Volltextsuche über das Angebot:

28 ° / 12 ° heiter

Navigation:
Schäfchen zählen bis 700

Schafhaltung Schäfchen zählen bis 700

Zwei ausgebüxten Hirtenhunden ist es zu verdanken, dass sich Familie Henkel aus Hatzbach auf die Schafzucht spezialisiert hat.

Voriger Artikel
Das Geheimnis des vergrabenen Horns
Nächster Artikel
Das Graswunder von Sinkershausen

Ihr Leben dreht sich um die Schafe: Martin (45) und Martina Henkel (32) aus Hatzbach.

Quelle: Foto: Tobias Hirsch

Hatzbach. Lautes Blöken dringt aus dem Schafstall, dem Herzstück des Familienbetriebes. Schäfer Martin Henkel ist täglich in der „Kinderstube“ anzutreffen, hat schon viele Nachtstunden im Stall verbracht und über die neugeborenen Lämmer gewacht.

Der Blick des 45-Jährigen wandert konzentriert durch den Stall. Hunderte Schafsmütter und dutzende Lämmer aller Altersstufen tummeln sich gruppenweise in abgetrennten Pferchen. Es ist nur ein Teil der rund 700-köpfigen Herde, die die Henkels in Hatzbach aufgebaut haben. Die meisten Schafe ziehen gerade mit dem angestellten Schäfer Thomas Wiegand übers Land.

Zwischen Stall, Schlachthaus und Acker

Schafzucht orientiert sich am Verlauf der Jahreszeiten, erklärt Martin Henkel. „Im Moment herrscht mehr Ruhe, im Januar kommen dann alle wieder“, sagt der Tierwirt, der seit seiner Geburt in Hatzbach zu Hause ist. Der romantisierten Vorstellung vom Schäferdasein unter freiem Himmel, immer unterwegs mit den Tieren, erteilt er eine Absage. „Das kann sich ein Unternehmer gar nicht leisten.“ Dazu warten täglich zu viele Lämmer, Mutterschafe und jede Menge Feldarbeit auf Martin Henkel.

Um sechs Uhr morgens beginnt Henkels Tagwerk mit einem ersten Blick in den großen Hauptstall. Der Schäfer wechselt den ganzen Tag über zwischen Stall, Schlachthaus und Acker hin und her. Das Futter für die Schafe und einige Kühe baut er selbst an. Im Winter ist der Verbrauch hoch. Die Schafe fressen fünf bis zehn Tonnen Futter am Tag – Heu, Gras- und Maissilage, Gerste und Erbsen.

Erst gegen 20 Uhr kehrt daheim bei Henkels Ruhe ein, „aber nur, bis die nächsten Lämmer kommen, die Schafe bestimmen eben unser  Leben“, sagt der Schäfer und lächelt. Drei imposante Schafsböcke sorgen im Großstall permanent für Nachwuchs. „Die Mütter lammen drei Mal in zwei Jahren, das sind jährlich etwa 1,8 Lämmer pro Mutterschaf“, sagt Martin Henkel. Somit werden alljährlich knapp 1300 Lämmer auf dem Hof geboren. Die meisten Lämmchen kommen im Winter, dann steht der Hofchef alle zwei Stunden im Stall, wacht über die Geburten. Wenn nötig greift er als Geburtshelfer ein. „Das ist Erfahrungssache, man sieht es den Schafen an, wenn sie so weit sind.“

Extrabehandlung für die „Flaschenkinder“

Bis zu vier Lämmer bringt ein Schaf gleichzeitig zur Welt. Und nicht immer nimmt das Muttertier alle Jungtiere an. „Ich bin für die Flaschenkinder zuständig“, erzählt die 70-jährige Annemarie, die Mutter von Martin Henkel. Sie lebt gemeinsam mit der fünfköpfigen Familie im großen Bauernhaus, hilft dem Sohn und der Schwiegertochter bei der Hofarbeit.

Die Lämmer bleiben bis Ende April im Stall bei den Müttern. „Die Bock-Lämmer werden dann geschlachtet, so mit 18 bis 22 Kilo, auch die weiblichen, die ich nicht für die Zucht behalte“, erklärt Martin Henkel und nimmt ein wenige Tage altes, flauschiges Lamm auf den Arm. Geschlachtet wird bei Henkels noch direkt auf dem Hof, in einem kleinen Schlachthaus, erbaut im Jahr 1982. Das Töten der Lämmer und erwachsenen Tiere übernimmt der Hofchef selber. Auf die eigene Hofschlachtung ist er stolz, „meine Schafe haben keine weiten Wege, müssen nicht transportiert werden“.

"Mäh" statt "Muh"

Getötet werden die Schafe nur nach Betäubung. Das Schächten, also das Töten ohne Betäubung, lehnen Martin und seine Ehefrau Martina Henkel strikt ab. „Manche Kunden fragen das an, aber bei uns wird nicht geschächtet, das ist mir persönlich sehr wichtig“, erzählt die 32-Jährige resolut, „entweder, die Kunden akzeptieren es so oder sie müssen wieder gehen“. Martina Henkel übernimmt die Transportfahrten zu den fünf Metzgereien, an die der Hof das Fleisch zur Zerlegung und Weiterverarbeitung verkauft.

Die dreifache Mutter jongliert täglich zwischen Kinderbetreuung, Hof- und Büroarbeit. Vor sieben Jahren hat sie ihren Martin geheiratet. Die gebürtige Josbacherin stammt selbst aus einer Bauernfamilie, die Schweine- und Bullenzucht betreibt. „Ich kenne das Hofleben, nur die Schafe waren neu – statt ,Muh‘ machen die halt ‚Mäh‘“, sagt die gelernte Hauswirtschafterin und Diätassistentin lachend.

Erst zwei Schafe, dann 700

„Schnellersch“, das ist der Hausname der Henkels. Er wird bereits in fünfter Generation geführt. „Das Bauernhaus hat mein Ur-Ur-Opa 1834 gebaut. Landwirtschaft und Schafe gab es damals überall im Ort“, sagt Martin Henkel. Sein Opa, Friedhelm Henkel, verwandelte den Hof in einen Zuchtbetrieb für Reitpferde. „Er war ein großer Fan von Pferden und selbst Reiter“, berichtet der Enkel.

Bis in die 1990er-Jahre hinein lief die Zucht, dann verschwanden die letzten Pferde, immer mehr Schafe zogen ein. Den Grundstein für die heutige Schafzucht legte Martins Vater Paul Heinz Henkel. Er begann mit zwei Tieren und das eigentlich auch nur durch Zufall. Der Vater hielt sich zwei Hirtenhunde auf dem Hof, die büxsten eines Tages aus und griffen zwei Tiere eines benachbarten Schafhalters an. Als Wiedergutmachung kaufte Paul Heinz Henkel die beiden Schafe.

Die inzwischen 700 Schafe der Henkels müssen einmal im Jahr geschoren werden. Ende März rückt die Scher-Kolonne an. Schnelligkeit ist ihre Spezialität. „Sechs Scherer brauchen einen Tag für meine Herde“, berichtet Martin Henkel. Die Vliese, vier Kilogramm Wolle pro Schaf, sind dabei nicht der Haupterwerb des Hofes. Der Wollpreis schwankt, „es wird viel spekuliert, das ist alles Börse“, sagt der Schäfer. Der betriebliche Schwerpunkt liegt auf dem Lammfleisch, „aber Millionär wird man nicht als Schäfer“, feixt Martin Henkel.

Die Rinderhaltung lohnt sich nicht mehr

Wenn er mal nicht mit Schafen oder auf dem Feld arbeitet, steht der Hofchef im Kuhstall. Die Henkels halten 25 Holsteiner Milchkühe. Doch nicht mehr lange, sie sollen geschlachtet werden. Die Rinderhaltung gehörte von jeher mit zum Betrieb, lohne sich jedoch nicht mehr, irgendwo müsse er Abstriche machen, sagt Martin Henkel verdrießlich. „Die Kühe aufzugeben fällt mir schwer, ich liebe alle meine Tiere, es macht Spaß sie zu beobachten, wie sie fressen, sich bewegen. Die gehören einfach zu uns.“

Martin Henkel schätzt die Vielfalt auf seinem Hof. Bis vor kurzem lebte sogar eine Esel-Dame in der Schafherde, 25 Jahre lang. „Das war unsere Luise, ein tolles Tier“, erzählt der 45-Jährige wehmütig und zeigt auf ein Bild, das in der Küche hängt. Darauf sieht man „Luise“, die aus der Schafherde herausragt. „Sie hat immer aufgepasst, hat  geschrien, wenn was war – die hat geglaubt, sie wäre selbst ein Schaf“, sagt Martin Henkel und lacht.

Der Betrieb geht bei den Henkels immer vor

Die gesamte Familie ist in die Hofarbeit eingebunden, auch die Kinder der Henkels sind immer mit dabei: Nico (7 Jahre), Lara (5 Jahre) und Luca (3 Jahre). „Sie wachsen auf dem Hof auf, laufen mit uns mit – Landwirtschaft eben“, sagt die Mutter Martina. Gemeinsame Urlaube als Paar kennen Martin und Martina Henkel nicht. Sie hätte gerne mehr von ihrem Mann, der tagtäglich auf dem Hof oder Feld unterwegs ist, verrät sie. Nur bei der Geburt der Kinder, „da hatte ich ihn mal ganz für mich allein“, erzählt die 32-Jährige und schmunzelt. „Der Betrieb geht immer vor, Zeit für die Familie muss man sich nehmen, wie sie kommt und lernen, das dann zu genießen.

von Ina Tannert

Betriebskennzahlen

Bestand: Rund 700 Merinolandschafe mit einer Nachzucht von rund 1300 Lämmern pro Jahr

Vermarktung: Direktvermarktung von Fleisch und Wolle, Verkauf von Weizen, Gerste, Raps und Mais

Ackerbau : 95 Hektar Ackerland, 170 Hektar Grünland (davon 90 Hektar in der extensiven Bewirtschaftung); Anbau von  Weizen, Gerste, Raps, Mais, Erbsen und Kleegras

Mitarbeiter: Neben dem Ehepaar Martin und Martina Henkel sowie Annemarie Henkel arbeitet Schäfer Thomas Wiegand für den Hof

Weitere Tiere: 25 Holsteiner Kühe, sechs Hütehunde

Ein Schaf lebt etwa sechs Jahre
Merinolandschaf: Es ist ­eine Kreuzung aus verschiedenen Landschafrassen und Merinoschafen, die sich ab dem 19. Jahrhundert verbreitete. In Deutschland stellen die hornlosen Merinolandschafe rund 30 Prozent des Gesamtbestandes an Schafen dar. Die Rasse gilt als besonders robust mit schnell wachsender feiner Wolle und einer hohen Gewichtszunahme, was die Fleischproduktion  wirtschaftlich lohnenswert machen soll.  
Die Schafe werden als Woll- und Fleischlieferanten genutzt. Auf dem Hof Henkel lebt ein Schaf im Durchschnitt sechs bis sieben Jahre. „Manche sind auch viel älter, unser Senior ist schon 15 Jahre“, sagt Martin Henkel. Für die Zucht behält der Schäfer rund 130 Lämmer pro Jahr. Der Großteil der Lämmer sowie Mutterschafe, die nicht mehr trächtig werden können, werden auf dem Hof geschlachtet.
Voriger Artikel
Nächster Artikel

Auf der Meinungsseite der OP finden Sie Kommentare zu lokalen und regionalen Ereignissen und zum politischen Weltgeschehen. Sportliche "Einwürfe" und lokale Glossen gehören zum meinungsstarken Erscheinungsbild der Oberhessischen Presse. mehr