Menü
Oberhessische Presse | Ihre Zeitung aus Oberhessen
Anmelden
Das schaffe ich Angst, die Augen zu schließen
Landkreis Das schaffe ich Angst, die Augen zu schließen
Partner im Redaktionsnetzwerk Deutschland
16:38 02.07.2012
Maria Langstroff konnte vor zwei Jahren noch ein selbstständiges Leben führen. Jetzt liegt die 25-Jährige nahezu vollständig gelähmt in einem Pflegeheim in Gießen. Quelle: Foto: Michael Schreiner
Gießen

Zum Mittagessen gibt es Kürbisbrei mit Hähnchen. Püriert. Durch eine Magensonde. Babynahrung für eine 25-Jährige. Schmecken wird sie davon nichts. Nur später vielleicht den säuerlichen Geschmack, wenn sie sich mal wieder übergeben musste. Alltag für Maria Langstroff. Die Marburger Studentin leidet an einer bisher unerforschten Muskelerkrankung, ist gelähmt. Vom Hals abwärts. Seit zweieinhalb Jahren kann sie das Bett nicht mehr verlassen. Ihre neue Adresse: ein Pflegeheim in Gießen. Seit einigen Tagen herrscht Hochbetrieb in ihrem 16-Quadratmeter-Zimmer. Journalisten aus ganz Deutschland reisen an, um die 25-Jährige zu Wort kommen zu lassen. Denn Maria Langstroff hat über die schwerste Zeit ihres Lebens ein Buch geschrieben. „Mundtot!? Wie ich lernte, meine Stimme zu erheben - Eine sterbenskranke junge Frau erzählt“, lautet der Titel.

Teile des Buches hat sie diktiert. Wort für Wort. Teile in ihr Handy getippt. Buchstabe für Buchstabe. Damals, als ihr rechter Arm noch beweglich, ihre Stimme jedoch zeitweise verstummt war. Herausgekommen ist ein Buch, das der Gesellschaft schonungslos den Spiegel vorhält. „Ich wollte ansprechen, was unausgesprochen bleibt, ich möchte die Menschen wachrütteln, die sich diskriminierend gegenüber Menschen mit Behinderung verhalten“, erklärt Maria Langstroff mit fester Stimme. Ihre langen blonden Haare hat sie zu einem Pferdeschwanz gebunden. Binden lassen, um genau zu sein. So wie sie alles machen lassen muss. Eincremen, Schminken, Augenbrauen zupfen. Darauf verzichten? Niemals. Ihr Aussehen ist dem ehemaligen Model wichtig. Sich bloß nicht gehen lassen. Sich bloß nicht aufgeben.

Und dann beginnt sie zu erzählen. Von der Zeit, als sie noch in Marburg studierte. Jeden Tag mit dem Rollstuhl in der Bahn anreiste. Geparkt im Fahrradabteil. „Neben der Toilette.“ Erzählt, wie sie mehr als einmal am Bahnsteig stehen gelassen wurde, weil niemand in der Lage war, die Einstiegsrampe auszufahren. Erzählt von offenen Anfeindungen, Menschen, die ihr Hilfe verweigerten, sie sogar körperlich angriffen. Erzählt von Erlebnissen, die den Leser erstarren lassen.

Jahrelang sei sie „mundtot“ gewesen. Entsetzt. Sprachlos. Die Krankheit habe sie zwar körperlich geschwächt, mental aber stark gemacht. Wer um jeden Tag kämpfen muss, der hat keine Angst mehr vor Auseinandersetzungen. Der wird ehrlich, lehnt sich auf, akzeptiert nicht.

„Leider gibt es nicht das Einmaleins der Schlagfertigkeit. Manchmal wünschte ich mir, ich könnte die Zeit zurückdrehen und den Menschen, die mich sprachlos gemacht haben, mit neuer Stärke gegenübertreten“, so Maria Langstroff.

Die Zeit zurückdrehen. Das kann sie nicht. Auch wenn sie das manchmal wollte. Zurück in eine Zeit, in der die Muskelkrankheit ihr Leben noch nicht bestimmte. In der sie als Leichtathletin Erfolge feierte. In eine Zeit, in der sie am Uni-Leben teilhaben konnte, ihrem Traumberuf, Lehrerin, von Semester zu Semester näher kam. In eine Zeit, in der sie nicht 24 Stunden in einem abgedunkelten Raum liegen musste. Allein mit sich und ihren Gedanken. Bewegungslos. „Ich habe gerade einen Mückenstich, der macht mich wahnsinnig“, sagt sie. Kratzen? Geht nicht. Schluss mit der Selbstständigkeit, Schluss mit der Privatsphäre.

Die Fotos von Freunden und Familie an ihrer Wand, die Postkarten aus aller Welt, all dass kann die 25-Jährige schon lange nicht mehr sehen. Direkter Lichteinfall löst Krampfanfälle bei ihr aus. Lesen, Fernsehen, einfach mal aus dem Fenster blicken - unmöglich.

Dunkelheit, Unbeweglichkeit, Isolation. „Ohne feste Ziele hält man das nicht aus“, erklärt die 25-Jährige. Das Ziel „Buchveröffentlichung“ ist erreicht, ein neues muss her. Reiner Selbstschutz, um nicht wieder nach dem Sinn und Unsinn der Krankheit zu fragen. „Anfangs habe ich nach dem Warum gefragt. Aber darin habe ich keine Antwort gefunden.“ Sie hat gelernt die Situation anzunehmen. Unterstützt durch ihre Familie, ihre Freunde und ihren festen Glauben. „Ich habe mir neue Ziele gesucht. Ohne schafft man das nicht.“

Das neue Ziel - ein neues Buchprojekt. Wieder wird sie es diktieren. Wort für Wort. „Das Buch ist etwas, was ich hinterlassen kann, wenn ich nicht mehr bin. Es soll Menschen eine neue Sichtweise geben.“ Ihr größter Wunsch: Dass ihr aktuelles Buch „Mundtot“ im Unterricht besprochen wird. Als Lehramtsstudentin hat Maria Langstroff gleich das passende Konzept ausgearbeitet. Denkbar, so sagt sie, sei eine Live-Schaltung von ihrem abgedunkelten Zimmerchen in die Klassen zu machen. Sie will antworten, auf all die Fragen, will erzählen, will ihre Nachricht weiter verbreiten.

Nur manchmal gerät ihre sonst so feste Stimme ins Stocken. Dann, wenn sie nach dem weiteren Verlauf ihrer Krankheit zum Thema Tod gefragt wird. „Manchmal habe ich Angst die Augen zu schließen und nicht mehr aufzuwachen.“ Dann räuspert sie sich und fährt mit fester Stimme fort: „Ich weiß, was Zeit bedeutet. Nehmt euch Zeit. Manchmal gehen Jahre, Monate, Wochen ins Land, ohne, dass wir sie nutzen.“

von Marie Lisa Schulz