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„Der Gipfel ist noch nicht ganz erreicht“

Interview mit Dr. Karsten McGovern „Der Gipfel ist noch nicht ganz erreicht“

Zum Auftakt ihrer Serie „Der Kreis macht Schule“ sprach die OP mit 
Schuldezernent Dr. 
Karsten McGovern über das Sonderinvestitionsprogramm und die 
Zukunft der heimischen Schulen.

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Der Overhead-Projektor gehört an den Schulen der Vergangenheit an. Moderne Beamer-Koffer sind nun dank Sonderinvestitionsprogramm im Einsatz. Schuldezernent Dr. Karsten McGovern führt einen von insgesamt 45 Koffern vor, die einen Beamer, ein Laptop und Lautsprecher-Boxen enthalten. Kostenpunkt: pro Stück etwa 2 000 Euro.

Quelle: Carina Becker

OP : Der Landkreis kann zurückblicken auf fast ein Jahr Sonderinvestitionsprogramm (SIP). Als wir im vergangenen Jahr zur etwa gleichen Zeit über dieses Thema gesprochen haben, türmte sich ein wahrer Berg von Arbeit vor der Kreisverwaltung auf. Hat der Schulträger den Gipfel des Berges nunmehr erreicht?

Dr. Karsten McGovern : Der Gipfel ist noch nicht ganz erreicht, aber wir sind schon kurz davor. Der Aufstieg ist auch nicht so steil, wie am Anfang vermutet. Wir haben alle Vorhaben mit Aufträgen hinterlegt ­– konkret bedeutet das, dass wir mehr als 1 000 Aufträge vergeben haben. Jetzt geht alles zügig voran. Die letzte Maßnahme werden wir 2011 abschließen ­– so, wie wir es geplant hatten. Viele Projekte sind bereits umgesetzt, und in den Sommermonaten und im Herbst wird sich noch einiges an den Schulen tun.

OP : Wie haben Sie den enormen zusätzlichen Arbeitsaufwand geschultert, den die Sonderinvestitionen von 32,4 Millionen Euro mit sich brachten?

McGovern : Das ist nur gelungen, weil wir eine besondere Struktur aufgebaut haben. Wir hatten in der Steuerung die Unterstützung eines Projektbüros. Für die Arbeiten an den zehn größten Schulen haben wir Liegenschaftsarchitekten eingesetzt, die zugleich für die Bauleitung zuständig sind. Sie alle kommen aus der Region. Gemeinsam mit unserem technischen Gebäudemanagement haben sie unsere Pläne für die Schulen umgesetzt. Das war eine sehr gute, effiziente Lösung. Denn am Ende gilt auch, welcher Aufwand in der Umsetzung des Sonderinvestitionsprogramms betrieben werde musste. Und ich glaube, dass wir schnell, gut und wirtschaftlich gearbeitet haben. 32,4 Millionen Euro stehen zur Verfügung, 32,4 Millionen Euro werden wir am Ende verbaut haben.

OP : Was ist aus den 6,5 Millionen Euro für Schulausstattung geworden, von denen alle 77 heimischen Schulstandorte profitieren sollten?

McGovern : Die speziellen Mittel für Ausstattung haben zur Verbesserung des Lernumfelds an allen Schulen des Landkreises beigetragen. Das Geld ist in die EDV-Ausstattung von Schulen geflossen, diente der Optimierung von Räumen, etwa durch neuen Lärmschutz oder durch bessere Fachraumausstattung.

OP : Und wie liefen die Arbeiten an den Schulen? Bei so umfangreichen Bauprojekten, wie die Sonderinvestitionen sie mit sich brachten, gab es doch sicher viele Schwierigkeiten.

McGovern : Das war schon eine Mammutaufgabe – und dabei bleiben schwierige Situationen natürlich nicht aus. An der Berufsschule in Biedenkopf beispielsweise wollten wir eigentlich in vier Gebäuden Verbesserungen vornehmen. Am Ende mussten wir die Arbeiten im Wesentlichen auf zwei Gebäude reduzieren, weil sich im Vollzug so viele Probleme in der Bausubstanz ergaben, etwa in der Schadstoffentfernung und in der Betonsanierung. Das hat uns im Zeitplan sehr zurückgeworfen und uns gezeigt, wo weitere Arbeiten auf uns warten.

OP : Wie viel haben die Sonderinvestitionen in Höhe von 32,4 Millionen Euro insgesamt gebracht?

McGovern : Sie waren ein guter Startschuss dafür, unsere künftige Strategie für die Schulen angehen zu können. Unser Ziel ist es, die Schulen und die Gebäude fit zu machen für die Zukunft. Es gibt einen großen Bedarf in der technischen Ausstattung von Schulen, in der Elektrik, im Lärmschutz, im Brandschutz und vor allem in der energetischen Sanierung. Da ist viel zu machen. Und wir wollen das nachhaltig angehen. Das SIP hat uns in die Lage versetzt, an den zehn größten Schulen schon einiges aufholen zu können.

OP : Wenn Sie die 32,4 Millionen Euro quasi als gute Anschubfinanzierung beschreiben, wie viel bleibt dann insgesamt noch zu tun?

McGovern : Wir haben in den nächsten 10 bis 15 Jahren einen Bedarf in Sachen Unterhaltung und Optimierung an den heimischen Schulen, der liegt weit oberhalb von 200 Millionen Euro. Und das, obwohl der Landkreis in den zurückliegenden Jahren stets gut in seine Schulen investiert hat. Wir haben aber vor allem investiert in die Optimierung von Ausstattung, in Neubau und in Anbau. Der Substanzerhalt ist dabei etwas unter die Räder geraten. Und da müssen wir jetzt wirklich ran. Wir müssen in den nächsten zehn Jahren eine sehr konzentrierte Sanierungsarbeit leisten, um die Gebäude weiterhin sicher zu halten. Wir haben eine genaue Vorstellung davon, was an allen Schulen passieren muss in den nächsten Jahren. Dazu wird es einen Plan geben, der dann auch vom Kreistag zu beschließen ist. Im Herbst werden wir die Planung vorstellen.

OP : Ist das eine Art Verpflichtungsermächtigung, durch die Sie sich bereits auf zukünftige Investitionen in Schule festlegen wollen?

McGovern : Es ist eine Planung, die eine hohe Verbindlichkeit hat – sofern der Kreistag sie beschließt. Wir haben nur eine begrenzte Menge Geld, die wir investieren können, und das wird auch in den kommenden Jahren so sein, das liegt an den finanziellen Rahmenbedingungen des Landkreises. Dieses Geld müssen wir für Sanierung und Optimierung an unseren Schulen in Marburg-Biedenkopf ausgeben. Und wir dürfen uns dabei nicht verzetteln. Es ist nämlich besser, an einer Stelle grundsätzliche Verbesserungen vorzunehmen, anstatt überall zu flicken. In der Vergangenheit haben wir häufig so gehandelt: Es brennt irgendwo und wir müssen löschen. Besser ist es aber so: Wenn es an verschiedenen Schulen energetischen Sanierungsbedarf gibt, Brandschutzprobleme bestehen und das Lernumfeld insgesamt verbessert werden muss, dann sollten wir nicht überall an allen Schulen gleichzeitig versuchen, irgendetwas davon zu machen, sondern wir sollten die Probleme Schule für Schule abarbeiten – nach einem konkreten Prioritätenplan.

OP : Das bedeut et wohl, dass die Schulen auch weiterhin einen der größten Posten im Kreishaushalt darstellen werden. Wie sieht Ihre langfristige Strategie aus, die Sie bei den Investitionen in Schule verfolgen – gerade im Hinblick auf die sinkenden Schülerzahlen und die sich dramatisch verschlechternde Finanzausstattung des Schulträgers?

McGovern : Wir werden als Schulträger nicht jeden Gebäudebestand uneingeschränkt erhalten können. Gerade wenn die Schülerzahlen sinken, heißt das, dass Gebäude oder Gebäudeteile nicht mehr benötigt werden. Wenn das möglich ist, werden wir sie dann einer anderen Nutzung zuführen oder stilllegen. Derzeit ist der Rückgang der Schülerzahlen noch nicht so stark, dass wirklich ganze Gebäude leerstehen.

OP : Aber diese Zeit wird wahrscheinlich kommen. Und der Schulträger wird auf die veränderten demografischen und finanziellen Verhältnisse reagieren müssen – auch, wenn Schulen fraglos zu den heiligen Kühen gehören, an die sich Politik nur ungern heranwagt. Der Regierungspräsident hat Sie ja bereits aufgefordert, Ihre Schulflächen zu reduzieren. Wie lange will oder kann sich der Landkreis noch den Erhalt von mehr als 500 Schulgebäuden leisten?

McGovern : Es geht nicht nur um die Frage, wie viel wir uns leisten können, sondern auch darum, wie wir möglichst gute Bildungsbedingungen für die Kinder schaffen. Das Ziel, Gebäude effizient zu bewirtschaften, muss in keinem Gegensatz dazu stehen. Es kann gelingen, eine gute Schulqualität an weniger Standorten als jetzt zu bieten. Denn es wird nicht alles möglich sein. Es ist zwar schön, wenn die Kinder zu Fuß zur Schule gehen können. Aber Eltern wissen, dass daneben auch noch die Qualität des Schulangebots wichtig ist. Das Argument, dass in einem Dorf einfach eine Schule sein muss, kann jedenfalls nicht gelten. Und solche Diskussionen laufen teilweise schon. Es gibt Ortsvorsteher, die geben prophylaktisch Unterschriftenlisten gegen eine mögliche Schließung der Schule bei mir ab.

OP : Wie lange werden wir noch über 77 Schulstandorte in Marburg-Biedenkopf sprechen?

McGovern : Ich kann jetzt keine konkrete Zahl nennen, aber ich gehe davon aus, dass wir in 20 Jahren nicht mehr über 77 Schulstandorte reden. Es gilt: Kein Neubau mehr, wenn nicht gleichzeitig etwas wegfällt. Daran ist aber nicht nur der Landkreis beteiligt, sondern auch das Land Hessen. Und vieles hängt auch davon ab, wie sich Schule entwickelt und welche Schulformen in der Zukunft noch gefragt sind.

OP : Ist in den kommenden Jahren gleichwohl noch mit einer Vergrößerung einzelner Schulen im Landkreis zu rechnen?

McGovern : Der Kreistag wird mit der Frage konfrontiert sein, ob es notwendig ist, eine klare Linie zu ziehen und zu sagen: Kein Neubau mehr, weil wir es uns nicht leisten können, zusätzliche Flächen anzuhäufen, für die wir dann auch die Betiebskosten tragen müssen.

OP : Planen Sie aktuell noch Neubauten an heimischen Schulen?

McGovern : Derzeit bauen wir in Niederwalgern neu, und für die Alfred-Wegener-Schule in Kirchhain ist einen Neubau geplant für sechs Klassenzimmer. Mit diesen Neubauten ersetzen wir Altbauten, die wegfallen, wenn die Schülerzahlen sinken. An der Gesamtschule Heskem führen wir Gespräche darüber, was notwendig ist, weil es auch dort eine Spitze gibt, die wir abfedern müssen. Ein gewisser Altbestand wird in Heskem künftig nicht mehr zur Verfügung stehen. Dabei geht es vor allem um Container. An manchen Schulen haben wir welche, die wir durch Gebäude ersetzen wollen, wenn die Schülerzahlen langfristig stabil bleiben.

OP : Das klingt jetzt eher nach Platznot an den Schulen als nach überflüssigen Räumen.

McGovern : Es gibt in Heskem den Bedarf nach mehr Platz. Es gibt aber auch Schulen, an denen wir zu viel Platz haben, beispielsweise in Wallau oder an der Grundschule in Lixfeld.

OP : Noch mal zurück zu den Konjunkturpaketen: Sie haben schon öfter darauf hingewiesen, dass die Sonderinvestitionen gewissermaßen Segen und Fluch zugleich sind für den Landkreis. Welche Auswirkungen haben Sie auf den Kreishaushalt?

McGovern : Auf der einen Seite sind wir froh über die Sonderinvestitionen, auf der anderen bedeuten sie für uns auch eine große Belastung. Denn der Landkreis kommt dafür zu einem erheblichen Teil selbst auf.

OP : Wie kann das sein, wo es sich doch um Konjunkturpakete von Bund und Land handelt?

McGovern : Das liegt daran, dass der Bund eine Quote festgelegt hat, die der Landkreis bezahlen muss. Wir bekommen das Geld vom Bund und müssen 25 Prozent selbst übernehmen von den 12 Millionen, die wir für energetische Sanierung erhalten. Bei den Landesmitteln, also bei dem gesamten Rest zu den 32,4 Millionen Euro, ist es so: Der Kreis zahlt die Zinsen und zudem ein Sechstel der Tilgungssumme. Das macht eine jährliche Summe von rund einer Millionen Euro aus, die der Landkreis in den kommenden 30 Jahren wird aufbringen müssen. Deshalb müsste man eigentlich von einem Konjunkturprogramm des Landkreises mit Beteiligung des Landes sprechen. Mit diesem Prozedere sind wir nicht glücklich.

OP : Wie hätte es besser laufen können?

McGovern : Das Land hätte den Landkreis in die Lage versetzen können, das Geld selbst aufzunehmen. Dann hätten wir die Kredite nämlich auch erst in Anspruch genommen, wenn wir sie brauchen. So mussten wir zum Teil Geld abrufen, als wir es noch nicht benötigten.

OP : Das Ziel der Sonderinvestitionen war die Stärkung der heimischen Wirtschaft. Was haben die Programme von Land und Bund dem heimischen Handwerk tatsächlich gebracht?

McGovern : Dem heimischen Handwerk hat es sehr viel gebracht, weil wir einen erheblichen Anteil der Aufträge an Firmen in der Region vergeben haben. Von den 6,5 Millionen Euro für Schulausstattung etwa flossen 60 Prozent der Aufträge in die Region. Dass es nicht mehr ist, liegt daran, dass es gewisse Dinge für die Fachraumausstattung hier einfach nicht gibt. Bei den Baumaßnahmen an den zehn großen Schulen haben wir 78 Prozent der Aufträge an das heimische Handwerk vergeben – auch das ist eine gute Quote, wenn man weiß, dass es daneben noch viele Aufträge gibt, die an Firmen aus dem Umland gingen. Das alles hat den Unternehmen sehr geholfen.

von Carina Becker

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