklein. Draußen ist es längst dunkel und schruppig-kalt. Drinnen läuft gerade die Heizung warm, die ersten Spieler trudeln ein. Ein gutes Dutzend setzt sich um einen Holztisch, Typ rustikal, andere auf die Barhocker an der Theke.

An der Wand ist ein Fernseher montiert. Es läuft – natürlich – Fußball, Europapokal. Kaum jemand sieht hin. Die Spieler sind noch mit der letzten eigenen Partie beschäftigt, mit der zurückliegenden Trainingseinheit, mit dem Öffnen von Flaschen.

Es ist Donnerstagabend in Niederklein. Der Abend der wöchentlichen Mannschaftssitzung. Eigentlich müssten sie gar nicht kommen nach dem Training, es ist freiwillig, aber sie kommen. Besonders gerne nach Siegen, denn bei der Mannschaftssitzung verteilt Trainer Sevket Cetincelik Noten für die Leistung. Da gibt es dann auch mal einen lockeren Spruch.

Ein, zwei Spieler haben den Auftrag, für Essen zu sorgen. Jede Woche sind andere an der Reihe. An diesem Donnerstag kocht Manuel Clasani. Es gibt Würstchen und Kartoffelsalat. „Ohne Speck“, sagt Clasani. Aus Rücksicht auf die muslimischen Teamkollegen, schließlich ist der SV Niederklein mit seinen Spielern aus der Türkei, aus Russland, Polen, Italien, Portugal, Syrien und Deutschland eine echte Multi-Kulti-Truppe.

Deshalb landen auch nicht nur Brühwürstchen aus Schweinefleisch, sondern auch Rindswürste auf den Tellern. „Die habe ich in getrennten Töpfen warm gemacht“, sagt Manuel Clasani. „Man lernt viel voneinander, auch religiöse Sachen.“

Zum Beispiel, warum muslimische Mitspieler in Unterhosen unter die Dusche gehen. Oder warum die Würste in verschiedenen Töpfen zubereitet werden müssen. Die Würstchen der Toleranz sozusagen.

Enorm hilfreich im täglichen Vereinsleben ist Trainer Sevket Cetincelik, deutscher Staatsbürger mit deutscher Freundin, zweisprachig, Moslem. „Ich trinke auch mal ein Bier, esse aber kein Schweinefleisch“, sagt der 44-Jährige, der im Türkei-Heimaturlaub seiner Eltern geboren wurde, seitdem aber in Deutschland lebt.

Trotzdem: Spricht Cetincelik von seinen türkischen oder türkischstämmigen Spielern, nennt er sie „meine Landsleute“. Denn für ihn steht fest: „Wir werden hier immer Ausländer sein.“ Allein schon wegen des Aussehens. Bedauern schwingt in der Aussage aber nicht mit.

Denn für „Scheffi“ kommt es auf den Umgang miteinander an, egal ob Deutscher oder Ausländer. „Am wichtigsten ist, dass du was von denen lernst und die was von dir“, bringt er es auf den Punkt. Das sei nur möglich, wenn beide Seiten aufeinander zugehen würden.

von Holger Schmidt

Mehr zu diesem Thema lesen Sie am Dienstag in der Printausgabe der OP.

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