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Koordination? Kann man die kaufen?

Abenteuer Sport Koordination? Kann man die kaufen?

Die Schuhe geschnürt, die Sporttasche gepackt. An alles habe ich gedacht. Nur nicht daran, mein Vokabelheft mitzunehmen. Denn wer Lacrosse spielen will, der muss erst einmal Englisch pauken.

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Zunge raus, Blick auf den Ball. Unsere Redakteurin musste erst nach ihrer Spielfreude suchen.

Quelle: Nadine Weigel

Marburg. Das, was ich im Laufschritt machen soll, sieht eher aus wie Stallausmisten. Aber gewiss nicht nach Lacrosse. Nur sammele ich keine Pferdeäpfel, sondern einen 200 Gramm schweren Hartgummiball mit dem Schläger auf.

 

Und alles nur, um ihn kurz danach wieder fallen zu lassen. Reichlich sinnlos, wenn man mich fragt. Aber mich fragt ja niemand. Ohnehin geht es schweigsam zu an diesem Trainingsmontag bei der Damenmannschaft der Marburg Saints. Konzentrierte Stille.

Denn Lacrosse, eine Abwandlung des Spiels, das schon von den nordamerikanischen Ureinwohnern gespielt wurde, erfordert nicht nur Kondition sondern auch ein Höchstmaß an Koordination. Und die habe ich nicht. Das, was zwischen Aufwärm-, Wurf- und Fang-Übungen gesprochen wird, verstehe ich nicht. Englische Trainingsanweisungen im Sekundentakt. Meine Augen blicken fragend hinter meiner glaslosen Schutzbrille hervor. Eine Brille, die mein Joch- und Nasenbein vor Schlägen schützen soll. Was bitte soll ich tun? Durch „cradeln“ den Ball im Schlägernetz halten? Und was bitte ist das, dieses Cradeln? Das, so erklärt mir Magdalena Heiser, Mitglied der Frauen-Nationalmannschaft und Spielerin bei den Marburg Saints, sei das Eindrehen des Schlägers mit einer gezielten Armbewegung. Aha. Hört sich einfach an, ist es aber nicht. „Der Bewegungsablauf kommt im Alltag nicht vor. Das muss ganz neu erlernt werden“, versucht sie mich zu ermutigen. Und wieso soll ich das tun? „Damit sich der Ball nicht wieder selbstständig macht“, gibt mit Heiser geduldig Antwort.

Versuche erinnern eher an eine Eierlauf-WM

Aber mein Ball macht sich selbstständig. Also cradele (englisches Wort für wiegen, schunkeln), fluche und scheitere ich. Immer wieder verliere ich meinen Ball. Immer wieder hebe ich ihn mit der Stallausmist-Bewegung auf. Noch bin ich vom Fangen und Werfen weit entfernt. Stattdessen balanciereich den Ball unsicher über das Feld, stolpere dabei über meine eigenen Füße. Ich sehe eher aus, als würde ich an den Eierlauf-Weltmeisterschaften teilnehmen als an einer Damen-Lacrosse-Trainingsstunde.

Ein bisschen eingeschüchtert schaue ich mich um. In den Augen meiner Mitspielerinnen erkenne ich Spaß und Spielfreude. Meine Augen, darin bin ich mir sicher, spiegeln in diesem Moment nur Frustration wider.

Lacrosse wurde mir als Sport der Jungen Wilden angekündigt. Mich lässt er ganz schön alt aussehen. Und ja, ich gebe zu: ich habe noch keinen Spaß. Ich bin talentfrei sobald ich koordinativ anspruchsvolle Bewegungsabläufe bewältigen muss. Gerade als die Stimmung zu kippen droht und ich mich nur durch Selbstbeherrschung daran hindere, meinen Schläger in die Ecke zu schmeißen, lockt Heiser mit einem Übungsspiel.

Zwölf Frauen, zwei Mannschaften ein Ziel: Den Ball in das gegnerische Tor bugsieren. Und plötzlich wird aus dem vorher so technischen, ja, fast statischen Training ein Laufsport. Einer, in dem schon nach wenigen Minuten der Herzschlag zu spüren ist. Vor Spielfreude, Aufregung und Anstrengung. Ein Sport,dessen Schnelligkeit mich immer wieder einholt.

Es wird gerannt, geworfen, gefangen. Fair und trotzdem hart geht es zur Sache. Ich versuche den Überblick zu behalten. Mische mich nur zögerlich in das laufende Spiel ein. Vorerst. Dann mache ich aber zum ersten Mal während des 90-minütigen Trainings alles richtig: ich stürze mich, Schläger voran, in das Spielvergnügen.

von Marie Lisa Schulz

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