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Landkreis "Dialyse ist für mich Mittel zum Leben"
Landkreis "Dialyse ist für mich Mittel zum Leben"
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16:29 26.08.2013
Dick wie ein Streichholz waren die Nadeln, die sich Birgit Priester jahrelang selbst stechen musste.Foto: Marie Lisa Schulz
Marburg

Als ihre Freunde zur Tanzstunde gingen, sich zum ersten Mal verliebten und heimlich das erste Bier tranken, saß sie allein zu Hause. Mit streichholzdicken Nadeln im Arm und unstillbarem Durst. Durst nach Leben, Durst nach Flüssigkeit. Beides durfte sie nur in geringer Dosis zu sich nehmen. Denn Birgit Priester war und ist schwer krank. Nierenleiden. Schon seit frühester Kindheit.

Ihrer Mutter wurde geraten, für den frühen Tod ihrer einzigen Tochter zu beten. Doch die kleine Birgit lachte der Krankheit nur ins Gesicht. Frech. Trotzig. Mutig. Seit fast 40 Jahren muss Birgit Priester nun zur Dialyse. Jeden Milliliter Flüssigkeit, den sie durch Nahrung oder Trinken aufnimmt, muss sie mit Hilfe der Dialysegeräte wieder loswerden.

Dreimal pro Woche. Fünf Stunden pro Besuch. „Die Dialyse war für mich Mittel zum Leben“, sagt Birgit Priester nachdenklich. Sie hadert nicht mit ihrem Schicksal. Für solche Gedanken hat sie keine Zeit. Und manchmal auch keine Kraft. „Mein Leben ist gewollt. So lange es mir geschenkt wird, werde ich es leben“, sagt sie entschlossen. Die Krankheit hat ihre Knochen weich gemacht. Sie tragen ihr Gewicht schon lange nicht mehr. Knochenbrüche. Ein eingeklemmter Sehnerv. Schmerzen. Birgit Priester ist auf den Rollstuhl angewiesen. Und auf Hilfe. Jeden Tag. Sie freut sich über die Gesellschaft. Über die Gespräche.

Über Erzählungen aus einem Leben, an dem sie bis vor einigen Jahren noch aktiv teilnehmen konnte. Ihre Krankheit hat sie nie gebremst. Der Rollstuhl schon. Er zeigt ihr Grenzen auf. Und die beginnen schon im Hausflur. An der Stufe, die zu ihrer Wohnung führt. „Grenzen will ich mir selbst setzen. Ich will sie nicht aufgezwungen bekommen“, sagt sie. Erst seit einigen Monaten beginnt Priester, die Bedeutung dieser „auferlegten Grenze“ zu verstehen. Bis vor wenigen Jahren noch war das Wörtchen „Grenze“ nur ein leerer Begriff. Eine Worthülse. Etwas, was sie in ihrem Leben schlichtweg nicht akzeptierte. Sie hat ihr Abitur gemacht. Trotz zahlloser Fehltage, die sie an der Dialyse statt im Klassenraum verbrachte. Ist ausgezogen. Hat in Marburg evangelische Theologie studiert. Später am Uniklinikum in der Seelsorge gearbeitet. Sie hat schwerkranke Menschen begleitet, Angehörigen zugehört, sich der Sorgen, Ängste und Hoffnungen anderer Menschen angenommen. Ihr eigenes Schicksal hat sie in den Hintergrund gestellt.

Wieso klagen? Sie hat das Recht zu leben. Und das nutzt sie. Mit Reisen, Freundschaften, einem Beruf, der ihr Halt gab, einer Familie, die sie stützt. „Als ich von der Krankenkasse gezwungen wurde in Rente zu gehen, hat mir etwas gefehlt“, sagt sie. Und zum ersten Mal schleicht sich so etwas wie Wehmut in ihr Gesicht. Sie atmet durch. Strafft die Schultern. Erzählt weiter. Von den vielen Malen, in denen ihr Leben am seidenen Faden hing. Von den vielen Menschen, die sie auf ihrem Weg begleitet haben.

Die Kinderkrankenschwester beispielsweise, die ihr früh klarmachte, dass sie allein für ihre Gesundheit zuständig sei. Die ehrlich, offen und schonungslos mit ihr über die Krankheit sprach. Sie erzählt von dem jungen Mädchen, das sie immer wieder bei Klinikaufenthalten traf. Bis es irgendwann nicht mehr da war. Über ihre Zimmernachbarinnen in Kirchhain, mit denen sie seit Jahren die Dialysetermine durchsteht. Jeden Dienstag, Donnerstag und Samstagmorgen. „In so einem Zimmer entsteht eine feste Gemeinschaft. Wenn einer stirbt, dann haut das schon rein“, sagt Priester.

Heute lässt sie sich die Nadeln stechen. Als junges Mädchen musste sie das selbst übernehmen. Viermal pro Woche schloss sie sich in dieser Zeit selbst an ein Heimdialysegerät an. Acht Stunden pro Nacht. „Ich habe eineinhalb Stunden da gesessen, bis ich die Nadeln versenkt hatte. Die waren streichholzdick. Davor haben auch erwachsene Männer gezittert“, sagt sie. „Aber ich habe schnell erkannt, dass das meine Realität war. Ohne die konnte ich nicht leben.“ Seit knapp 40 Jahren an der Dialyse, seit knapp 40 Jahren Streit mit Krankenkassen. „Ich werde sauer, wenn der Mensch auf Wirtschaftlichkeit begrenzt wird. Dadurch will ich erst recht leben - auch wenn die Auseinandersetzungen Kraft kosten. Entweder man wird zum Kämpfer oder man gibt auf.“

„Was morgen kommt, das sehe ich dann“

Die Ziele, die sie sich gesteckt hat, hat sie erreicht. Im Eiltempo. Entschlossen. Unaufhaltbar. Nur eines hat sie nie gewagt. „Partnerschaften bin ich nie eingegangen. Ich habe mich in diesem Bereich sehr abgenabelt. Die Dialyse war mein Lebenspartner, mit dem ich meine regelmäßigen Verabredungen hatte.“ Es war eine Entscheidung, die sie getroffen hat. Eine Entscheidung, zu der sie steht. Auch heute noch. Auch wenn sie manchmal nachdenklich wird: „In dem Punkt habe ich geglaubt, was mir die anderen gesagt haben. Dass es nicht möglich ist.“

Dass es allerdings möglich ist, auch 40 Jahre in Folge der Krankheit mit Mut und Gelassenheit zu begegnen, das beweist sie jeden Tag. „Ich kann mir erlauben, nur im Hier und Heute zu leben. Was morgen kommt, das sehe ich dann. Ich rechne zwar mit Schlimmem. Aber ich glaube, dass mich nichts unterkriegen wird.“

Irgendwann mal in den 80ern hatte sie diese Zuversicht verloren. Da wollte sie dringend auf die Liste für ein Spenderorgan. „Aber ich habe Fracksausen vor diesem Schritt bekommen“, erinnert sie sich. „Die Dialyse war immer meine erste Wahl. Gleichwohl finde ich es wichtig, dass Menschen Organ-Spendeausweise mit sich herumtragen und sich informieren.

von Marie Lisa Schulz

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