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Wenn zwei Anfänger aus dem Rahmen fallen

OP-Serie: Das schaffe ich Wenn zwei Anfänger aus dem Rahmen fallen

Eine Frau im Abendkleid, ein Mann im Anzug und die Frage, welcher Aufwand nötig ist, um eine Tanzveranstaltung ohne bleibende Schäden zu überstehen.

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Marburg. von Dennis Siepmann

Ich fühle mich unwohl - irgendwie verkleidet. Das Hemd ist viel zu groß, die Weste sitzt nicht recht und die schwarzen Lackschuhe trage ich nur bei Hochzeiten und Todesfällen. Kurz: Ich habe eine natürliche Abneigung gegen Anzüge. Und jetzt soll ich auch noch Tanzen. Eines meiner liebsten Hobbys, welches auf der Liste meiner Lieblingsbeschäftigungen direkt hinter dem Tragen von Anzügen steht. Tanzlehrerin Lika Pabst-Gun hat gut reden: schweben soll ich, leicht sein, die Musik soll mich tragen. Im Moment trägt mich nur die Hoffnung, mich nicht völlig zu blamieren, also höre ich genau zu und versuche die Anweisungen umzusetzen.

 

Ich stelle mich in vorgegebene Position: „Du bildest mit deinen Armen den Rahmen, in den sich deine Tanzpartnerin einfügt“, sagt Pabst-Gun. Sie korrigiert so lange meine Körperhaltung, bis ich schließlich da stehe, wie eine Schaufensterpuppe. Die Musik läuft und ich versuche mich auf die angesagte Walzer-Schrittfolge zu konzentrieren. Eins und zwei und links und Beine schließen und: direkt auf den Fuß. Ich bitte um Entschuldigung und blicke verzweifelt auf die Uhr.

Es ist nicht leicht als Anfänger. Voller Energie und stets lächelnd wirbelt hingegen Pabst-Gun über die provisorische OP-Tanzfläche. Die Entscheidung zwischen dem fast beendeten Jurastudium und der Arbeit bei der Tanz und Sportgemeinschaft Marburg ist der gebürtigen Georgierin leicht gefallen: „Wenn ich die Wahl habe, gewinnt immer das Tanzen“. sagt die 30-Jährige. Wenn ich doch nur die Wahl hätte, denke ich. Und schon wieder werde ich gefordert: „Übernimm die Führung, die Dame folgt dir“, sagt Pabst-Gun.

Irgendwie klappt das aber nicht - es sieht eher nach Ringen, denn nach Tanzen aus. Es scheint, als wolle meine Kollegin doch lieber für sich selbst tanzen. Unbefangen sollte der ungeübte Tänzer an die Sache herangehen, empfiehlt Pabst-Gun. „Es geht um die Freude an der Bewegung und der Musik. Darum eine Leidenschaft zu teilen.“ Mir fällt es schwer, die nötige Lockerheit an den Tag zu legen, dennoch merke ich, dass das Tanzen besser funktioniert, je weniger man sich selbst dabei beobachtet.

von Marie Lisa Schulz

Ich bin eine Schubkarre. Eine äußerst elegante. Im rotgepunkteten Abendkleid und mit mörderisch hohen Absätzen. Ich will das Einmal-Eins des Standardtanzes lernen. Denn bei offiziellen Anlässen gibt es nur eine Sache, die peinlicher ist, als unbeholfen über die Tanzfläche zu stolpern: Es gar nicht erst zu versuchen. Ich will mich nicht länger stundenlang auf der Toilette einschließen müssen, wenn mal wieder alle verträumt über die Tanzfläche schwofen. Ich will mich künftig dem kollektiven Wiegeschritt anschließen.

Die erste Lektion des Tages ist jedoch eher ernüchternd: „Du bist die Schubkarre - der Mann schiebt dich über die Tanzfläche,“ erklärt mir Tanzlehrerin Lika Pabst-Gun. Aha, Schubkarrenmodus also. Nichts mit Eins, zwei, Wiegeschritt. Ich lasse mich schieben, lasse mir auf den Fuß treten, gucke arrogant. Zumindest das beherrsche ich auf Anhieb. Lika Pabst-Gun wirbelt um mich herum. In den Bauch atmen, aufrichten, Schultern nach hinten, Arme nach oben - und bitte den Ausdruck nicht vergessen, ermahnt sie. Eine Mischung aus Stolz, Lebensfreude und Aggoganz. Und alles mit nur einem Blick. Im Hintergrund schmettert Schmachtmusik.Mein Körper ist mit den vielen Anforderungen überfordert. Mein Tanzpartner mit mir als Schubkarre sowieso. Denn ich lasse mich ungern schieben. Ich will selbst bestimmen, ob es nach links oder rechts geht, kämpfe gegen meinen Schieber an. Lika Pabst-Gun versucht es mit einer flammenden Rede: „Ihr müsst schweben. Tanzen ist wie Träumen mit den Füßen,“ schwärmt sie.

Ihr Traum ist zu meinem Alptraum geworden. Meine Füße Schmerzen, mein Selbstwertgefühl sinkt. Lika Papst-Gun schreitet ein: „Du musst deine Partnerin präsentieren“, ermahnt sie meinen Kollegen. Und siehe da, er richtet sich auf, ich wachse mit. Gemeinsam schreiten wir durch den Raum. Nicken, lächeln, Position finden.

Ein bisschen Show muss eben sein. Und dann schieben wir uns zur Musik hin und her. Tanzen eben. Gar nicht so schwer. Wichtigste Lektion: Hirn aus und Spaß haben.

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