Volltextsuche über das Angebot:

27 ° / 15 ° wolkig

Navigation:
Lerne zu hassen, und du lernst zu siegen

Softball Lerne zu hassen, und du lernst zu siegen

Wer Softball spielt, wird automatisch Teil eines Sportkrimis. Einem Psychothriller, der nicht auf Tempo, dafür aber auf nervenzerreißende Spannung setzt. Und auf Schmerz. Denn Muskelkater ist vorprogrammiert.

Voriger Artikel
Weicheifreie-Zone auf dem Rugby-Platz
Nächster Artikel
Freihändig dem Abgrund entgegen

Florian Lerchbacher, Softball-Spieler und OP-Redakteur, versucht Marie Schulz die Wurftechnik beizubringen.

Quelle: Nadine Weigel

Marburg. „Du musst Hass entwickeln“, schreit mir mein Trainer zu, bevor er den gelben Ball in die Luft wirft. Mein Blick ist konzentriert, ich beiße mir auf die Lippen, hole zum Schlag aus und treffe - nicht. Der Schläger saust durch die Luft, ich drehe mich um meine eigene Achse, fluche. Mit einem „Plopp“ landet der Ball vor meinen Füßen. Langsam kocht Wut in mir auf. Wut auf mich, meine unkoordinierten Bewegungen und irgendwie auch auf den Ball, der sich einfach weigert, zur richtigen Zeit am richtigen Ort zu sein. „Hass doch jetzt endlich mal!“, ruft mein Trainer in die Nacht hinein. Wieder wirft er den Ball, wieder beiße ich mir auf die Lippen und wieder schlage ich zu. „Klock“ - macht es. Metallern. Scheppernd. Der Ball donnert ins Netz und ich habe meine erste Lektion des Abends gelernt: Hasse, und du wirst siegen.

Lektion zwei trifft mich unerwartet am Unterarm. Softball ist kein Sport für Weicheier. Und das kleine Wörtchen „Soft“ ist eine glatte Lüge. Denn wer einen „Softball“ einmal abbekommen hat, der weiß: der gelbe Ball mit roter Naht hinterlässt blaue Flecken mit rotem Rand. Gejammert wird nicht. Das würde gegen den Kodex verstoßen. Denn wer einmal die Marburger Monsters beim Training beobachtet hat, der weiß: Auftritt ist alles.

Von den Spikes-besetzten Schuhen bis zur Baseballmütze sehen die Spieler aus, als seien sie geradewegs von einem Spielfeld irgendwo in Amerika ins Uni-Stadion gebeamt worden. Die Schlaghandschuhe stecken lässig in der linken Hosentasche, die Stutzen sind hochgezogen. „Eine gewisse Affinität zu der Kleidung ist bei uns allen vorhanden“, meint Martin Nord. Der 38-Jährige spielt schon seit mehr als zehn Jahren im Team der Monsters. Ein alter Hase also. Einer, der viel Geduld mitbringt, wenn es darum geht, Neulingen die hohe Kunst des Softballs beizubringen. Dann kann er sicherlich auch das Unmögliche möglich machen: das Spiel in drei Sätzen erklären. Er überlegt kurz. Schaut hilfesuchend zu OP-Redakteur und Softball-Spieler Florian Lerchbacher hinüber. Der holt tief Luft, kratzt sich am Kopf. Aus einem Satz werden zwei, dann drei, vier, viele. Es wird ein Monolog - gefüllt mit englischen Begriffen: Pitcher, Catcher, Defense, Offense, Inning, Outs, Fast-Pitch, Slow-Pitch.

Im Hinterkopf notiere ich mir: das Wörterbuch „Englisch-Deutsch“ gehört in die Sporttasche. Und schnell merke ich: Wer die Grundregeln von Softball verstehen will, der sollte es sich a) niemals nur erklären lassen, sondern b) zuschauen und sich einen Experten an die Seite holen. Für die, die es trotzdem wissen wollen: Zwei Teams stehen sich gegenüber. Die Mannschaft, die im Feld (Defense) steht, versucht, die Bälle der Gegner abzufangen (siehe Kasten). Punkten kann nur die Schlagmannschaft. Dazwischen wird geworfen, geschlagen, gefangen und gerannt.

Mit dem Schläger in der Hand stehe ich vorm Schlagmal. Hinter mir kniet der „Catcher“ in voller Schutzmontur. „Besser ist das“, denke ich im Stillen. Die Angst, ich könnte seine Schneidezähne anstatt des Balles treffen, ist berechtigt. Mein Blick ist auf die Hand des Werfers gerichtet. Meine Augen brennen. Ich traue sie auch nicht für einen Wimpernschlag zu schließen. Alle Geräusche um mich herum verschwinden. Vor meinem inneren Auge sehe ich überfüllte Zuschauertribünen, Menschen, die in Hot-Dogs beißen, eine Kapelle, die die Nationalhymne spielt. Ich gebe zu: Es geht mit meiner Fantasie durch. Fokus also wieder auf den Ball, Schläger wieder fest umgriffen. „Softball ist auch körperlich anstrengend - vor allem geht es auf die Psyche“, höre ich Martin Nord flüstern. Unruhig fasse ich den Schläger nach, tippele auf der Stelle. Lerchbacher wirft, ich schlage panisch nach dem Ball und treffe - ins Aus. Alles wieder auf Anfang. Zwei, drei, viermal geht das so. Meine Teamkollegen leiden an Langeweile, meine Psyche leidet unter dem Druck. Haltung bewahren, denke ich noch, als der nächste Ball auf mich zurast. Ich hole aus, treffe, führe ein Freudentänzchen auf und vergesse zu laufen. Lektion drei: Renn!

von Marie Lisa Schulz

Voriger Artikel
Nächster Artikel
Bild des Tages