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Das schaffe ich Von Einer, die auszog, das Fürchten zu verlernen
Landkreis Das schaffe ich Von Einer, die auszog, das Fürchten zu verlernen
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09:55 11.06.2012
Marburg

Ein Monster wohnt in meinem Keller. Es hat acht Beine, einen dicken Körper, ist schwarz – und schuld daran, dass der Berg schmutziger Wäsche in ungeahnte Höhen wächst. Denn seit sich eine dicke Spinne in meinem Keller heimisch fühlt, traue ich mich nicht mehr, die paar Meter durch den Flur zu meiner Waschmaschine zu gehen. Ich muss es mir eingestehen: Meine Angst übersteigt das normale Maß an hysterischem Geschrei, das viele Frauen beim Anblick einer Spinne veranstalten.
Bislang konnte ich mit dieser Angst gut leben: Freunde reagieren automatisch auf groß aufgerissene Augen, und alle anderen verstehen dank meines Geschreis schnell, dass sie handeln müssen. Dass die Spinnenphobie jedoch einen immer größeren Platz in meinem Leben einnimmt, erkenne ich nach der ersten Begegnung mit der Kellerspinne. In der Nacht darauf wache ich um 2.30 Uhr schweißgebadet auf. Und die folgenden Stunden liege ich wach und schalte mehrmals das Licht ein um sicherzugehen, dass sich auch wirklich keine Spinne in meinem Zimmer befindet.
Als ich am nächsten Tag einem Kollegen davon erzähle, macht der sich sofort auf die Suche nach einem Therapeuten. Zwar lässt mich allein die Vorstellung, eine Spinne auf die Hand nehmen zu müssen, gedanklich kilometerweit davonrennen. Trotzdem lasse ich meinen Kollegen erst einmal gewähren.Schließlich wird mir selbst klar: Die Angst beeinflusst nicht nur meinen Alltag. Sie hat sich auch extrem verstärkt. Konnte ich vor ein paar Jahren noch mit einer kleinen Spinne über dem Bett einschlafen, würde ich mittlerweile nicht einmal mehr das Zimmer betreten. Und während meine Freunde sich im Sommer zum Grillen auf dem Balkon treffen, bleibe ich zu Hause. Der Grund: Spinnen in allen Ecken.
Einige Wochen später habe ich den ersten Termin bei der AWKV, der Aus- und Weiterbildungseinrichtung für klinische Verhaltenstherapie in Marburg. Die ersten Wochen verbringen mein Therapeut und ich damit, weitere Krankheiten, psychische Störungen und Ängste auszuschließen und Ursache und Ausmaß meiner Phobie zu ergründen. Schließlich ist es so weit: Mein Therapeut erklärt, wie sich eine Phobie entwickelt und was ich tun muss, um den Teufelskreis der sich immer weiter verstärkenden Angst zu durchbrechen. Das Fazit: Meine Angst kann ich nur besiegen, wenn ich mich ihr stelle – und eine Spinne auf die Hand nehme. Allein beim Gedanken daran steigt Panik in mir auf. Ich kämpfe mit den Tränen, meine Stimme zittert.
Die zwei Wochen bis zum entscheidenden Tag versuche ich, das Thema zu verdrängen – ganz gelingt mir das nicht. Schon am ersten Abend läuft eine Spinne die Wohnzimmerwand hoch. In meiner Panik schaffe ich es noch, ein Glas über das Tier zu stülpen. Dann habe ich mich nahezu selbst ausgetrickst. Das Glas fest an die Wand drückend angele ich mein Handy vom Tisch und rufe einen Freund an. „Egal wo du bist, und was du gerade machst, komm sofort her!“
Während ich auf ihn warte, merke ich: Je länger die Situation andauert, desto mehr nimmt meine Angst ab. Genau so, wie es mein Therapeut zuvor erklärt hatte. „Ängste werden jedes Mal größer, wenn man die Situation, in der man Angst hat, beendet“, erklärt er. „Hält man die Situation jedoch einmal aus, geht die Angst nach und nach zurück – und wird beim nächsten Mal schon nicht mehr ganz so schlimm sein.“ Als der Retter endlich eintrifft, bin ich tatsächlich schon entspannter. Zwar habe ich es nicht geschafft, das Glas von der Wand zu nehmen, doch ich kann mir die Spinne anschauen und finde – so furchtbar ist sie gar nicht.
Als der Tag schließlich gekommen ist, geht alles ziemlich schnell: Ich setze mich hin, mein Therapeut stellt das verschlossene Plastikgefäß mit der Spinne vor mich auf den Tisch – und ich breche in Tränen aus. Der Schock trifft mich unvermittelt, der schwarze Klumpen zwischen Blättern und Papierschnipseln löst unfassbaren Ekel, Angst und Panik in mir aus. Meine Stimme bricht, als ich auf die Frage „Wie geht es Ihnen?“ mit „Nicht gut“ antworte. Meine Hände zittern, ich hyperventiliere. Und mein Therapeut? Macht gar nichts. Er lässt mir Zeit – Zeit, in der ich das Plastikgefäß nicht aus den Augen lasse. Und langsam merke, wie ich mich etwas beruhige.
Zwei Stunden später krabbelt Kim – so habe ich die Spinne getauft – über meine Hand. Ich lasse sie den Arm hinauf laufen, sie krabbelt von einer Hand auf die andere, ich setze sie auf den Tisch und nehme sie von dort wieder auf. Der Weg dorthin gleicht einer Achterbahn. Nachdem ich mich nach dem ersten Schock etwas beruhigt habe, nimmt mein Therapeut den Deckel vom Gefäß – sofort steigt die Angst wieder an. Wir betrachten Kim, er erklärt mir, wo ihr Herz und ihre Augen sitzen und dass alle Beine aus dem vorderen Teil ihres Körpers wachsen. Ich erkenne, dass Kim gar nicht schwarz, sondern braun gefleckt und behaart ist. Eklig? Nein, eher faszinierend.
Nach und nach steigern wir uns: Erst stupse ich Kim mit einem Kugelschreiber, dann mit dem Finger an. Die ersten Male kostet auch das Überwindung, dann mache ich es fast automatisch. Irgendwann nimmt mein Therapeut Kim auf die Hand und als er mich fragt, ob ich meine Hand so hinhalten würde, dass Kim von seiner auf meine Hand laufen kann, zögere ich noch nicht einmal mehr.
Kim zieht bei mir ein

Schließlich fahre ich nach Hause. Neben mir auf dem Beifahrersitz sitzt Kim in ihrem Gefäß – sie wird für die nächsten Wochen bei mir einziehen. Denn mit dem einen Mal ist es nicht getan. Ich muss weiter „üben“, Kim täglich auf die Hand nehmen. Freunde helfen mir, wenn ich mal etwas Druck brauche, doch insgesamt läuft es ganz gut. Dennoch: Meine Hand in die Schüssel zu halten und Kim rauszunehmen, kostet jedes Mal Überwindung, auch nach dem zehnten und 20. Mal.
Auch mein Therapeut ist zufrieden: Die übrigen Spinnen, die er mir in den Wochen danach immer wieder mitbringt, nehme ich nach kurzem Zögern auf die Hand. Und Spinnen, die sich in meine Wohnung verirren, setze ich irgendwann völlig entspannt nach draußen. Nach etwa zwei Monaten verabschiedet mein Therapeut mich. Was er mir mit auf den Weg gibt: Auch wenn ich im Moment ganz gelassen auf Spinnen reagiere, kann die Angst wieder größer werden. Und da hilft nur eines: Ich muss mich weiter mit ihnen beschäftigen.
Heute „wohnt“ Kim nicht mehr bei mir – nach ein paar Wochen war sie eines Morgens tot. Wenn ich jetzt eine Spinne sehe, habe ich auch kein Bedürfnis, sie auf die Hand zu nehmen. Doch ich kann sie ignorieren, neben ihr sitzen bleiben und sie in einem Glas nach draußen setzen – ganz ohne Panik. Und damit habe ich mein Ziel absolut erreicht.

von Maren Schultz

Lesen Sie hier die Vorschau auf die Serie  und den Kommentar Schwäche zeigen: ein Zeichen von Stärke!