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Bei „Kriebs“ wird jeder satt

Gaststätte in Runzhausen Bei „Kriebs“ wird jeder satt

Es ist längst aus der Mode, mal  auf ein Bier in die Wirtschaft zu gehen. Das ist in der Gaststätte „Am Spreth“ in Runzhausen nicht anders als sonst wo in der Dorf-gastronomie. Aber in dem traditionsreichen Haus wird einem nach wie vor geholfen, wenn man Durst und Hunger hat.

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Das fertige Hackbraten-Gericht auf dem Teller.

Quelle: Hartmut Berge

Runzhausen. Bei „Kriebs“, so der Hausname, hat sich in den vergangenen mehr als 300 Jahren gewiss einiges geändert, sowohl, was die Gäste als auch was die Bewirtung betrifft, aber eins ist geblieben: In der Wirtschaft gibt es damals wie heute regionale deutsche Küche. Dort esse man gut gutbürgerlich, heißt es in einigen Gaststättenführern.

Küchenchefin Margot Immel bringt es auf den Punkt: „Bei uns gibt es Hausmannskost“, sagt sie – nicht ohne Stolz. Das Fleisch kommt von einem heimischen Metzger, die Kartoffeln holen sie bei einem Bauern und kellern sie ein. Früher kam vieles aus dem großen eigenen Garten, heute werden Salat und Gemüse frisch eingekauft. Ab und zu wird auch mal Salat vom eigenen Hochbeet verarbeitet.   

Die Chefin würzt mit Bedacht, so bleibt der Eigengeschmack erhalten. Bei der Salatbeilage schmeckt man Bohnen, Möhren und Kraut heraus und auch die Gurke schmeckt nach Gurke. Die Speisekarte der Gastwirtschaft ist bewusst klein gehalten: Dort gibt es noch das Schnitzel mit Brot, freilich auch mit den gängigen Beilagen: Kroketten oder Pommes und Salat. Die Salatplatte mit Schinken, Käse und Ei erfreut sich genauso großer Beliebtheit, wie der „Stramme Max“, das Schinken- oder Käsebrot oder das Eisbein in Aspik.

Chefin steht selbst am Herd

Wir schauen bei unserem Besuch im Reich von Margot Immel der Chefin beim Zubereiten eines Klassikers über die Schulter: Es gibt Hackbraten mit Pommes und Salat. Die üppige Salatbeilage besteht aus grünem Blattsalat, gelben Bohnen, Kraut, geraspelten Möhren – mit einem Spritzer Zitrone,  Gurken-Scheiben und Mais. Angemacht wir das Ganze wahlweise mit Essig und Öl oder
Joghurt. Unter das Schweinemett mengt sie ein Ei, würzt das Ganze mit Pfeffer und Salz, formt etwa 250 Gramm schwere Portionen und brät sie in der Pfanne an, in die sie vorher  Margarine gegeben hat. Während das Fleisch brät, schneidet sie Zwiebeln, die Ringe brät sie unter der Zugabe von Öl in einer zweiten Pfanne; kurz bevor sie gar sind, würzt sie mit Pfeffer. „Unsere Gäste mögen die Zwiebeln auf dem Hackbraten und dazu am liebsten Jägersoße“, berichtet Margot Immel.

Während die Zwiebeln in der Pfanne fertig gebraten werden, wandern die angebratenen Hackbraten in den vorgewärmten Backofen. Die Erklärung dafür: Die Küchenchefin muss oft größere Mengen zubereiten: „Für morgen sind 80 Schnitzel, 60 Frikadellen, Hähnchenschenkel und drei verschiedene Soßen bestellt“, berichtet sie. Dann sind sämtliche Pfannen und ihre drei Backöfen im Einsatz. Ganz ohne Hilfe kann die 64-Jährige den Außer-Haus-Service nicht bewältigen. Aber am Herd führt sie alleine Regie. Diese Rolle hat sie von ihrer Mutter übernommen, die bis zu ihrem Tod im Jahr 2001 hinter dem Herd stand. Aber schon als 12-Jährige war Margot Immel in den Gaststättenbetrieb eingebunden. „Nur in den Gastraum bin ich als junges Mädchen nicht gerne gegangen“, erinnert sie sich.

Klaus Immel steht ihr zur Seite und am Tresen

Wichtig ist ihr eine gute Organisation. Alles muss parat an seinem Platz stehen. Das spare Zeit, und so vermeide man unnötige Wege, sagt sie. Das ist für die Küchenchefin heute wichtiger denn je: Sie trägt seit vier Jahren eine Beinprothese, muss zwischendurch mal ein Päuschen einlegen, setzt sich dann in ihren Rollstuhl. Aber Margot Immel jammert nicht, im Gegenteil: „Wenn ich arbeite, geht es mir gut“, betont sie lächelnd. Über Mangel an Arbeit muss sie nicht klagen. Obwohl die Wirtschaft von montags bis mittwochs geschlossen hat, herrscht auch an diesen Tagen zuweilen in der Küche rege Betriebsamkeit. Denn der Außer-Haus-Service ist nach wie vor gefragt. Familienfeste werden gerne bei Kriebs gefeiert, von Taufen über Geburtstage bis hin zu Konfirmationen.

Gäste melden sich zum Essen an

Zu den traditionellen Großereignissen zählt im November das Rehessen. „Mehr als hundert Portionen haben wir zubereitet, zweimal eingedeckt, und 30 Portionen wurden abgeholt“, zählt sie auf. Wie inzwischen üblich, funktioniert der Gastbetrieb bei Kriebs mit Vorbestellung. „Fürs Rehessen rufen wir unsere Stammkunden an“, sagt die 64-Jährige. Stammtische und Skatrunden kommen regelmäßig in die Gaststätte „Am Streth“. Zur Seite steht ihr Klaus Immel – beim Einkauf, im Service und vor allem hinter der Theke. Mit dem 71-Jährigen gebürtigen Runzhäuser ist sie seit 46 Jahren verheiratet. Schon als Bub durfte er mit dem Vater ab und zu in die Gaststätte gehen, denn dort gab es den einzigen Fernseher im Dorf. Meist schaute man sich gemeinsam Fußball an. Gut in Erinnerung ist ihm die Übertragung des Weltmeisterschaftsendspiels 1954. Der Strom für den Fernseher war über einen Münzeinwurf gesteuert. Für die Stunde musste eine Mark berappt werden, dafür wurden dann unter den Gästen Groschen eingesammelt.

Als er 1971 seine Margot heiratete, hatte die Gaststätte die ganze Woche über geöffnet. Die damals noch existierenden vier Gästezimmer waren gut belegt. Meist logierten dort Monteure. Die bekamen um 6 Uhr ihr Frühstück, auch wenn es abends zuvor mit dem Absperren der Wirtschaft mal später wurde. Der Durchgangsverkehr war damals groß. Als der SV Runzhausen noch am Fußballspielbetrieb teilnahm, herrschte auch ab Sonntagnachmittag in der Gaststätte Remmidemmi. „An solchen Tagen lief schon mal ein großes Fass durch“, erinnert sich der Wirt. Bis in die 1970er-Jahre führten Kriebs nebenbei auch ein kleines Lebensmittelgeschäft.

Kneipengänger wie früher gibt es nicht mehr. Und auch die Trinkgewohnheiten der Gäste haben sich verändert: Heute werde weniger Schnaps getrunken und alkoholfreies Bier werde immer wieder verlangt. Früher qualmte es bei Kriebs nicht nur in der Küche: In der Gaststätte lag immer eine Rauchglocke unter der niedrigen Decke, erinnern sich die beiden. „Damals hat fast jeder Gast geraucht“, berichtet Klaus Immel. Selbstverständlich gab‘s bei Kriebs  Zigarren. Zum Beleg öffnet der Wirt eine Schublade und holt einen alten Zigarrenabschneider hervor. Zeuge der noch älteren Geschichte des seit mehr als 300 Jahren bestehenden Gasthauses ist vorm Wohngebäude eine alte Handpumpe. Dort wurden die Pferde von Kutschen und Fuhrwerken getränkt, die auf der Route von Gießen nach Biedenkopf und auch weiter unterwegs waren. Eins ist über all die Jahrhunderte unverändert geblieben, da sind sich Klaus und Margot Immel sicher: die Gastfreundschaft bei Kriebs.  

von Hartmut Berge

 
Das Rezept
Hackbraten mit Pommes und Salat
von Margot Immel

Zutaten für vier Personen:  

  • Ein Kilogramm Schweinemett (250 Gramm pro Portion)
  • Sechs mittelgroße Zwiebeln
  • Margarine
  • Öl
  • Pfeffer und Salz

Zubereitung:

Das Schweinemett zu vier gleichgroßen Portionen Formen. Perfekt funktioniert das mithilfe von Einmalhandschuhen oder indem man etwas Öl auf die Hände gibt. Das Hackfleisch in der Pfanne anbraten, bis es Farbe annimmt. Im auf etwa 180 Grad vorgewärmten Ofen werden die Braten fertig gebacken.

Die in Ringe geschnittenen Zwiebeln werden in Öl in einer  Pfanne fertig gebraten. Margot Immel würzt die Zwiebeln kurz bevor sie gar sind, nur mit Pfeffer. Zum Hackbraten serviert die Küchenchefin vorzugsweise Jägersoße.

 

Gaststättensterben

Das Gaststättensterben auf dem Land schreitet scheinbar unaufhaltsam fort. Nach Ansicht des Landesvorsitzenden des Deutschen Hotel- und Gaststättenverbandes (Dehoga), Fritz Engelhardt, werden auch in den kommenden Jahren Tausende von betrieben schließen. Das sagte er Ende November der Deutschen Presseagentur. Gründe dafür sieht er zum einen im notorischen Personalproblem, von dem die Branche im ländlichen Raum besonders betroffen sei.

Zum anderen seien die Betreiber insgesamt in zunehmendem Maße herausgefordert, sich nicht nur gegen Mitbewerber im Takeaway-Bereich wie Burgerketten oder Dönerläden zu behaupten. Sondern sie müssten künftig auch gegen solche Angebote von Amazon oder großen Einzelhandelsketten wie Rewe bestehen. «Das sind absolut direkte Mitbewerber, mit denen wir uns auseinandersetzen müssen», sagte Engelhardt.

Die Dehoga kritisiert zudem seit Jahren das Arbeitszeitgesetz, das die maximale tägliche Arbeitszeit auf zehn Stunden deckelt. Solch starre Vorschriften widersprächen den tatsächlichen Erfordernissen in Hotels oder Restaurants. Der Verband plädiert dafür, stattdessen die wöchentliche Maximal-Arbeitszeit von 48 Stunden entsprechend des täglichen Bedarfs zu verteilen. «In der Summe bliebe die Arbeitszeit gleich, wir wären nur wesentlich flexibler», sagte Engelhardt.

Um mit den Gaststätten ein Stück Kulturgut zu bewahren, hatte der Branchenverband 2015 eine Beratungskampagne gestartet. In Hessen gab es 2002 noch knapp 3000 Betriebe. Deren Zahl ging bis vor zwei Jahren auf 1800 zurück. Bis zum Jahr 2020 rechnet Dehoga Hessen mit einem Rückgang von weiteren 40 Prozent. (dpa)  

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