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Keine Hindernisse, nur Herausforderungen

OP-Serie: Abenteuer Sport Keine Hindernisse, nur Herausforderungen

Marko Löhrke sieht die Stadt mit anderen Augen. Spielerisch überwindet er die grauen Mauern, springt über die höchsten Geländer und klettert Fassaden hinauf. Parkour ist für ihn mehr als Sport: es ist seine Bestimmung.

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Ob einarmiger Handstand oder gewagter Sprung mit anschließendem Salto: für Kevin Azghandi kein Problem (kleine Fotos). Auf dem Marburger Rudolphsplatz zeigt Marko Löhrke wie spektakulär er sich durch die Stadt bewegt. Fotos: Tobias Hirsch und Dennis Si

Quelle: Montage: Pavlenko

Marburg. „Es ist ganz einfach: Turnschuhe und Hose an - los gehts“, sagt Marko Löhrke und beantwortet damit die Frage, was man für den Parkour-Sport benötigt. Der 28-Jährige wärmt sich bedächtig auf, während seine Übungsgruppe schon dabei ist, sich ihr urbanes Umfeld durch Sprünge und Klettern zu erschließen. Die bunt zusammengewürfelte Clique hat sich an diesem Tag in zentraler Lage am Marburger Rudolphsplatz zusammengefunden. Schnell verliert der Brunnen in der Mitte des Platzes seinen eigentlichen Zweck - nun ist er Teil eines übergroßen Spielplatzes, den sich die Sportler zu eigen machen.

 

Beim Parkour geht es darum, den schnellsten und effizientesten Weg vom Startpunkt zu einem selbst gewählten Ziel zu nehmen. Blumenbänke, Mülltonnen, Gräben, Häuser oder Garagen werden dabei übersprungen oder überklettert. Es gibt praktisch keine Hindernisse für die Stadtakrobaten - nur Herausforderungen. „Solange man nichts kaputt macht, ist man rechtlich abgesichert - die meisten Leute stehen uns aber positiv gegenüber“, berichtet Löhrke, der täglich zwei bis vier Stunden trainiert.

Springen ohne Risiko

Möglichst flüssig und elegant sollen die Bewegungen aussehen, sagt Löhrke und schaut in Richtung des 16-Jährigen Kevin Azghandi, der sich gerade von einem Steinblock abstößt und nach einem Rückwärtssalto sicher auf dem Kopfsteinpflaster landet. „Die Verletzungsgefahr ist auch nicht größer, als bei gewöhnlichen Ballsportarten“, sagt der ehemalige Kampfsportler Löhrke. Der Trick sei, keine Risiken einzugehen, keinen Sprung zu probieren, wenn man sich nicht absolut sicher sei, ihn auch zu stehen. Deshalb nutzen die jungen Parkour-Läufer auch die Möglichkeit in Sporthallen zu trainieren, zum Beispiel in Gladenbach beim örtlichen Turnverein.

Das Ergebnis der Trainingseinheiten bestaunen auch die Passanten am Rudolphsplatz: viele bleiben staunend stehen, machen Handyfotos von den spektakulären Aktionen oder sprechen die in Jogginghosen gekleideten Sportler direkt an. „Parkour gibt mir die Freiheit, zu tun was ich will. Es gibt keine starren Grenzen“, sagt Löhrke, der den Trendsport auch als Thema in seiner Examensarbeit aufgegriffen hat.

Ein Sport ohne Wettbewerbe

Seit drei Jahren setzt sich der 28-Jährige intensiv mit Parkour auseinandersetzt und hat mittlerweile ein echtes Freizeit-Netzwerk aufgebaut, das sich von seinem Wohnort Gießen, über Marburg bis nach Gladenbach erstreckt. Erwähnenswert sei der integrative Faktor des Trendsports: über ein Drittel der etwa 50 Aktiven haben einen Migrationshintergrund, berichtet Löhrke. „Wir sind eine enge Gemeinschaft und freuen uns immer über neue Gesichter. Jeder wird herzlich aufgenommen“, stimmt der 16-Jährige Dmitry Guralnik zu.

Obwohl die Jugendlichen sich gegenseitig fordern und anspornen lehnt Löhrke einen Wettkampfcharakter ab: „Ich bin gegen kommerzielle Events, denn dann steigt das Verletzungsrisiko an, weil die Jungs sich unter Druck gesetzt fühlen.“ Angst davor, den Sport im Alter nicht mehr ausüben zu können, hat Löhrke nicht und sagt mit einem Lächeln: „In einem Internet-Video habe ich gesehen, wie ein 83-Jähriger einen Salto macht. Jetzt weiß ich also ganz genau, wo die Grenze liegt.“ Die gesamte Parkour-Gruppe bricht nun auf Richtung Mensa, einem anderen „Spot“, wie die Jugendlichen sagen. Auf dem Weg präsentiert Löhrke die T-Shirts mit dem selbst kreierten Logo der Freizeitsportler. Das Kleidungsstück steht auch für den Zusammenhalt der Gruppe, die stetig wächst. Ein Erfolg - besonders für Löhrke, der sich eine Leben ohne Parkour nicht mehr vorstellen mag. Am Elisabeth-Blochmann-Platz angekommen, fallen die Rucksäcke zu Boden und das Spiel mit der Stadt beginnt erneut: aus allen Richtungen springen die Jungs heran. Wer sich sportlich betätigt, muss sich auch wieder stärken - auch hier halten sich die Akrobaten an das, was die Stadt ihnen bietet: heute die Lieblingspizza vom Schnellimbiss.

von Dennis Siepmann

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