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60 Jahre altern in fünf Minuten

Grenzerfahrunng 60 Jahre altern in fünf Minuten

Alt werden ist nichts für Feiglinge. Und ich will kein Feigling sein. Deshalb habe ich einem Selbstversuch zugestimmt. Binne fünf Minuten altere ich um 60 Jahre.

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Die Ohren zu, das Sichtfeld eingeschränkt, die Gelenke versteift. Marie Schulz altere in wenigen Minuten. Fotos: Richter

Quelle: Thorsten Richter

Marburg. Es ist ein harmlos aussehender Koffer, in dem Kornelia Heinze, Lehrerin für Altenpflegeberufe an der Altenpflegeschule Marburg, die Gebrechen aufbewahrt. Künstliche Gelenk- und Rückenversteifer, Gewichte für Arme und Beine, Kopfhörer und eine spezielle Brille, die das Sichtfeld auf ein Minimum einschränkt.

 

Der giftgrüne Altersanzug, so verspricht mir Heinze, habe schon manch einen zum Nachdenken gebracht. Denn wer einmal in Rekordschnelle den Alterungsprozess durchlaufen habe, der gehe verständnis- und rücksichtsvoller mit älteren Menschen um. Bis zu diesem Zeitpunkt habe ich mich nie für besonders rücksichtslos gehalten. Gut, ich gebe zu. Stand eine ältere Dame vor mir an der Kasse und hat nach ihrem Kleingeld gesucht, bin ich automatisch eine Kasse weiter gegangen. Ich bin eben ungeduldig. Besonders wenn es ums Anstehen geht.

Mit ein paar schnellen Handgriffen legt mir Kornelia Heinze den Anzug an. Erst werden die Kniegelenke versteift, dann die Armgelenke.

Der vorher belächelteSpazierstock wird zur Hilfe

Hier noch ein paar Gewichte dran, dort noch mal eine Rückenversteifung angebracht.Mit den Kopfhörer verstummt für mich auch die Außenwelt. Zumindest fast. Ich höre alles gedämpft, spreche automatisch lauter. Dann folgt die Brille. Schlagartig schränkt sich mein Sichtfeld auf beängistgende Art udn Weise ein. Alles, was links, rechts, ober oder unter mir passiert, kann ich nicht mehr sehen. Meine Nervenbahnen senden panische Botschaften an mein Gehirn: ich bin orientierungslos, ungelenk, nahezu taub. Alt. Und das nicht schleichend, sondern schlagartig. Schocktherapie. Wie auf rohen Eiern stakse ich durch den Raum, kralle mich an dem Spazierstock fest, den ich vorher nur milde belächelt habe. Beim Treppengehen suchen meine Hände hilfesuchend das Geländer. Vorsichtig taste ich mich die Stufen hinab. Kornelia Heinze reicht mir ihren Arm - ich ergreife ihn und begreife erstmals: Es sind die kleinen Gesten, die den Alltag erleichtern.

Kornelia Heinze und ihre Kollegen suchen händeringend nach Auszubildenden, die sich für den Beruf des Altenpflegers begeistern können. Der Bedarf an Pflegekräften steigt, die Zahl der Menschen, die auf Hilfe angewiesen sind, auch. Bis 2020 ist hessenweit zu erwarten, dass der Beschäftigungsstand für ambulante und stationäre Pflege um 1828 Altenpflegekräfte und 1308 Gesundheits- und Krankenpflegekräfte erweitert werden muss.

Die Schulabgänger von morgen sind auf dem Arbeitsmarkt heiß begehrt. Unternehmen und soziale Einrichtungen versuchen gleichermaßen, die jungen Absolventen abzuwerben und somit dem Fachkräftemangel in allen Branchen entgegen zu wirken. Für Schulleiter Eiermann und Kornelia Heinze wird es von Jahr zu Jahr schwerer schwerer,

Nachwuchs im Bereich der Altenpflege zu finden.

Die hohe emotionale und körperliche Belastung bei vergleichsweise geringer Bezahlung und der Schichtdienst locken nicht unbedingt die Auszubildenden an. „Was ist dieser Gesellschaft die Pflege älterer Menschen wert?“, fragt Schulleiter Dr. Jürgen Eierdanz in den Raum. Und Heinze fügt hinzu: „Das ist eine sehr bereichernde Arbeit. Das Alter ist bunt. Es gibt nicht den alten Menschen - die Individualität bildet sich auch im Alter weiter aus.“

Ich fühle mich gerade nicht sehr individuell. Eher so, wie der Klischee-Alte schlechthin. Meine Haltung ist gebückt, meine Bewegungen wirken wie in Zeitlupe. Beim Kramen nach Wechselgeld verliere ich die Geduld. Hinsetzen, aufstehen, gehen, drehen, stehen, alles fällt mir schwer. Meine Augen sind angestrengt, mein Kopf müde. Ich konzentriere mich darauf, alles zu hören und verstehe doch nichts. Ich will sehen und sehe nichts.

Nach einer Stunde befreit mich Kornelia Heinze aus meinem Alterskorsett. Binnen fünf Minuten bin ich wieder 25. Was bleibt ist mehr Verständnis für die Herausforderungen des Alters und die Einsicht: Alt werden ist nichts für Feiglinge- Jung sein aber auch nicht. Gut aber, dass es in jeder Lebensphase Menschen gibt, die begleiten und unterstützen.

Die dreijährige Ausbildung zur Altenpflegekraft beginnt im September, Bewerbungen nimmt die Altenpflegeschule Marburg entgegen.

von Marie Lisa Schulz

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