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Er kennt die Streiche vor den Lehrern

Adolph-Diesterweg-Schule Er kennt die Streiche vor den Lehrern

Als der aus Russland stammende Ingenieur Viktor Schneider vor 19 Jahren die Hausmeisterstelle an der Adolph-Diesterweg-Schule in Weidenhausen übernahm, sollte er nicht ahnen, dass er sich einst keine andere Arbeit mehr würde vorstellen können.

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Mit Bohrmaschine, Schraubenzieher und Zange: Adolf Schneider sorgt an der Grundschule in Bad Endbach dafür, das alles in Schuss ist.

Quelle: Carina Becker

Weidenhausen . Das Schulgelände ist menschenleer. Die knapp 300 Grund- und Förderstufenschüler der Adolph-Diesterweg-Schule (ADS) in Weidenhausen genießen daheim oder auf Reisen ihre Ferien. Obwohl, so ganz menschenleer ist das Schulgelände nun doch nicht. Einer arbeitet, während sich die anderen in der Sonne aalen, baden oder Eis essen.

Hausmeister Viktor Schneider hat auch in den Ferien alle Hände voll zu tun. „Beurteile die Arbeit auf dem Reisfeld nie vom Fenster deines Schlafzimmers aus“, zitiert er ein chinesisches Sprichwort und erklärt: „Wer denkt, so eine Hausmeisterstelle sei eine gemütliche Sache, der irrt sich.“ Der 56-Jährige ist gerade dabei, die geleerten Mülltonnen wieder an ihren angestammten Platz zu bringen und die Klassenzimmer aufzuräumen.

Während der Ferien nimmt zwar auch Schneider eine Auszeit von der Arbeit. Bis es so weit ist, bleibt für den Hausmeister jedoch noch viel zu tun. Die Tage, in denen die Schule leersteht, will der fünffache Vater und siebenfache Großvater für die Dinge nutzen, zu denen er im Schulalltag nicht kommt. Die Bänke im Innenhof streichen, einen neuen Aktenschrank für die Schulleitung aufbauen, am Rasenmäher einen Ölwechsel vornehmen – die Liste der Aufgaben, die ihm Schulleiterin 
Roswitha Stahringer-Brandenstein hinterlassen hat, ist lang.

Schneider räumt, repariert, mäht und kehrt. Für Letzteres braucht der Hausmeister auf dem mehr als zwei Hektar großen Schulgelände, das dicht am Wald liegt, einen ganzen Tag. Jedoch erfährt er dann und wann schon mal eine Entlastung. „Die Kinder haben auf dem Schulhof selbst alles aufgeräumt und gekehrt“, sagt er und lächelt. Um das zu verstehen, muss man wissen, dass die Schüler ihren Hausmeister lieben – auch wenn Schneider das selbst nie so darstellen würde. Die Gesten der Jungen und Mädchen jedoch zeugen davon: „Sie haben Kuchen für mich gebacken am letzten Schultag, mir eine Rose geschenkt und Schokolade in Form von Werkzeug.“ Diese Zuneigung beruht auf Gegenseitigkeit. „Man muss selbst ein wenig Kind bleiben, dann versteht man sich auch gut mit den Kindern“, erklärt der frühere Ingenieur. Als er die Stelle an der ADS vor 19 Jahren übernahm, sei er „der unglücklichste Mensch der Welt“ gewesen. „Aber dann habe ich mir gesagt: Man kann aus allem etwas Gutes machen.“

Viktor Schneiders Verständnis für die Bedürfnisse und manchmal auch zweifelhaften Ideen junger Menschen, haben ihn zum Liebling der Kinder werden lassen. Er kennt die Streiche vor den Lehrern – und das ist auch gut so, denn der Hausmeister versteht es, die Jungen und Mädchen von allzu grobem Unfug abzubringen. „Was Kinder manchmal so für Einfälle haben“, sagt er und schüttelt den Kopf. „Wenn sie die Schlüssellöcher mit Dreck vollstopfen wollen, erkläre ich ihnen, dass sie damit vor allem mir Arbeit machen.“ Wenn solch schmutzige Streiche dann ausbleiben und stattdessen Dutzende von Schülern in einer Schlange und mit Megaphon quakend übers Gelände ziehen, dann könnte Schneider die Finger im Spiel gehabt haben. „Das Büro unserer Schulleiterin steht voll mit Froschfiguren“, erklärt der 56-Jährige verschmitzt den Hintergrund dieser Aktion.

Schneider hat in seinen 19 Jahren manchen Schüler kommen und gehen sehen. „Es ist einfach toll, mitzuerleben, wie die Kinder aufwachsen und dann später als Mütter oder Väter zu Besuch vorbeikommen.“ Er ist dichter dran an den Kindern als manch anderer Hausmeister, weil er sich zusätzlich zur eigentlichen Arbeit für sie engagiert. Schneider leitet zwei Arbeitsgruppen: die Reparatur- und Ideenwerkstatt sowie die Verschönerungs-AG. In dieser Funktion hat er gemeinsam mit den Kindern ein Spielgerät gebastelt, das der Renner an der Schule ist. Es handelt sich dabei um eine besondere Art von Kugelbahn. Sie befindet sich in einem Holzkasten, der an einen wuchtigen Schrank erinnert. Der Kasten ist mit einem fröhlich dreinschauenden Teddy bemalt. Augen, Nase und Mund des Bärens sind mit Öffnungen versehen.

„Das spielt man in Form eines Staffellaufs“, erklärt Schneider. Zwei Gruppen treten an. Gewinner sind die, die zuerst ihre fünf Spielbälle versenkt haben. Die Schwierigkeit dabei: Die Bälle, die auf der einen Seite im Teddy verschwinden, kommen kurz darauf auf der Seite der Gegenmannschaft wieder zum Vorschein.

„Das Spiel gefällt nicht nur den Kindern“, weiß Schneider, dessen Beruf auch interessante Erkenntnisse über Lehrer mit sich bringt: „Wenn sie am Teddy spielen und sich gegenseitig die Bälle abnehmen, dann erinnern sie mich schon etwas an die Kinder“, sagt er und grinst.

Als Hausmeister ist Schneider ein Beschäftigter des Landkreises Marburg-Biedenkopf. Denn der Kreis ist in seiner Funktion als Schulträger für alle Aufgaben der Bauunterhaltung und Schulausstattung zuständig – und damit auch für den Einsatz der Hausmeister. Für die Arbeiten an den 77 Schulstandorten in Marburg-Biedenkopf finanziert der Schulträger 50 Vollzeitstellen. Je nach Schulgröße erfüllen die Hausmeister Vollzeit- und Teilzeitjobs. An einigen Schulen sind sogar mehrere Hausmeister im Einsatz. So an der größten Schule im Landkreis, der Alfred-Wegener-Schule in Kirchhain, die über drei Hausmeister verfügt.

An den kleinsten Schulen, zu denen die Grundschule Bad Endbach gehört, werden ebenfalls „gute Geister“ benötigt. Auch an der Berglandschule sorgt ein Hausmeister namens Schneider für Ordnung und Sauberkeit. Es ist der 56-jährige Adolf Schneider, der die Arbeiten innerhalb eines Teilzeitjobs erledigt. An sechseinhalb Stunden in der Woche ist er an der Berglandschule im Einsatz. Dieser Arbeit geht er neben seiner Beschäftigung als Küster der evangelischen Kirchengemeinde Bad Endbach und Wommelshausen nach. Schneider kam vor neun Jahren aus Russland nach Deutschland. Früher war er als Bauarbeiter tätig. Heute sind an seiner Arbeitsstelle fast immer Kinder um ihn herum.

„Das ist gar nicht so einfach, den Rasen zu mähen, wenn die Jungen und Mädchen mich beim Fußballspielen dabei haben wollen“, erzählt er und schmunzelt.

von Carina Becker

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